Die Hersteller klagen über hohe Preise für Altpapier, Zellstoff und Energie. Die Unternehmen geben die Preiserhöhungen an Endverbraucher und Papierabnehmer weiter.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Stuttgart - Papier wird auch in den nächsten ein bis zwei Jahren knapp und teuer bleiben – zumindest, wenn es um grafische Papiere geht, auf denen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gedruckt werden. Dies ist die Prognose von Wolfgang Palm, dem geschäftsführenden Gesellschafter der Papierfabrik Palm in Aalen.

 

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Zu dieser Entwicklung wird seiner Ansicht nach auch beitragen, dass drei große Maschinen bei verschiedenen Firmen in Deutschland, Frankreich und Österreich umgebaut werden. Diese Maschinen sorgen nach seinen Worten für 20 Prozent des Verbrauchs an Papier für Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher in Westeuropa. Statt grafischer Papiere soll auf diesen dann Wellpappe für Verpackungszwecke hergestellt werden. Verschärft werden könnte die Situation im Januar. Dann wird möglicherweise beim finnischen UPM-Konzern 22 Tage lang gestreikt. Dieses Unternehmen ist Marktführer für grafische Papiere in Westeuropa.

Zeitungspapier doppelt so teuer

Die Preise für Zeitungsdruckpapier werden nach Meinung des Chefs von Deutschlands größtem Papierhersteller in Familienhand im Januar 740 Euro je Tonne erreichen. Im Augenblick sei „der Markt noch diffus“, sagt Palm. Der historische Tiefstpreis habe im ersten Halbjahr 2021 bei 370 Euro je Tonne gelegen. Die Preise für eine Tonne Verpackungspapier liegen etwa 100 Euro unter denen für Zeitungspapier.

Mit ihrer Preissteigerung reagieren die Papierhersteller auf eine deutliche Erhöhung des Preises für Altpapier, aber auch auf höhere Energiekosten. Bei Palm werden beispielsweise mit Gasturbinen Dampf und Strom produziert. Während eine Megawattstunde Anfang 2021 noch bei 20 Euro lag, schlage sie nun mit 80 Euro zu Buche, so Palm. Bald soll eine neue Gasturbine anlaufen, die auch Wasserstoff verbrennen kann.

Wellpappe für Online-Versand

Das Unternehmen aus Aalen benutzt seit der Gründung im Jahr 1872 fast nur Altpapier als Rohstoff. Dieses sei inzwischen wieder weniger knapp, „im Moment sind die Fabriken voll versorgt“, berichtet Palm. Der mengenmäßig größte Bereich ist die Herstellung von Rohpapier für Wellpappe, die gerade im wachsenden Online-Handel Abnehmer findet. Darauf entfallen zwei Drittel der Tonnage, der Rest sind grafische Papiere. Eine seit Juli laufende neue, 500 Millionen Euro teure Papiermaschine kann besonders dünnes, aber gleichwohl festes Verpackungspapier produzieren. „Wir brauchen auf dieser Maschine zehn Prozent weniger Altpapier, zehn Prozent weniger Energie und zehn Prozent weniger Wasser“, sagt Palm.

Zehn Prozent der Energie werden gespart

Wie in der Branche insgesamt geht es auch in Aalen wieder aufwärts: Der Umsatz des Unternehmens mit weltweit 4000 Beschäftigten werde dieses Jahr auf 1,7 Milliarden Euro steigen und damit den Wert des Coronajahres 2020 übertreffen, heißt es. „Wir können schon aus Kapazitätsgründen nicht mehr produzieren, unsere Maschinen laufen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr“, sagt Palm.

Auch die Koehler Group im badischen Oberkirch zeigt für das laufende Jahr Zuversicht und plant ein deutliches Umsatzplus. Im vergangenen Jahr war der Umsatz des Unternehmens mit 2500 Beschäftigten dagegen noch um fast zwölf Prozent auf 769 Millionen Euro gesunken. Koehler stellt unter anderem Karton für Spielkarten, Dekorpapiere und Bierdeckel her. Bei letzteren ist die Tochtergesellschaft Katz in Weisenbach Weltmarktführer. Eine Spezialität der Koehler Group sind die blauen Kassenzettel. Diese müssen anders als das übliche Papier aus Ladenkassen nicht in den Restmüll geworfen werden, sondern sind als Altpapier wiederverwendbar. Die Versorgung mit Altpapier wird als gut bezeichnet, einige Probleme gebe es dagegen mit frischen Fasern aus Übersee. Schiffsladungen könnten sich um drei bis vier Wochen verzögern. Man habe aber vorgesorgt: „Wir passen das Management unserer Bestände bei kritischen Rohstoffen laufend an“, sagt der zuständige Bereichsleiter Klaus Krieg, „Just-in-time war gestern“. Inzwischen lege man bei kritischen Rohstoffen ausreichend Vorräte an.

Taschentücher 20 Prozent teurer

Auch Hygienepapiere werden teurer: So hat der schwedische Hersteller Essity mit Deutschlandsitz in Mannheim angekündigt, die Preise etwa für Toilettenpapier oder Taschentücher um 20 Prozent zu erhöhen. Essity indes ist auch ein Beispiel dafür, wie die Branche nachhaltiger werden will: In einer neuen Fabrik in Mannheim wird Zellstoff für Toilettenpapier aus Stroh gewonnen.

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Die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) bietet Verpackungen für Kresse und Biolachs aus Fasern der Silphiepflanze an, Aufsteller für die Produktpräsentation werden an Procter & Gamble geliefert – ebenfalls aus Restbeständen der Produktion in Lenningen, dem früheren Sitz der Papierfabrik Scheufelen. Dort läuft die Produktion aus: „Die Maschine ist auf dem technischen Stand der sechziger Jahre, die Energiekosten sind zu hoch“, so ein Schwarz-Sprecher. In Lenningen will Stefan Radlmayr, früher Manager von Scheufelen, später von Silphie Paper, an Vliesstoffen für Batterien und Brennstoffzellen aus einer Naturfaser forschen.

Die Papierindustrie

Branche
 Die Papierindustrie beschäftigt in Deutschland 46 270 Mitarbeiter. Der Umsatz ging 2020 um zwölf Prozent auf 12,7 Milliarden Euro zurück. Von Januar bis Oktober 2021 stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 19 Prozent, der Absatz um knapp sieben Prozent. Zu dem Unterschied dürften auch die gestiegenen Papierpreise beigetragen haben. Im Südwesten sind rund als 9600 Beschäftigte tätig.

Nachhaltigkeit
 Die Zellstoff- und Papierindustrie hat den Einsatz von Energie pro Tonne Papier von 1955 bis 2020 um 66 Prozent reduziert. Der Wasserverbrauch wurde von knapp 50 Litern pro Kilogramm Papier im Jahr 1970 auf etwas weniger als neun Liter vermindert.