Büchereileiterin im Weissacher Tal Die Bibliothek als Ort der Begegnung

Von Annette Clauß 

Gabriella Lambrecht ist Büchereileiterin aus Leidenschaft – ein Portrait anlässlich des heutigen Welttags des Buches.

Gabriella Lambrecht  findet, eine Bibliothek sollte heimelig sein. Foto: Gottfried Stoppel
Gabriella Lambrecht findet, eine Bibliothek sollte heimelig sein. Foto: Gottfried Stoppel

Weissach im Tal - Das passiert Gabriella Lambrecht immer wieder: Leute wundern sich, dass sie in einer Bibliothek arbeitet – trotz der Unilaufbahn, die sie nach dem Studium eingeschlagen hatte und trotz der Doktorarbeit in Hispanistik, die gerade am Werden ist. „Es ist interessant, dass der Berufsstand kein sehr hohes gesellschaftliches Ansehen hat“, sagt die 31-Jährige. Sie ist in Wertheim, der nördlichsten Stadt Baden-Württembergs aufgewachsen, hat Spanisch, Englisch und Geografie studiert und sieht ihren Job als Leiterin der Bibliothek im Bildungszentrum Weissacher Tal als den perfekten Arbeitsplatz. „Ich kann hier Zugang zu Wissen und zu den Wissenschaften schaffen und habe einen gewissen pädagogischen Spielraum.“

Mehr als ein Ausleihservice

Bibliothekswesen hat Gabriella Lambrecht nicht studiert. „In vielen Punkten bin ich wohl unorthodox“, gibt die Mutter eines zweijährigen Sohns zu – „an bestimmten Richtwerten und Zahlen klammere ich mich nicht fest“. Viel wichtiger ist ihrer Ansicht nach, dass die vorhandenen Medien möglichst aktuell sind und den Bedürfnissen der Leserschaft entsprechen.

Eine Bibliothek, das ist für Gabriella Lambrecht weit mehr als ein Ort mit Ausleihservice, an dem Sprechen nur im Flüsterton erlaubt ist und Comics verpönt sind. „Comics finde ich super. Das Erzählen in Bildern ist eine gute Sache“, sagt sie, die kein Problem damit hat, wenn Schüler die Bücherei nicht nur zum Lesen und Lernen, sondern auch als Treffpunkt nutzen. Zwei Leseclubs für Schüler bietet die Bücherei an, in denen auch mal gebastelt wird. „Ich habe tolle Mitarbeiter, die mit viel Herzblut die Schüler betreuen.“

Denn in ihrer Vorstellung muss eine Bücherei ein Platz sein, an dem Menschen gerne verweilen. „Man sollte in einer Bücherei ein heimeliges Gefühl haben. Das kommt ja sonst an öffentlichen Orten nicht mehr so häufig vor.“ Dass es Plätze gibt, die freien Zugang zu Wissen für jeden bieten, hält Lambrecht für wichtig. Die sechs Euro Lesegebühr pro Jahr, die in der Bibliothek fällig sind, könne sich wohl jeder leisten. Und selbst wenn ein Besucher das nicht investieren wolle, sagt Lambrecht, so habe er dennoch die Möglichkeit, in die Bücherei zu kommen und gratis vor Ort zu schmökern oder im Internet zu recherchieren.

Die meisten Besucher sind Schüler

„Manche wissen gar nicht, dass das hier eine öffentliche Bibliothek ist“, hat Gabriella Lambrecht festgestellt. So sind die meisten der etwa 400 Besucher, die täglich vorbeischauen, Schülerinnen und Schüler des Bildungszentrums. Dass die Jugend nicht mehr liest, kann die Bibliotheksleiterin nicht bestätigen. „Ich bin begeistert, wie viel Kinder und Jugendliche lesen. Und sie setzen sich auch sonst viel mit Sprache auseinander“, sagt Gabriella Lambrecht – da spielten die sozialen Medien durchaus eine Rolle. Letztere könnten Menschen auch zum Lesen anregen, betont die 31-Jährige und nennt als Beispiel die Facebook-Seite „Humans of New York“, die in kurzen Porträts Menschen der Stadt vorstellt und stattliche 18 Millionen Fans hat.

„Die Stellenausschreibung hat mich sofort angesprochen, denn ich möchte etwas Sinnstiftendes tun und hatte den Eindruck, dass ich hier etwas erreichen und bewegen kann“, sagt Gabriella Lambrecht rückblickend. Seit Sommer vergangenen Jahres leitet sie neben der Bibliothek den Kulturkreis des Zweckverbands Bildungszentrum Weissacher Tal, in dem Weissach und Allmersbach, Auenwald und Althütte verbunden sind. Mit 20 Ehrenamtlichen organisiert sie Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Kunstausstellungen.

Die Bücherei als ein Ort der Begegnung – das ist ein Ziel von Gabriella Lambrecht. Gemeinsam mit dem Seniorenrat hat sie daher das Projekt PC-Sprechstunde entwickelt: dabei beraten Acht- und Neuntklässler der Realschule Senioren zum Thema Smartphone, Tablet und Co. Die Schüler lernen durchs Lehren und profitieren ebenso wie die Senioren.

„Blinddate-Aktion“ für Erwachsene

In Anlehnung an „Heiß auf Lesen“, eine Leseförderaktion für Kinder und Jugendliche, veranstaltet die Bücherei in diesem Sommer zudem eine „Blinddate-Aktion“ für Erwachsene. „Wir verpacken Bücher in Zeitungspapier, die können die Besucher mitnehmen und sich überraschen lassen.“ Und dabei neue Buch-Horizonte entdecken. „Wir bieten Leserunden an, in denen man darüber sprechen kann und wollen einen öffentlichen Leseabend veranstalten“, sagt Gabriella Lambrecht. Die Bücherei als Ort des Zusammenseins.