Buchvorstellung im Stuttgarter Literaturhaus Von den Geißeln des Terrorismus

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Spannende Grenzgänge: der gebürtige Bulgare Ilija Trojanow unterhält sich im Stuttgarter Literaturhaus mit dem somalischen Autor Nuruddin Farah über dessen Roman, der in Norwegen spielt und auch von einem Rechtsradikalen handelt: „Im Norden der Dämmerung“

Erinnerungen an einen terroristischen Schreckenstag 2011 in Norwegen Foto: dpa/Britta Pedersen
Erinnerungen an einen terroristischen Schreckenstag 2011 in Norwegen Foto: dpa/Britta Pedersen

Stuttgart - Doch, die moderne Videoübertragung hat ihr Gutes. Nach über dreimonatigem Corona-Dauereinsatz mag sie uns im Berufs- und Privatleben langsam nerven, im Stuttgarter Literaturhaus erweist sie sich am Mittwochabend als Segen: Seine Lesereise durch Deutschland hat Nuruddin Farah, der große somalische Autor und Erzähler, absagen müssen. Stattdessen sitzt er im häuslichen Lockdown in Kapstadt, Südafrika, und darf „ohne triftigen Grund“ noch nicht mal drei Schritte auf die Straße gehen. Doch dank Zoom kann der 74-jährige Schriftsteller trotzdem zum Stuttgarter Publikum über seinen aktuellen Roman „Im Norden der Dämmerung“ sprechen.

Dass dieser Datentransfer so gut gelingt, ist aber auch schlicht dem live im Bosch-Areal anwesenden Gesprächspartner zu verdanken: Ilija Trojanow macht sich ja an vielen Stellen schon seit Jahr und Tag als engagierter Botschafter afrikanischer Literatur verdient. Und es kommt ein weiteres hinzu, was trotz mehr als 9000 Kilometern analoger Entfernung das Gespräch spannend und lebendig macht: Farah und Trojanow sind schon lang miteinander befreundet. Mitte März, so berichtet Trojanow, habe man noch gemeinsam in Nairobi beim Frühstück gesessen – wenige Stunden, bevor Kenia seinen Lockdown vollzog und sich beide auf abenteuerliche Reisen heimwärts begeben mussten. So etwas verbindet.

Das Gespräch der Weltensammler

Wie Trojanow ist auch Farah ein Weltensammler. Tief verwurzelt in der Kultur und Erzähltradition Somalias, aber dann doch im Lauf seines Lebens unterwegs zu an scheinbar tausend Orten im Süden und Norden dieses Planeten. An manchen Orten ­Afrikas konnte er auch deshalb nicht lang bleiben, weil er sich bei den dortigen Herrschern durch unmissverständliche Kritik an deren Misswirtschaft und Despotismus unbeliebt machte. Und auch mit seinem neuen Roman „Im Norden der Dämmerung“ setzt er sich offensichtlich wieder zwischen alle politischen Stühle.

Das ist Farahs jüngste Geschichte: Eine somalische Ex-Diplomatenfamilie lebt seit langer Zeit in Oslo, ist mustergültig assimiliert, ärgert sich über schlecht integrierte Flüchtlinge ebenso wie über rechte Sprüche ansonsten cool-hipper Norweger – und muss plötzlich damit fertig werden, dass sich ihr eigener Sohn als Dschihadist in Somalia selbst in die Luft jagt. Um dessen auf Erden zurückbleibende Familie sollen sie sich nun kümmern, das war des Sohnes letzte Bitte an sie. Etwa um eine Schwiegertochter, die sich ebenfalls auf den Weg unbedingter religiöser Vervollkommnung begeben hat. Farahs bisherige Bücher erzählten von Somalia. Wie hat es den Autor nun ausgerechnet nach Norwegen verschlagen, fragt Trojanow. Es sei die Geschichte selbst gewesen, die ihn dorthin geführte habe, antwortet Farah.

Bei Anschlägen denken immer alle gleich an Islam

Als er am 22. Juli 2011 in den BBC-News die Bilder von einem schrecklichen Terroranschlag „in Norway“ sah, habe er sofort Freunde dort angerufen, um sich nach ihnen zu erkundigen. Und stets seien alle im Gespräch davon ausgegangen, dass es sich um einen muslimischen Anschlag gehandelt habe. Stattdessen entpuppte sich bekanntlich der hellhäutige „Rassenkämpfer“ Anders Breivik als Attentäter. Diese Diskrepanz von spontan gefühlter und wirklicher Wahrheit habe ihn nicht mehr losgelassen.

Trojanow und Farah kreisen in ihrem spannenden Gespräch lange um das Phänomen, wie auf allen Seiten terroristischer Fronten die Überzeugungstäter der Illusion einer „reinen Kultur“ anhängen können – allen historischen Fakten zum Trotz, denn auch das angeblich so reine Norwegen hat im 19. Jahrhundert, als es selbst noch arm war, seine Menschen zu Tausenden nach Amerika ziehen lassen, wo aus verelendeten Fischern nicht mehr ganz so elende Bauern wurde – auf Land, das zuvor wiederum den dort ausgerotteten Indianer geraubt worden war. „Terroristen mangelt es an Bildung, an Vernunft, an Empathie“, meint Farah, der selbst eine Schwester bei einem Terroranschlag verloren hat.

Bitte schon morgen die Dämmerung

Und wie lässt sich der Teufelskreis aus Gewalt und weiterer Radikalisierung brechen, fragt Trojanow. „Auch die schlimmsten Ideologien erschöpfen einmal, auch wenn die Menschen glauben, sie seien ewig“, antwortet Farah – und fragt seinen Freund: „Oder hättest du dir in deiner Kindheit in Bulgarien vorstellen können, dass der Sozialismus einmal zu Ende geht?“ Dann hoffe er, meint Trojanow, das Wegdämmern des Terrorismus geschehe „schon morgen, nicht erst übermorgen“.

Ein faszinierender Abend im Stuttgarter Literaturhaus, der inmitten der technischen und hygienischen Widrigkeiten wie nebenbei auch noch auf die aufklärerische Kraft der Literatur besteht.

Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung. Roman. Verlag Antje Kunstmann. 343 Seiten, 25 Euro. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.buch-tipp-susanne-kerkhoff-berliner-briefe-stahlgewitter-der-menschlichkeit.9fad1c0d-cf79-4615-afd5-9eeec0525aa3.html https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.debattenkampf-um-klimawandel-apocalypse-now.59fb19ec-eaa6-42bc-8a4a-6be237463755.html




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