Buchtipp: Thomas Melle, „Das leichte Leben“ Auf der Suche nach dem verlorenen Sex
In seinem neuen Roman „Das leichte Leben“ hält Thomas Melle einer übersexten Gesellschaft den Spiegel vor – und lässt ihn in tausend Teile zersplittern.
In seinem neuen Roman „Das leichte Leben“ hält Thomas Melle einer übersexten Gesellschaft den Spiegel vor – und lässt ihn in tausend Teile zersplittern.
Schon im ersten Satz bespringt der Vogel den Vogel, und was man mit dem zugehörigen Verb verbindet, durchzieht den ganzen Roman. Kathrin, eine zur engagierten Gymnasiallehrerin gereifte ehemalige Szeneliteratin, sucht auf einer Sexparty nach dem Kick, den sie mit ihrem Mann, nicht mehr findet. Der, ein Boulevardfernseh-Moderator, hat eine Affäre mit einer Volontärin und wird von anonym versandten Bildern heimgesucht, aus einer zurückliegenden Zeit in einem Jesuiten- Internat.
Der Absturz einer Vorzeigefamilie – natürlich hat man darüber schon tausendmal gelesen. Aber genau davon handelt Thomas Melles neuer Roman „Das leichte Leben“ – nicht von der Sache selbst, sondern vom Überdruss. Der Titel erinnert an Fellini, der Reigen der Begehrlichkeiten an Schnitzler, die bürgerlichen Zerfallsmomente an Thomas Mann und der pädophile Amoralismus an Nabokov. Es gehört kein Belesenheitsscharfsinn dazu, das zu erkennen. Die Figuren sind übersext, übertextet und von Bildern überflutet – Bildern, die sie im Bett nachstellen, und die auf verschiedene Weise die Herrschaft über sie ausüben.
Mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ hat Thomas Melle eine bipolare Persönlichkeitsstörung in ein Stück Weltliteratur verwandelt. Ein den unbarmherzigen Determinanten der psychischen Erkrankung abgetrotztes Leben gewinnt darin Gestalt, in seiner untergründigen Wechselbeziehung zu dem, was in einer Gesellschaft insgesamt schief läuft, in der das Internet die Ökonomie der Triebe reguliert, die Popkultur das Reich der Träume und das Geld den tristen Rest. Hierher kehrt er nun zurück, die Manie im Rücken.
Die flimmernde Bildfolge dieses leichten Lebens zeigt Szenen einer erkaltenden Ehe. Die unbarmherzigen Determinanten sind hier eine von Zeichen, Bildern, Texten kontaminierte Welt, gegen die sich die ambitionierten Lebensmodelle dieser bessergestellten Unhappy Few vergeblich zu behaupten versuchen.
„Sex war immer nur eine schlechte Kopie der ihm vorgeschalteten Fantasien“, beobachtet Kathrin an sich und ihrer Umgebung. Und das gilt nicht nur für alte Ehepaare oder die spannungslose polyamouröse WG ihrer Agentin. Es gilt auch für jene, die die vorgeschalteten digitalen Fantasien schon vor jeder realen Erfahrung ziemlich ausgelaugt haben. „Wie banal das Große sein konnte, das erste Mal – weg, einfach weg, abgehakt, und er war stolz, aber worauf, und er wurde dabei auch schon wieder nüchtern, wenn er es nicht schon längst war, schon vorher gewesen war, schon immer: nie berauscht.“ So empfindet der junge Keanu den erstmaligen Nachvollzug unzähliger pornografischer Begegnungen auf einer Clubtoilette.
Eine Cyber-Mobbing-Affäre hat ihn zum Schulwechsel gezwungen. So ist er in Kathrins Familie geraten, um die Erschöpften wieder auf Trab zu bringen. Alle verfallen ihm. Oder ist das etwa schon wieder Literatur? Die große bürgerliche Erzählung wollten Kathrin und ihr Mann leben, „in aller Konsequenz und nach den Regeln der Kunst der Gattung.“ Das gelingt besser, als ihnen lieb sein kann. Vor Überdruss schüttelt sich Jan bei der Aussicht auf einen gemeinsamen Theaterbesuch: „Schon wieder eine Familienkatastrophe“. Genau darauf läuft es auch bei ihnen hinaus.
Keanu, selbst Wiedergänger einer Filmfigur, macht wie der schöne Tadzio in Thomas Manns „Tod in Venedig“ Kathrins müde Fantasien munter. Sie leidet unter einer Fiktionsallergie, wie viele ihrer zeitgenössischen Kolleginnen und Kollegen: „Sie konnte es einfach nicht mehr aushalten, sich ausgedachte Geschichten vorsetzen zu lassen, die irgendwem aus dem Kopf gepurzelt waren und nun sinnlos herumeierten wie die unerträglichen Kinder in den Biedermeiercafés. Nein, sie brauchte das reale Leben“. Nun schreibt sie wieder, doch aus dem wirklichen Leben wird umgehend eine Cover-Version von Nabokovs „Lolita“, Literatur, nach allen Regeln der Kunst.
Melles eigene Fiktion ist durchflutet von realen Affekten. Seine Sprache ist gebraucht, schmutzig, entlehnt - und bebt zugleich vor Widerwillen darüber. Dem tausendmal Abgeleiteten gewinnt sie damit eine Authentizität und Ausdruckskraft zurück, die diese Geschichte und ihre Banalitäten nicht nur wieder erzählbar macht, sondern zu einem unerwarteten Ausgang führt.
Am Ende stehen wieder Vögel. „Die Möwen hingen schräg im Wind, von der wilden, kalten Sonne beschienen, und stießen ihre Schreie aus, gellend, hell und hässlich, und die Schreie zersprangen sofort im Licht.“ Das gegenseitige Bespringen haben sie hinter sich. Ihr misstönendes Geschrei begleitet den Weg in eine offene Zukunft.
Mag dieser Roman der Schönheit entraten, umso treuer ist ihm das Porträt einer in sich gefangenen Gesellschaft gelungen, deren triebhafte Spiegelwelten unter seiner so grellen wie erhellenden Attacke in tausend Teile zersplittern.
Thomas Melle: Das leichte Leben. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 352 Seiten, 24 Euro.