Büchners Drama im Stuttgarter Schauspielhaus Woyzeck, der Himmel ist leer!

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Die Abgründe viehischer Naturen: Zino Wey inszeniert Büchners „Woyzeck“ im Stuttgarter Schauspielhaus als Drama der existenziellen Verlorenheit. Die tolle Sylvana Krappatsch spielt die Titelrolle.

Vom gleichen  Stoff, vom gleichen Fleisch: Sylvana Krappatsch beugt sich als Woyzeck über die Marie der Paula Skorupa. Foto: Julian Baumann 13 Bilder
Vom gleichen Stoff, vom gleichen Fleisch: Sylvana Krappatsch beugt sich als Woyzeck über die Marie der Paula Skorupa. Foto: Julian Baumann

Stuttgart - Vielleicht hat Juri Gagarin, der sowjetische Kosmonaut, der als erster Mensch ins All flog, recht. „Der Himmel ist leer“, hat er seinen gottlosen Genossen auf Erden gefunkt – und leer, weit und schwarz, kein metaphysisches Obdach bietend, ist auch die von Davy van Geren gebaute Bühne im Schauspielhaus: ein Nichts, an dessen Rand in aller Einsamkeit und Verlorenheit der kleine, schmale, blasse, von Sylvana Krappatsch mit fiebriger Intensität verkörperte Woyzeck kauert. Nicht nach oben ins dunkle All blickt der schmächtige Soldat zum Auftakt der Inszenierung, sondern nach innen in die finstere Seele: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“, sagt Krappatsch/Woyzeck in leicht abgehackter Sprechweise und entzieht dabei ihren Worten jeglichen Klang, jegliches Leben. Für unsere Existenz auf Erden, ist sie erst einmal von oben bis unten kartografiert, gibt es keinen Trost, keinen Halt – schon gar nicht für die Titelfigur von Büchners 1836 verfasstem Sozialdrama.

Büchner, wenige Monate nach der Niederschrift des „Woyzeck“ mit 23 Jahren im Züricher Exil gestorben, war seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus. Die schroffe, poetisch zerhackte Sprache, der harte, schonungslose Naturalismus, der nüchterne, illusionslose Materialismus: mit diesen Messern fügt er uns noch heute „offene Wunden“ zu, wie Heiner Müller notierte. Selbst die Form des Fragment gebliebenen Dramas schmerzt: hingeworfene, zerfranste, lose miteinander verknüpfte Szenen, die jedem Regisseur die Lizenz zum Umbau geben. Der Regisseur Zino Wey montiert das Stück auf kluge Weise neu: Soziales Elend, Ausbeutung, Klassenverhältnisse interessieren ihn schon auch, aber den Fokus legt er auf die Psychopathologie einer Gesellschaft, in der alle unter Zwangs- und Wahnvorstellungen leiden – nicht nur Woyzeck, der sich in seinen Äußerungen immerhin als Diagnostiker der Paranoia-Gesellschaft erweist.

Doktor, Hauptmann und andere Affen

Emphatisch begleitet Wey den Soldaten auf seinem Passionsweg durch die Garnisonsstadt. Der Doktor – Sven Prietz mit eisgrauen Haaren und scharfen KZ-Kommandos – missbraucht ihn für wissenschaftliche Experimente. Der Hauptmann – Matthias Leja, selbstverliebt melancholisch in Hosen mit barocken Himmelsmotiven – beutet ihn als Knecht aus: Anders als bei Büchner lässt er sich von Woyzeck nicht rasieren, sondern mit dem Messer die offene, eitrige Wunde am Oberschenkel ausschaben. Die Zeit nutzt er für eine Tugendpredigt, die von Krappatsch/Woyzeck ängstlich pariert wird: „Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat – Da setz einmal seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Es kommt einem halt so die Natur.“ Und wovon Woyzeck hier hellsichtig spricht, von der Triebhaftigkeit des Menschen, wissen Hauptmann und Doktor nichts, obwohl auch sie davon befallen sind. Schon bald klettern sie im Netz, das sich von oben in die Bühnenschwärze senkt, umher wie Affen und verfangen sich darin wie Großwild: viehische Naturen, trotz allen großspurigen Schwadronierens.

Derart gespenstische Bilder glücken der Regie nicht immer, manche Szenen geraten zu spannungslos, manche wirken aufgesetzt, etwa der alemannische Mummenschanz, mit dem Zino Wey aus seiner Basler Heimat vertraut sein dürfte. Doch die schwindelerregenden Abgründe des Menschen verlieren er und seine Darsteller nicht aus den Augen.

Unter den Augen der grünen Prominenz

Da ist vor allem Sebastian Röhrle, der seinen Tambourmajor als geilen Hengst auf die Bühne knallt – und da ist Paula Skorupa als Marie, Woyzecks Geliebte, die in somnambuler Verzweiflung und Verzückung der dampfenden Geilheit des imposanten Burschen verfällt. Woyzeck nimmt Rache und – noch eine Abweichung vom blutigen Messerfinale des Originals – erwürgt mit bloßen Händen den Menschen, den er am meisten liebt. Und während der Hauptmann vom „schönen Mord“ als ästhetischem Phänomen schwärmt, blickt Woyzeck epileptisch zitternd, erstaunt und entsetzt mit schreckgeweiteten Augen auf das Verbrechen, das seine Einsamkeit ins Unendliche treiben wird. In seiner Novelle „Lenz“ formuliert Büchner ein Ideal: Mit „Zuckungen und Andeutungen, dem ganz feinen, kaum bemerkten Mienenspiel“ müsse man sich „ins Leben des Geringsten senken.“ Sylvana Krappatsch kommt diesem Ideal sehr, sehr nahe.

Nach anderthalb Stunden endet der assoziationsreiche, bis ins Detail durchgeformte „Woyzeck“. Kräftiger Applaus, den auch die auffallend stark vertretene grüne Politprominenz aus Stadt und Land – Kuhn, Aras, Bauer, Olschowski – beeindruckt haben wird. Ihre Anwesenheit hatte auch symbolischen Charakter in Zeiten, in denen es um tausend Millionen Euro für die Opernhaus-Sanierung geht: Auf uns, so die Botschaft, könnt ihr bauen.




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