Büchner-Preis an Emine Sevgi Özdamar Es müssen nicht immer weiße Männer sein

Mein Bruder Büchner: Emine Sevgi Özdamar Foto: dpa/Helmut Fricke

Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar ist in Darmstadt mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Damit beginnt etwas Neues – ein Hoffnungszeichen in düsteren Zeiten.

Kultur: Stefan Kister (kir)

In einem Anfall von Optimismus hatte der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp, eine Weile davon geträumt, nach der Pandemie könnten wieder bessere Zeiten anbrechen. Seit Februar weiß man, dass einzig Apokalyptiker auf solche hoffen dürfen. Auch wenn sich die Erde unaufhaltsam erwärmt, steht in vieler Hinsicht eine Phase der Kälte bevor. Umso wichtiger, die Abwehrkräfte gegen politische, soziale und ökonomische Härten zu stärken. Kulturelle Institutionen seien Wärmestuben der humanen Regeneration und damit unverzichtbar, sagte der Gastgeber einer ihrer vornehmsten zu Beginn des Preisverleihungsreigens, bei dem die gelehrte Darmstädter Sozietät ihre Auszeichnungen vergibt.

 

Neben dem Büchnerpreis sind das der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa sowie der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Letzterer ging an den Architekturkritiker Niklas Maak, der auf unterhaltsame Weise die Wechselbeziehungen von Sprache und Bauwerken ins Licht rückte, etwa wenn man etwas auf solide Fundamente gründet oder den von Osterkamp skizzierten Krisenzustand auch in die Metapher eines sich schließenden Fensters fassen könnte. Außerdem erinnerte er an den größenwahnsinnigen Weltumbauplan des Darmstädter Ingenieurs Friedrich Bassler, der mit einem gigantischen Kanal vom Mittelbar eine Wüste fluten wollte, was schon deshalb scheiterte, weil er diesen Eingriff mittels 200 nuklearer Sprengsätze zu realisieren vorschlug. Weiße Männer eben.

Egalitäre Geschwisterlichkeit

Wie man sich die Situation an diesem Nachmittag im Darmstädter Staatstheater hätte vorstellen können, umreißt Maaks Laudator, der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas: „Vor ihnen steht ein weißer Mann, der einen anderen weißen Mann lobt, vor einem Publikum aus vielen weißen Männern, eine eher verdächtige Situation.“

Auf der Bühne bleiben Maak und Koolhaas, abgesehen von Osterkamp, dann aber die Einzigen, die den Aufruf, der weiße Mann müsse sich neu erfinden, beherzigen könnten. Die Ethnologin Heike Behrend würdigt das wissenschaftliche Werk der Freud-Preisträgerin Iris Därmann, das auf unterschiedlichen Ebenen davon handelt, wie die westliche Philosophie vorwiegend weißer Männer zur Legitimitätsbeschafferin der transatlantischen Versklavung und der Vernichtung europäischer Juden werden konnte.

Die Philosophin bedankt sich mit einer bewegenden Skizze aus der Arbeit der Kinderpsychoanalytikerin Anna Freud, die eine bis heute kaum beachtete Dimension der Shoah in den Blick rückt: wie jüdische Kinder in den Praktiken ihres Überlebens eine Gefühlsgemeinschaft ausgeprägt hätten, die durch das „fast vollständige Fehlen von Neid, Eifersucht, Rivalität und Wettstreit“ bestimmt gewesen sei. Eine egalitäre Geschwisterlichkeit, die im architekturmetaphorischen Sinn das solide Fundament einer kommenden Demokratie bilden könnte, im Zeichen von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit.

Überwältigende physische Präsenz

Damit ist der Weg frei für die Büchnerpreisträgerin dieses Jahres, mit der in Darmstadt etwas Neues beginnt. Denn mit Emine Sevgi Özdamar steht hier zum ersten Mal eine Autorin auf dem Podium, die 1965 als sogenannte türkische Gastarbeiterin das Land ohne jede Deutschkenntnisse betrat. Wer wissen will, wie aus diesen Anfängen eines der großen Lebenswerke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wurde, findet in ihrem jüngsten Opus Magnum, dem Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“, eine ausführliche Antwort – und eine kunstvoll verknappte in ihrer Dankesrede.

Die überwältigende physische Präsenz dieses Schreibens, die die Literaturkritikerin Marie Schmidt in ihrer Laudatio beschreibt, ist sofort zu spüren. Meergeruch liegt in der Luft. Özdamar erzählt von Überfahrten vom europäischen in den asiatischen Teil Istanbuls und über den kulturellen Ozean, der die Stationen ihrer Lebensreise verbindet. Eines der Vehikel ist das kleine Istanbuler Kino, in dem die Protagonisten europäischer Filme ihre Welt erreichen. Später kommen Romanfiguren dazu und mischen sich in verwandelter Gestalt unter die Lebenden, in Seelenwanderungen, denen der Ahnenkult der Großmutter den Weg gebahnt hat.

Irgendwann, schon in Deutschland während des großen gesellschaftlichen Aufbruchs der späten 60er Jahre, war auch Georg Büchner unter ihnen, einer, der als Autor, Wissenschaftler und Revolutionär über die Grenze gegangen ist: „Ich hatte meinen toten Bruder, der als Spinne in unserem Kindheitshaus lebte, jetzt gefunden. Georg Büchner war mein Bruder, der mir auf meinem Weg leuchtete.“ Auch diese Rede handelt von einer geschwisterlichen Beziehung, die sich in Zeiten großer Auf- und Umbrüche herausgebildet hat, als in allen Städten der Welt die Menschen gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus, für die Menschenrechte zusammenliefen und sich gemeinsam wehrten. Und so verlässt man an diesem novemberkalten Tag die Wärmestube des Geistes nicht ohne Hoffnung auf die humanisierende Kraft – eines toten weißen Mannes.

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