Selbst Venedig rückt bei Yasmina Reza aus ungewohnter Perspektive in den Blick. Foto: www.imago-images.de/Eberhard Thonfeld via www.imago-images.de
Mit Dramen kennt sich die französische Autorin Yasmina Reza aus. In ihrem neuen Buch „Die Rückseite des Lebens“ begibt sie sich auf eine Bühne, deren Stücke das Leben selbst geschrieben hat: das Gericht.
Früher waren nur die Mächtigen tragödienfähig, die einfachen Leute mussten den Umweg über die Komödie auf die Bühne nehmen. Historisch gesehen ist dem Bürgerlichen Trauerspiel das Lustspiel einbeschrieben, weil nur auf diese Weise die Standesklausel umgangen werden konnte. Daran hat sich manches geändert, doch wenn man auf die Komödien blickt, mit denen Yasmina Reza zu einer der meistgespielten Dramatikerinnen der Gegenwart wurde, dauert es nicht lange, bis messerscharfe Dialoge die heiteren Kulissen zerfetzt haben, um dahinter ein dionysisches Spektakel der Triebentfesselung sichtbar zu machen.
Yasmina Reza Foto: Pascal Victor
In Stücken wie „Kunst“ oder „Gott des Gemetzels“ sind es in der Regel die Besserverdienenden, die aus heiteren Sphären in Abgründe der Gewöhnlichkeit stürzen: Ein Wort gibt das andere, und inmitten gepflegter Verhältnisse brechen Gräben auf, aus denen das Magma aufgestauter Affekte quillt. Gepflegte Frauen verwandeln sich in ordinäre Straßenköter und ihre kaschmirbetuchten Männer in kindische Egoisten.
Wohin mit der Leiche
Auch wenn die französische Autorin zuletzt die Gefrierschnitte ihrer Gesellschaftsdiagnosen vermehrt im Medium erzählender Literatur präsentiert hat, behält man die Dramatikerin immer im Hinterkopf. So auch bei den Prosastücken ihres neuen Buches „Die Rückseite des Lebens“. Es enthält Szenen, die sie zum großen Teil vor Gericht erlebt hat, auf der Bühne also, wo sich die traurigen Dramen abspielen, die, wie man so schön sagt, das Leben geschrieben hat. Doch bei Yasmina Reza erfahren sie eine gründliche Nachbearbeitung.
Jahrelang ist sie durch Frankreich von Gericht zu Gericht gereist, um Prozesse zu beobachten, in denen entsetzliche Taten verhandelt werden, begangen von unscheinbaren Leuten, überfordert, unergründlich oder schlimmeres. Eine Krankenpflegerin jagt ihrem Mann eine Kugel in den Kopf, um aus einem glanzlosen, ausgedörrten Leben auszubrechen. Aber wohin mit der Leiche? Hier vergiftet ein Erbschleicher eine ältere Frau nach der anderen, um seinen hoch verschuldeten Fleischgroßhandel zu retten. Dort überlässt eine junge Mutter ihr Neugeborenes an einem nordfranzösischen Strand der anrückenden Flut.
In Montpellier geht es um einen alten schmerbäuchigen Mann, der im Internet mittels eines Profilbilds in der Art Richard Geres Frauen so zu verblenden vermochte, dass sie sicher waren, es mit einem Prinzen zu tun zu haben, bis sie zu spät den Frosch neben sich gewahrten. Eine der Betrogenen stürzt nach der schamvollen Entdeckung nach Hause, um dem digitalen Phantom-Beau ihr Leid zu klagen. Und in Nantes steht Hubert vor den Schranken des Rechts, der die gesamte Familie seiner Frau ermordet, ausgenommen und zerstückelt hat. „Hubert ist an sich kein schlechter Mensch, wie man sagt“, beginnt Reza ihre Skizze.
Nein, das sind weder Geschichten vom kleinen Amtsgericht, die genüsslich ausgeschlachtet würden, noch voyeuristisch aufbereitete True-crime-Leckerbissen. Die Beobachterin protokolliert von der Hinterbühne des alltäglichen Welttheaters aus die Rückseite des Lebens. Mit ratlosem Staunen verfolgt sie die vergebliche Beharrlichkeit einer Richterin, die alles daran setzt, die zerstreuten Glieder in eine Ordnung zu bringen, das sinnlose Gemetzel auf einen rationalen Grund zurückzuführen und das Böse erklärbar zu machen.
Schnappschüsse in höchster sprachlicher Auflösung
Warum soll man sich das antun? Weil die menschliche Hinfälligkeit nun einmal der Gegenstand des Komödiendichters ist, auch wenn sie sich zu finstersten Tragödien auswächst. Yasmina Reza sucht nichts zu rechtfertigen, aber die Gefallenen stehen ihr näher als die Glänzenden.
In den Katalog der Trostlosigkeit aus dem Strafgericht sind Episoden aus Rezas Leben eingelegt, Erinnerungen an Freunde, den Regisseur Luc Bondy oder den ungarischen Literaturnobelpreisträger und KZ-Überlebenden Imre Kertész. Hier und dort finden sich in höchster sprachlicher Auflösung Schnappschüsse aus den Gassen Venedigs, wo die Autorin eine Wohnung besitzt. Eben saß der Schauspieler Bruno Ganz noch im Straßencafé, dann ist er gestorben – nun sitzt er wieder da. Oder dieser weinende Teenager: in seinem Rollkoffer schleift er ein ungeschriebenes Drama rumpelnd hinter sich her.
Aller Illusionen entkleidet zeigt sich die nackte Wahrheit in einer eigenen Form der Schönheit. Eines der Stücke ist Aufnahmen der amerikanischen Fotografin Diane Airbus gewidmet. In ihrer wahlverwandten Beschreibung fährt Reza zärtlich die Züge einsamer Nachtgestalten nach, deren ganze Anstrengung dem Überleben gegolten hat.
Immer wieder eilt dem Schrecken auch die Komik zu Hilfe, so in der entwaffnenden Gemeinheit von Senhora Benedita, die wegen der Kohlendioxiddämpfe eines defekten Boilers ihren Sohn verloren hat und sich bei aller Trauer um den Verlust doch glücklich schätzt, dass es nicht sie getroffen hat. Man wird sie nicht so schnell vergessen.
Genau das aber ist es, was Yasmins Reza diesen anfechtbaren, zweifelhaften Figuren bieten kann. Sie macht sie nicht schöner oder besser, als sie sind. Aber sie nimmt sie auf in das Personenverzeichnis der tiefernsten menschlichen Komödie, zu der die Welt geworden ist, nachdem sich der Glaube an Götter, Vernunft oder irgendeine andere ordnende Hand im Schnürboden des Schicksals verabschiedet hat.
Yasmina Reza: Die Rückseite des Lebens. Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Hamm. Hanser Verlag. 200 Seiten, 24 Euro.
Info
Autorin Yasmina Reza wurde 1959 in Paris als Tochter einer weitverzweigten jüdischen Familie geboren, ihr Mutter war eine ungarischen Geigerin, ihr Vater ein iranischer Ingenieur. Sie studierte Soziologie und Theaterwissenschaften in Paris. Sie begann ihre künstlerische Laufbahn als Schauspielerin, wurde aber vor allem als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Drehbüchern bekannt.
Werk Ein weltweites Publikum erreichte Reza mit ihren Stücken „Kunst“, „Drei Mal Leben“ und „Der Gott des Gemetzels“. Letzteres wurde 2011 unter demselben Titel von Roman Polanski verfilmt. Für ihr Werk wurde sie unter anderem mit dem Jonathan-Swift-Preis 2020, dem Premio Malaparte 2021, dem Prix de l’Académie de Berlin 2022 und dem Prix Mondial Cino del Duca 2024 ausgezeichnet.