Stuttgart - Vor zehn Jahren dümpelte die SPD in der Opposition vor sich hin. Analysten waren davon überzeugt, dass sie nie mehr das sein würde, was sie einmal war. Und alle warteten auf ein Wunder. Auch der wissenschaftliche Mitarbeiter eines sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten, der gerade ein Thesenpapier in volkstümliche Rede umschreibt, während im Bundestag der Vizekanzler von der FDP sein neoliberales Credo in die Welt posaunt: „Den Tüchtigen bieten wir immer eine Chance“. Damit beginnt der neue Roman von Ulf Erdmann Ziegler, der, wie der Titel nahelegt, „eine andere Epoche“ beleuchtet, aber vor den anstehenden Wahlen aktueller nicht sein könnte. Nicht nur deshalb, weil die Sache mit dem Wunder, wie es scheint, ja noch nicht ganz aus der Welt ist.
Doch zunächst einmal sind es zwei große Krisen, die die Zäsur markieren, auf die der Titel anspielt: zum einen die Ereignisse, die zum Rücktritt des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geführt haben, zum anderen das kolossale Versagen bei der Aufklärung der Mordserie des rechtsextremen NSU. Ein Untersuchungsausschuss soll Licht in die Affäre bringen, und er wird von eben jenem SPD-Abgeordneten geleitet, dessen Büroleiter der Gewährsmann und eigentlicher Protagonist der erzählten Ereignisse ist. Er heißt Wegman Frost, und wenn er nicht gerade Reden schreibt oder Schülergruppen erklärt, warum die Sitze im Bundestag blau sind, versucht er der schlauen Tochter seiner Lebensgefährtin nahezubringen, dass es ein Problem sein könnte, wenn sich Bundespräsidenten von ihren Freunden zum Eis einladen lassen.
Kampf gegen Fremdenhass
Doch hat dieses Buch nichts gemein mit der pädagogischen Aufbereitung der jüngeren politischen Zeitgeschichte, auch wenn in jenem Vizekanzler Philipp Rösler von der FDP und in dem unerbittlichen Aufklärer im NSU-Untersuchungsausschuss der SPD-Politiker Sebastian Edathy deutlich zu erkennen sind. Ulf Erdmann Ziegler geht es wie in anderen seiner Romane auch um die Wechselbeziehung zwischen den Systemen, die unser Leben ordnen, und den realen Verhältnissen.
Sowohl mit seinem Chef als auch mit dem liberalen Vizekanzler verbindet Wegman Frost eine lange gemeinsame Geschichte. Alle drei sind in der Politik heimisch geworden, weil ihnen das Gefühl, heimisch zu sein, keine Selbstverständlichkeit war. Der stets muntere Propagandist der Tüchtigkeit wurde einst als namenloses Baby aus dem brennenden Saigon gerettet; der gegen die unfassbaren Versäumnisse kämpfende Abgeordnete hat einen indischen Vater und sein Büroleiter mit dem merkwürdigen Namen wurde vom eigenen Onkel adoptiert. Bevor sich ihre Wege in unterschiedliche politische Lager gegabelt haben, sind sie vereint gegen Fremdenhass aufgetreten.
Wer hat Interesse an einem Kinderporno-Skandal?
Der Patriotismus, dem sie sich verpflichtet fühlen, gilt der Verfassung. Je mehr aber über die Morde der rechten Terrorzelle bekannt wird, desto mehr wird dieses Vertrauen erschüttert. Es wackelt im Gebälk des Staates. Wie hängen diese Erschütterungen mit der Korruptionsaffäre um den Bundespräsidenten zusammen? Mit den infamen Gerüchten über seine Frau? Oder gar mit dem Bekenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre? Und wer könnte ein Interesse daran haben, dass der Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses in den Verdacht gerät, kinderpornografisches Material besessen zu haben?
Ulf Erdmann Ziegler verfolgt keine in Romanform gekleidete Agenda. Die Hintergründe, die er beleuchtet, geben keinen neuen Spekulationen Raum, sondern zeigen die Arbeit hinter der Schauseite eines Berufsbildes: Wie sich die beim Bohren dicker Bretter anfallende Späne im Lauf der Zeit über manche Überzeugung legt, wie sich Karrieren formieren und wieder auflösen und welche Rolle dabei Medien und öffentliche Skandalisierungsbereitschaft spielen.
Die Verquickung von Privatem und Öffentlichem ist in der Politik ein Problem, für die Literatur aber ein Segen. Ihre Wahrheit ist anderer Art als die von Untersuchungsausschüssen. Näher als hier kann man dem Betrieb kaum rücken, über dessen epochenstiftende Kraft in diesem Wahljahr neu entschieden wird.
Info
Ulf Erdmann Ziegler: Eine andere Epoche.
Roman. Suhrkamp Verlag. 256 Seiten, 24 Euro.