Buchtipps für die Kleinen Die schönsten Kinderbücher über das Meer
Von Abenteuer bis Umweltfrevel: Wie sehr unser Bild vom Meer im Wandel ist, lässt sich an vielen Kinderbüchern ablesen. Wir stellen vier Neuerscheinungen vor.
Von Abenteuer bis Umweltfrevel: Wie sehr unser Bild vom Meer im Wandel ist, lässt sich an vielen Kinderbüchern ablesen. Wir stellen vier Neuerscheinungen vor.
Stuttgart - Welche Erwartungen verbinden sich mit einem Roman, der das Wort Meer im Titel führt? Das Zuhause von Piraten und Seeungeheuern, von einsamen Inseln und grenzenloser Weite steht für Abenteuer und Reiseromantik. Seit der Odyssee ist das Meer auch ein literarischer Ort, um die eigenen Grenzen zu erkennen und zu überwinden; einzelne Facetten wie Sturm, Schiff, Hafen sind für sich genommen schon starke Bilder, die Assoziationen und Emotionen auslösen und das Zeug zur Daseinsmetapher haben.
Auch in der Kinderliteratur ist die mit dem Meer verbundene Freiheit ein beliebtes Motiv. Doch wer die Flut an Neuerscheinungen sichtet, die das Meer im Titel führen, der findet dort den Spiegel für eine aktuelle Entwicklung. Nicht nur Abenteuer und Urlaubsfröhlichkeit sind Themen, das Meer tritt immer häufiger als problematischer Ort auf: als Grab für Menschen auf der Flucht, als von Plastikmüll ruiniertes Idyll, als eine durch die Klimakatastrophe aufgeheizte Bedrohung. In diesem breiten Spektrum an Rollen tritt das Meer auf in den vier Kinderbüchern, die wir hier vorstellen.
Dem britischen Autor Chris Vick ist mit seinem deutschen Debüt ein fast klassisches Abenteuer geglückt, aus dem der jugendliche Held Bill gereift hervorgeht. Dessen Odyssee beginnt nördlich der Kanaren, als die Segeljacht, auf der er mit anderen Jugendlichen die Ferien verbringt, in einem Sturm sinkt. Während es der Rest der Crew aufs Rettungsfloß schafft, strandet Bill mit ein bisschen Proviant und einem Notizbuch im Beiboot.
Vick erzählt aus der Perspektive des Jungen vom Kampf gegen eine übermächtige, tiefgründige Natur: Von oben brennt die Sonne, dem Meer sind Überlebensmittel nur mit Tricks und Kaltblütigkeit abzuluchsen. „Dies ist kein Ort. Dies ist Nirgendwo. Ich bin allein, in einem Ruderboot auf dem Atlantik. Ich bin 15. Ob ich noch 16 werde, weiß ich nicht“, notiert Bill.
Als er am dritten Tag ein marokkanisches Mädchen aus dem Meer zieht, kommt neuer Mut an Bord: Aya, mit einer besonderen Beute auf der Flucht, gehört zu einem verfolgten Stamm, in dem das Geschichtenerzählen Tradition hat; ihre Variationen aus „1001 Nacht“ spiegeln das Schicksal der Schiffbrüchigen und befeuern ihren Überlebenswillen, der dennoch am Ende nur noch schwach glimmt. Eine einsame Insel mit einem modernen Robinson Crusoe, Haiattacken: Was real, was fantasiert ist, verschwimmt im Delirium des Erzählers. Chris Vick lässt spannend Kulturen und Schicksale aufeinandertreffen, so dass man „Allein auf dem Meer“ in einem Rutsch verschlingt.
Chris Vick: Allein auf dem Meer. Verlag Beltz & Gelberg. 272 Seiten. 15 Euro. Ab 11
Allein ist auch das Seehundkind Minik unterwegs – in der Ostsee. Es ist zu neugierig, um seinem Rudel auf der gewohnten Route zu folgen. Jetzt steckt es ganz ohne Aufsicht seine Nase in Dinge, die richtig gefährlich sind: Minik muss sich aus einem Fischernetz befreien, verheddert sich in Plastiktüten, verliert unter einem Blaualgenteppich die Orientierung, ist mit giftigen Schmierfetten aus dem Nord-Stream-2-Bau und vor sich hin rostender Munition aus dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert.
Antonia Michaelis blickt aus tierischer Perspektive auf die Welt über und unter Wasser und kann in „Minik – Aufbruch ins weite Meer“ so den Menschen als fremdartiges Wesen ins Visier nehmen. Und dieses Wesen ist in seiner ausgewachsenen Form aus tierischer Perspektive ein ziemliches Ärgernis. Ganz klar: Der Loewe-Verlag will in seiner neuen Reihe über das geheime Leben der Tiere den Ozean nicht nur als Ort der Wunder vorstellen, sondern auch als Problemzone. Die junge Generation darf staunen über das, was die anderen vor ihr alles verbockt haben. Auf jedes Abenteuer folgt ein Info-Kapitel, das erklärt und zusätzliches Wissen vermittelt.
Antonia Michaelis: Minik – Aufbruch ins weite Meer. Loewe-Verlag. 186 Seiten. 9,95 Euro. Ab 8
Wer noch mehr über das Meer wissen will, ist beim neuen Buch von Jees French genau richtig. Die britische Tierärztin ist an der Küste aufgewachsen und schreibt aus emotionaler Verbundenheit heraus. Nicht nur diese Faszination hebt ihr Sachbuch „Die verborgene Welt der Ozeane“ von den vielen anderen zum Thema ab. Wie sie in einem Meeresboden-Querschnitt bis in den Mariannengraben abtaucht, wie sie nicht nur die Bewohner der Meere, sondern auch ihre Strömungen und ihre Erforschung beschreibt, ist lehrreich und eindrucksvoll bebildert. Aber auch hier steht am Ende ein Paradies, das Plastikmüll, Überfischung und Klimakatastrophe bedrohen. Jetzt handeln und Ozeane schützen, lautet Frenchs Appell.
Jees French: Die verborgene Welt der Ozeane. Verlag Dorling Kindersley. 80 Seiten. 14,95 Euro. Ab 7
Nur was man richtig kennt, kann man verstehen und schützen: Aus diesem Impuls heraus erzählt auch der britische Illustrator Joe Todd-Stanton vom Meer. Heldin seines Bilderbuchs „Das Geheimnis des schwarzen Felsen“ ist Luzie. Das Mädchen schleicht sich verbotenerweise an Bord des Kahns seiner Fischermama und fällt just an der gefährlichen Untiefe ins Wasser. Doch was Luzie im Sinken entdeckt, ist nicht bedrohlich, sondern eine Wunderwelt, die Todd-Stanton als bunten, schwerelosen Bildertraum inszeniert. Es folgt ein Happy End, das man auch der großen Erzählung von Mensch und Meer wünscht.
Joe Todd-Stanton: Das Geheimnis des schwarzen Felsen. Verlag Beltz & Gelberg. 38 Seiten. 13 Euro. Ab 4