Bücher tun Gutes in Ebersbach So etwas wie eine große Wundertüte

Von Sabine Riker 

Der Verein Bücher tun Gutes betreibt seit fast sieben Jahren im Ebersbacher Bahnhof einen Gebrauchtbuchladen. In den Regalen finden sich unerwartet viele gute Bücher. Der Erlös wird für lokale soziale und kulturelle Projekte gespendet.

Sonja Hollandt ist die Initiatorin des Gebrauchtbuchladens im Ebersbacher Bahnhof. Sie kann auf 25 Mitstreiter zählen. Foto:  
Sonja Hollandt ist die Initiatorin des Gebrauchtbuchladens im Ebersbacher Bahnhof. Sie kann auf 25 Mitstreiter zählen. Foto:  

Ebersbach - Verlockende Schaufensterauslagen, attraktive Verkaufsräume? Fehlanzeige! Das Geschäft in einem Seitentrakt des Ebersbacher Bahnhofs, der sich grau an die Schienen schmiegt, verlässt sich ganz auf Werte, die sich jeweils zwischen zwei Buchdeckeln verbergen. Die Chefin des Unternehmens ist Sonja Hollandt. Bücher tun Gutes hat sie den Laden genannt. Damit ist viel gesagt.

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen an diesem Samstag kurz vor Ladenschluss. Menschen schleifen Kartons voller Bücher, die sie loswerden wollen, herein. Andere blättern in Bänden, die Rücken an Rücken in den Regalen stehen. Das Geschäftsmodell des Gebrauchtbuchladens, wie er auch heißt, ist so einfach wie überzeugend. Wer Bücher bringt, spendet diese. Wer eines kaufen möchte, bezahlt pro Exemplar zwei Euro, bei Sonderaktionen sogar noch weniger. Ein Hardcover-Buch aus den Kartons vor dem Laden ist an diesem Tag für nur einen Euro zu haben.

Ein ganzer Stapel Bücher kostet nur ein paar Euro

Dass der komplette Verkaufserlös an lokale soziale und kulturelle Projekte weitergegeben werden kann, ist nur möglich, weil das Personal nichts kostet. Sonja Hollandt und ihr 25-köpfiges Team arbeiten ehrenamtlich. Für den Laden fällt lediglich eine Stromrechnung an. „Das ist nur ein kleiner Betrag, wir brauchen kaum Strom, und Miete müssen wir nicht bezahlen“, erzählt Sonja Hollandt. Die Stadt stellt dem Verein die Räume seit der Eröffnung im Jahr 2012 kostenlos zur Verfügung. Auf diese Weise sind im vergangenen Jahr knapp 30 000 Euro zusammengekommen – angesichts der geringen Verkaufspreise eine erstaunliche Summe, die beweist, dass die Menschen offenbar doch noch immer gern zum Buch greifen.

Ein Einkauf in Bücher tun Gutes gleicht einem Griff in eine Wundertüte. Man kommt mit der leisen Hoffnung, aus dem Regal mit moderner Literatur eventuell einen Paul Auster zu ergattern und geht überglücklich hinaus mit einer Biografie über die amerikanische Dichterin Sylvia Plath, einem Tschingis Aitmatow, einer Philosophiegeschichte von Richard David Precht. Das Beste daran: Der ganze Spaß kostet gerade mal sechs Euro.

Kein Platz für Konsaliks und Simmels

Viele Kundinnen und Kunden kommen deshalb auch gerne wieder – wie Monika Wilfing. Mindestens einmal im Monat schaut die Bünzwangerin herein. An diesem Tag hat sie quasi auf den ersten Griff ein Buch aus dem etwa drei Meter langen Regal mit Krimis an der Stirnseite des Raums gefischt, das ihren Vorlieben sehr entgegenkommt: ein Krimi, der in Südfrankreich spielt. „Ich lese gern Krimis, und ich liebe Südfrankreich“, sagt sie.

Obwohl das Sortiment nicht wirklich beherrschbar ist – wer weiß schon, was als Nächstes angeliefert wird –, hält Sonja Hollandt streng Ordnung. Alles, was gebracht wird, sortiert sie akribisch. Nur Bücher, die noch gut erhalten sind und auch Aussicht haben, verkauft zu werden, stellt sie in die Regale. Der Rest wandert in säuberlich beschrifteten Kartons in ein Lager am anderen Ende der Stadt oder zu einem Gebrauchtbuchhändler. Konsaliks und Simmels mustert Sonja Hollandt grundsätzlich aus. „Das interessiert heute niemanden mehr“, erklärt die 60-Jährige.

Auch Flüchtlinge arbeiten im Laden mit

Außer einer Abteilung für Krimis finden sich Abteilungen für moderne Literatur, Romane von A bis Z, Fantasy, Kochbücher, Reiseführer, Kinder- und Jugendliteratur und eine Ecke mit Büchern in vorwiegend englischer und türkischer Sprache. Dort hat sich Alicia festgelesen. Sie blättert in einem Fantasybuch, das sie schon auf Deutsch gelesen hat. Jetzt kauft sie es auf Englisch. „Mal sehen, ob ich das verstehe“, sagt die 16-Jährige, die zum ersten Mal da ist, aber auf jeden Fall wiederkommen will. Nicht nur der Bücher wegen. „Man kann sich hier auch gut unterhalten“, sagt sie. Weil sie einem Mann geholfen hat, kartonweise Lesestoff aus seinem Kofferraum in den Laden zu tragen, hat sie sich ein Buch aussuchen dürfen. Umsonst. Die an Geschichte interessierte Gymnasiastin hat sich für ein Buch aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entschieden. Das sei ein historisches Dokument, erklärt sie. In dem Band lasse sich ablesen, auf welchem Boden der Nationalsozialismus habe gedeihen können.

Sonja Hollandt füllt derweil die Regale auf. Manchmal ist sie 15 Stunden und mehr in der Woche mit Bücher tun Gutes beschäftigt. Viel Zeit investiert sie auch in die Flüchtlingshilfe. Deshalb ist sie stolz, dass es ihr gelungen ist, Flüchtlinge für die Mitarbeit im Laden zu gewinnen. Wie Budour Dannan. Die 50-jährige Syrerin freut sich, auf diese Weise Kontakt mit Einheimischen zu bekommen. Seit einiger Zeit arbeiten auch Jugendliche mit, die Sozialstunden ableisten müssen. Der Umgang mit Büchern tue den jungen Leuten gut, wie Sonja Hollandt sagt. „Zuerst scheinen sie sich überhaupt nicht zu interessieren. Plötzlich suchen sie Bücher für ihre jüngeren Geschwister aus.“

Öffnungszeiten

Öffnungszeiten
Der Gebrauchtbuchladen im Ebersbacher Bahnhof ist dreimal in der Woche geöffnet: am Montag und Freitag von 14.30 bis 19 Uhr sowie an Samstagen von 9 bis 14 Uhr. Zu diesen Zeiten werden auch gebrauchte Bücher angenommen.

Ehrenamt

Ehrenamt
Der Laden wird ausschließlich von Ehrenamtlichen geführt. Die Regie liegt in den Händen der Initiatorin Sonja Hollandt. Die Räume stellt die Stadt unentgeltlich zur Verfügung, so dass der komplette Erlös aus dem Buchverkauf – 2018 kamen 28 000 Euro zusammen – an lokale soziale und kulturelle Projekte weitergeleitet werden kann. Die Musikschule und die Stadtbibliothek in Ebersbach dürfen jährlich mit einem Festbetrag rechnen. Andere Adressaten sind unter anderem das Göppinger Hospiz, Schulen, Turnvereine und Tierheime in Ebersbach und Umgebung.