Buchtipp: Wolf Haas, „Wackelkontakt“ Wenn der Elektriker zweimal klingelt

Vorsicht, diese Berührung verspricht Hochspannung Foto: imago images/Shotshop/Sergey Nivens via www.imago-images.de

Das Literaturjahr beginnt mit einem Meisterwerk: Wolf Haas schließt in „Wackelkontakt“ zwei erzählerische Schaltkreise zusammen, dass die Funken nur so sprühen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Ist große Kunst erst einmal zum Puzzle geworden, ist es um sie geschehen, könnte man meinen. Doch bei dem österreichischen Autor Wolf Haas fängt hier der Spaß erst an. Spiel und erhabener Hintersinn fügen sich bei ihm seit je zwanglos zusammen, egal ob der unverwüstlich irdische Privatkommissar der Brenner-Romane in seiner universalistischen Privatsprache mit dem lieben Gott kommuniziert, oder ob wie zuletzt in „Eigentum“ das Erinnerungsbuch an die Mutter insgeheim in eine Poetikvorlesung überführt wird.

 
Wolf Haas Foto: Rainer Iglar

Der Protagonist von Wolf Haas‘ neuem Roman heißt Escher – richtig, wie jener ingeniöse grafische Architekt visueller Truggebilde, die den Betrachter mit endlosem Treppensteigen oder anderen paradoxen Effekten konfrontieren. Als Motive sind die Bildwelten des niederländischen Täuschungskünstlers so populär wie die Schöpfungszündung des Fingerspitzenkontakts von Michelangelos „Erschaffung Adams“, mithin ein Fall für den fleißigen Reproduktionstrieb der Liebhaber von Künstlerpuzzles.

Elektriker im Zeugenschutz

Ein solcher ist der Escher des Romans, seit ihm zu Studentenzeiten eine umworbene Kommilitonin das in tausend Teile zerlegte Bild seines Namensvetters geschenkt hat, auf dem sich zwei Hände auf verblüffende Weise gegenseitig zeichnen. Aus der erhofften Verbindung mit der jungen Frau ist nichts geworden, die Leidenschaft, Auseinanderliegendes zusammenzufügen aber ist geblieben. Mittlerweile findet sich ein ausgestanzter Querschnitt der Kunstgeschichte in seinem Regal, darunter auch Meisterwerke des Manierismus wie Parmigianinos „Madonna mit dem langen Hals“, was für die stilistische Einordnung des Romans selbst vielleicht nicht ganz ohne Belang ist.

Eben hat sich Escher die Zeit des Wartens auf den Elektriker, der den Wackelkontakt einer defekten Steckdose beheben soll, mit der Fortgeschrittenenversion der „Großen Welle vor Kanagawa“ vertrieben. Doch der Handwerker ist immer noch nicht erschienen, weshalb er zu einem am Vorabend begonnenen Buch greift, eine Mafiageschichte, Eschers andere Leidenschaft.

Damit ist man beim zweiten Protagonisten dieses sich fortan zwischen zwei Polen entwickelnden Erzählstroms angekommen: ein Kronzeuge der ‘Ndrangheta, der sich in einem Zeugenschutzprogramm ein neues Leben als Elektriker in Deutschland zugelegt hat, nebst Spracherwerb. Weil man eine Fremdsprache nun einmal am besten lesend lernt, vertieft er sich immer wieder in das Buch, das ihm ein deutscher Knastkollege mit auf den Weg gegeben hat. Und darin passiert genau das, was jener Puzzlefreund gerade erlebt.

Intime Kenntnis alles Menschlichen

Zwei Romane, die sich gegenseitig erzählen, schon dies allein wäre kunstfertig genug. Und man könnte nun Begriffe wie Mis en abyme oder Metalepse aus dem literaturwissenschaftlichen Werkzeugköfferchen holen, um diesem erzählerischen Wackelkontakt eine fachmännische Fassung zu verpassen, Begriffe, die die Verwirrung verklausulieren, wenn sich die Darstellung auf der Ebene des Dargestellten noch einmal selbst begegnet. Überall schauen sich Spiegelfiguren über die Schulter, bilden sich Schleifen: sei es die Todesspirale, in der kalabrische Mafia-Witwen ihre verwaisten Söhne zu Prinzen erziehen, die zu brutalen Mördern heranwachsen und wieder neue Witwen erzeugen; oder sei es die Skepsis, die Escher seinen Arbeitskollegen unterstellt und damit erst eigentlich erzeugt.

Nebenbei: Von Beruf ist Escher Totenredner und hat über seine Erfahrungen auf diesem Gebiet schon einen allerdings wenig erfolgreichen Schlüsselroman mit dem Titel eine „Traurige Angelegenheit“ geschrieben. Ein weiteres Buch, das hier zirkuliert, wie überhaupt alle Aggregatzustände literarischer Arbeit berührt werden auf dem Weg zu dem Spannungspunkt, an dem die Erzählkreise aufeinandertreffen. Die verzwickten Verschaltungen böten Stoff für mehrere Doktorarbeiten. Aber bis sie geschrieben sind, kann man sich erst einmal getrost wie die beiden Protagonisten dem ungeheuren Vergnügen der Lektüre ihrer Geschichten überlassen, in den satten Farben einer intimen Kenntnis alles Menschlichen.

Denn das ist es, was dieser Roman auf seine eigene elektrisierende Weise zeigt: dass das Bild des Ganzen aus lauter Einzelteilen besteht, die man nur richtig zusammensetzen muss. Kein Geschichtenerzählen ohne Analyse. Auf den Schnitt kommt es an, würde Eschers kunstgeschichtlich beschlagene Kollegin mit dem langen Hals sagen, die an einer Dissertation über Enthauptungen schreibt. Oder in die Erfahrungswelt eines Elektrikers übersetzt: erst einmal den Strom kappen, bevor es an die Arbeit geht.

In Eschers Puzzle-Bibliothek finden sich zwei fehlerhafte Versionen von Gustave Courbets „Ursprung der Welt“ und Michelangelos „Erschaffung Adams“. An den entscheidenden Stellen fehlt jeweils ein Teilchen. Was für ein Ärgernis. Texte jedoch leben von Leerstellen. Damit kommen die Lesenden ins Spiel wie die eigentlichen Akteure hier überhaupt Lesende sind. Nicht nur die dahinstreichende Zeit bis der Elektriker zweimal klingelt füllt dieser Roman mit Sinn. Unterhaltsamer kann man in die Geheimnisse der Schöpfung und die Allmacht der Fiktion nicht eingeführt werden.

Wolf Haas: Wackelkontakt. Roman. Hanser Verlag. 240 Seiten, 24 Euro.

Info

Autor
In Österreich, aber längst nicht mehr nur dort, verehrt man Wolf Haas wie einen Popstar. Der 1960 in einem Dorf im Salzburgischen geborene Autor lebt in Wien. Sein Studium schloss er mit einer Dissertation über die „Sprachtheoretischen Grundlagen der konkreten Poesie“ ab.

Werk
Für sein Werk erhielt Wolf Haas unter anderem den Bremer Literaturpreis, den Wilhelm-Raabe-Preis und den Jonathan-Swift-Preis. Er veröffentlichte die Romane „Das Wetter vor 15 Jahren“ (2006), „Verteidigung der Missionarsstellung“ (2012) und „Junger Mann (2017) sowie neun Brenner-Krimis. Zuletzt erschien der Mutter-Roman Eigentum, der mit dem Erich Kästner Preis 2024 ausgezeichnet wurde.

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