Bücherei-Debatte in Esslingen Keine Garantie für Kulturquartier
Ende Juni soll der Gemeinderat über die Esslinger Stadtbücherei entscheiden. Der Oberbürgermeister könnte zum Zünglein an der Waage werden.
Ende Juni soll der Gemeinderat über die Esslinger Stadtbücherei entscheiden. Der Oberbürgermeister könnte zum Zünglein an der Waage werden.
Die anstehende Entscheidung über die Zukunft der Esslinger Stadtbücherei ist komplex. Es geht längst nicht nur um die Frage, ob die Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof bleiben oder ins frühere Modehaus Kögel umziehen soll. Offen war und ist, was im Falle eines Umzugs aus dem bisherigen Standort werden würde, ob und zu welchem Preis im Pfleghof ein Kulturquartier entstehen könnte, wie dessen Konzept aussehen würde und ob die Stadt das nötige Geld dafür hätte. Der Verwaltungs- und der Kulturausschuss haben nun erneut über die Pläne diskutiert. Was viele Zuhörer überrascht haben dürfte: Sollte das Museum anstelle der Bücherei in den Pfleghof umziehen, scheint ein Verkauf des Gelben Hauses zumindest nicht für alle ein Tabu zu sein.
Wenn der Gemeinderat am 30. Juni über die Büchereipläne entscheidet, könnte der Oberbürgermeister Zünglein an der Waage werden. Matthias Klopfer sieht bei Kögel klare Vorteile: „Im Pfleghof könnten wir eine gute Lösung für die Bücherei realisieren, beim Umzug ins Kögel-Haus wären gute Lösungen für die Bibliothek, die städtischen Museen und die Waisenhofschule möglich.“ Die Schule könnte das Schwörhaus nutzen, sollte das Stadtmuseum seine dortigen Ausstellungsräume irgendwann räumen.
Der Oberbürgermeister erklärte, dass eine große Lösung für den Pfleghof nicht finanzierbar sei und dass die Stadt für etwa 20 Millionen Euro „eine sehr gute Bibliothek“ im Kögel schaffen und sich zudem die Option eröffnen könnte, für weitere etwa 20 Millionen Euro ein sogenanntes Kulturquartier im Pfleghof zu schaffen. Klopfer machte allerdings deutlich, dass es keine Garantie für die Realisierung eines Kulturquartiers geben könne.
Der CDU-Gemeinderat Herbert Schrade befand, die vorliegende Finanzplanung sei noch zu unkonkret und mit vielen Risiken behaftet. Die CDU fordert einen fairen Kostenvergleich von Pfleghof und Kögel. Bei den Folgekosten sieht Schrade Klärungsbedarf. Und er fragt sich, weshalb die Kalkulation für die Büchereiausstattung deutlich reduziert wurde. Carmen Tittel erklärte, für die Grünen sei es entscheidend, dass die Stadt die Gebäude Zehentgasse 1 und Rathausplatz 14 kaufen und damit in ein eigenes Gebäude investieren könne. Im Kögel könne eine „ganz hervorragende“ Bücherei entstehen, die Chancen für den benachbarten Einzelhandel biete. Nun müsse auch ein gutes Nachnutzungskonzept für den Pfleghof her.
Ulrike Gräter (SPD) fand: „Jetzt ist die Zeit überreif für eine Entscheidung.“ Der Gemeinderat habe viele positive Stellungnahmen von unterschiedlichen Seiten zu einem Umzug ins Kögel-Gebäude erhalten. Eine Entscheidung für Kögel sei keine gegen den Pfleghof. Annette Silberhorn-Hemminger (Freie Wähler) ist überzeugt, dass beide Standorte „Bücherei können“. Ihre Fraktion habe sich für Kögel entschieden, weil Einzelhandel auf mehreren Ebenen schwierig sei. Die Freien Wähler wollten den Pfleghof in städtischer Hand behalten. Die Heugasse 11 müsse verkauft werden. Auch ein Verkauf des Gelben Hauses, sollte das Stadtmuseum in den Pfleghof umziehen, sei eine Option.
Rena Farquhar (FDP/Volt) erinnerte an den Bürgerentscheid von 2019 für eine modernisierte und erweiterte Bücherei im Pfleghof. Diesem klaren Votum wäre eine anderslautende Ratsentscheidung mit einer Stimme Mehrheit nicht angemessen, findet sie. Die Kosten bereiten ihr große Sorgen. Sie befürchtet, dass am Ende kein Geld mehr für das Kulturquartier im Pfleghof übrig sein könnte. Martin Auerbach (Linke/FÜR) fühlt sich dem Votum des Bürgerentscheids verpflichtet und fürchtet, dass die großen Erwartungen, die mit Kögel und Kulturquartier verbunden sind, enttäuscht werden könnten.
Stephan Köthe (AfD) wünscht sich eine faire Gegenüberstellung der Varianten Kögel und Pfleghof und mehr Transparenz bei einmaligen und dauerhaften Kosten. Sollte es eine andere Entscheidung als den Pfleghof geben, fordert er einen neuerlichen Bürgerentscheid. Den hat neben den Linken auch die Gruppe WIR/Sportplätze erhalten verlangt. Der WIR-Sprecher Hermann Beck monierte, dass die Stadt nur sehr einseitig pro Kögel informiere. Er vermisst klare Aussagen zur nötigen Personalausstattung einer Bücherei im Kögel. Dafür, dass ein Kulturquartier realisiert wird, gebe es keine Garantie. Auf Nachfrage von Annette Silberhorn-Hemminger bestätigte Finanzbürgermeister Ingo Rust, dass eine langfristige finanzielle Absicherung eines Kulturquartiers nicht möglich sei: „Das entscheidet der Gemeinderat mit jedem Doppelhaushalt.“
Auch aus dem Kreis der beratenden Kulturausschuss-Mitglieder gab es Reaktionen. Petra Helmcke (CDU) erinnerte an den Antrag ihrer Fraktion, ein Bürger- und Medienzentrum im Kögel zu etablieren und möglichst mit Einzelhandel oder einer Markthalle im Erdgeschoss zu kombinieren. Christine Bradley (Grüne) erklärte, viele Einzelhändler wünschten sich eine Bücherei im Kögel. Und Maren Weber (Netzwerk Kultur) ließ wissen, dass sich auch ein großer Teil der Kulturschaffenden für die Kögel-Variante ausgesprochen habe, weil man darin die bestmögliche Nutzung sehe. Was die Kögel-Kritiker im Netzwerk anführen, blieb offen.
Ausgangslage
In der Standortdebatte zur Stadtbücherei hat die Stadtverwaltung zuletzt auch die Situation der Waisenhofschule angeführt. Die Schule weist seit Jahren auf ihre beengten räumlichen Verhältnisse hin – Räume für eine moderne, inklusive Schule fehlen. Sollte das Stadtmuseum das Schwörhaus räumen, könnte die Waisenhofschule die dortigen Räume nutzen.
Reaktionen
Einig war man sich im Gemeinderat, dass die Raumnot der Schule Abhilfe verlangt. Ob eine zeitnahe Lösung im Schwörhaus liegen kann, ist nicht unumstritten. Verschiedene Ratsmitglieder wiesen darauf hin, dass die Schule das Schwörhaus erst nutzen könnte, wenn das Stadtmuseum dort ausgezogen wäre.
Alternative
Um die Raumnot der Schule rascher zu lindern, haben Linke und FÜR nun beantragt, das Späth’sche Haus, wo bislang die Stadtinfo untergebracht ist, in den Blick zu nehmen. Verhandlungen mit dem Vermieter sollen aufgenommen werden. EST, Stadtmarketing und Stadtinfo sollen dafür verlegt werden.