Büchner-Preis für Lukas Bärfuss Der Mann für heiße Eisen
Diese Werke gehen alle an: Mit dem Büchner-Preis für den Schweizer Lukas Bärfuss wird ein Autor geehrt, der seinen Stoff dort findet, wo das Leben spielt.
Diese Werke gehen alle an: Mit dem Büchner-Preis für den Schweizer Lukas Bärfuss wird ein Autor geehrt, der seinen Stoff dort findet, wo das Leben spielt.
Stuttgart - Es gab Zeiten, da bekamen den Büchner-Preis Leute, von denen man dachte, dass sie ihn schon lange haben, wenn man bei der Gelegenheit nicht überhaupt dezent darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sie überhaupt noch leben. Wie Kanonisierungsagenturen eben arbeiten: ein Teil des von ihnen Erwählten ragt ins Leben, ein anderer in die Ewigkeit. Wenn der Eindruck nicht trügt, liegt seit einiger Zeit der Akzent auf Leben und weniger auf Weihe. Marcel Beyer, Jan Wagner, Terezia Mora hießen die letzten Preisträger, allesamt Repräsentanten einer hellwachen zeitgenössischen Literatur in Bewegung. Nun setzt der Schweizer Lukas Bärfuss die Reihe fort, ein Autor, bei dem man nicht lange die Archive durchleuchten muss, um den Grund für die Auszeichnung mit dem wichtigsten Literaturpreis Deutschlands zu finden.
Erst vor kurzem richteten sich alle Blicke auf das Mannheimer Nationaltheater, wo der 1971 im schweizerischen Thun geborene Dramatiker, Romancier und Essayist mit seiner Politparabel „Elefantengeist“ hinter die Kulissen der Heilsgeschichtsschreibung der Ära Kohl blickte – wenige Kilometer vom Wohn- und Sterbeort des „schwarzen Riesen aus Oggersheim“ entfernt. Was er dort zutage förderte, stellte das Lebenswerk des Einheits-Kanzlers in beunruhigende historische Zusammenhänge und Abhängigkeiten, die den langen Schatten von Schwarzen Kassen, Nazi-Vermögen und Parteispenden auf die aktuelle Krise der Unionsparteien werfen.
„Mit hoher Stilsicherheit und formalem Variationsreichtum erkunden seine Dramen und Romane stets neu und anders existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens“, begründet die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ihre Entscheidung. Bärfuss findet seine Stoffe förmlich vor den eigenen Füßen. In seinem Stalker-Roman „Hagard“ wird ein Mann aus der Bahn geworfen, weil er eines schönen Frühlingsmittags seine Schritte von einem zum anderen Moment an die Ballerinas einer unbekannten Frau heftet, bis ans bittere Ende. Was eine Meldung im Vermischten einer Tageszeitung sein könnte, überwuchert der anarchisch-vitale Gedanken-Wildwuchs dieses Autors, bis es die festen Fugen der Diskurse auseinandertreibt. Und weil der ausgebildete Buchhändler als genau beobachtender Erzähler mindestens so beschlagen ist wie als Arrangeur kniffliger Denkabenteuer, folgen ihm die Erfolge auf dem Fuß.
Erstes Aufsehen, auch am Schauspiel Stuttgart, erregte Lukas Bärfuss mit seinem Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“. Darin beschließt eine Mutter im Einverständnis mit dem behandelnden Arzt, dass die Medikamente ihrer geistig behinderten Tochter abgesetzt werden. Das sich daran anschließende sexuelle Erwachen des zur jungen Frau gereiften Kindes überschreitet die Grenzen der heilen Liberalität, in der sich die Eltern eingerichtet haben. 2003 wählten ihn die Kritiker in der Umfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres, 2005 dann zum Dramatiker des Jahres.
Im selben Jahr erhielt Lukas Bärfuss für sein Stück „Der Bus“ den Mülheimer Theaterpreis: Mit feiner Nase für das in der Luft Liegende hat er darin den Geist einer neuen Spiritualität inhaliert, den Schwefel des Zweifels ebenso wie den Weihrauch des Heils. „Der Bus“ ist ein Horrortrip in den Himmel mit einer verkommenen Busladung von Sinntouristen, die sich im Kurhotel Abgrund mit Schwefelbädern für die Hölle des Lebens stählen – der rasende Fahrer wird sie alle später darin versenken.
Das Tagesaktuelle, das zum Anlass dieses Schreibens wird, führt Bärfuss zurück auf ein feines Geflecht von Ursachen, Abhängigkeiten und Widersprüchen. So hat er in dem Roman „Hundert Tage“ auf der Spur eines Schweizer Entwicklungshelfers die Verstrickungen der europäischen Politik in den Völkermord von Ruanda nachvollzogen, und in „Koala“ den Selbstmord des eigenen Bruders bis ins Unterholz der Zivilisationsgeschichte verfolgt.
Man könne wohl das Recht am eigenen Tod feiern, aber in Wirklichkeit habe man es doch längst an der Portiersloge der modernen Medizin abgegeben, hat Bärfuss bei einer Diskussion im Stuttgarter Literaturhaus gesagt: „Die Leute sterben heute nicht mehr von selbst, man muss eine Entscheidung treffen. Der Moment des Todes ist zu einer Angelegenheit der Lebensgestaltung geworden.“ Auch diesem Themenkreis hat er ein Stück gewidmet. „Alices Reise in die Schweiz“ schildert den Leidenserlösungsweg einer zum Tod entschlossenen, von unheilbarer Krankheit gequälten Frau: Sie wird vom Schicksal ins Reich des dubiosen Mediziners Gustav Strom geführt, eine charismatisch schillernden Gestalt, die das Gute will und deshalb das Tote schafft.
Die Durchdringung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit der Frage, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet, verbindet den in Zürich lebenden Bärfuss mit dem in derselben Stadt gestorbenen Mediziner Georg Büchner. Wie dieser untersucht untersucht auch der nun in seinem Namen Geehrte in brillanter Gedankenklarheit das Wechselspiel biologischer Tatsachen und sozialer Beziehungen. Aus den Diskursschmieden unserer Tage angelt der allseits beschlagene Autor ein heißes Eisen nach dem anderen. Doch begnügt er sich nicht mit dem Feuer, sondern gibt den Dingen eine Form, die auch in Zeiten der Abkühlung Bestand hat.
So hat der mit 50 000 Euro dotierte Büchner-Preis in diesem Jahr einen würdigen Träger gefunden. Am 2. November wird er in Darmstadt verliehen – anzunehmen, dass man bei dieser Gelegenheit ganz nah an die Schädelnerven der Zeit geführt werden wird.