Bühne frei für das 11. Festival „Tanz! Heilbronn“ Compagnie Linga addiert sich zum Schwarm

Von Andrea Kachelrieß 

Wird man gemeinsam klüger? Um Schwarmintelligenz, Anpassung und Rebellion geht es beim Gastspiel der Schweizer Compagnie Linga – und beim Festival „Tanz! Heilbronn“.

Szene aus dem Tanzstück „Flow“, das die Schweizer Compagnie Linga beim Festival „Tanz! Heilbronn“ zeigte. Foto: Linga
Szene aus dem Tanzstück „Flow“, das die Schweizer Compagnie Linga beim Festival „Tanz! Heilbronn“ zeigte. Foto: Linga

Heilbronn - Die Idee der Schwarmintelligenz hat etwas Faszinierendes. Vielleicht deshalb, weil der Mensch in der Masse eher zum Problemtier wird und mehr zu Dumpfheit tendiert als zu erhöhter Agiliät und Aufmerksamkeit. Wie ein Fischschwarm, aus wogenden, nackten Oberkörpern eine neue Einheit bildend, tritt die Schweizer Compagnie Linga zur Eröffnung des Heilbronner Tanzfestivals an. „Flow“ heißt das Stück, das die Kuratorin Karin Kirchhoff der 11. Ausgabe von „Tanz! Heilbronn“ vorangestellt hat.

Wer dieses erst sanft pulsierende, dann immer mehr Fahrt aufnehmende Tanzstück am Mittwoch im Heilbronner Theater erlebt hat, der konnte sehen, wie die fast synchrone Bewegung der Gruppe doch immer aus individuell ausgeformten Bewegungen zusammengesetzt war. Achtsam für das, was um einen geschieht, offen für die Impulse der anderen, kreativ und rebellisch, um eigene Ideen einzubringen: die sieben Tänzer geben „Flow“ eine mal meditative, mal fast ekstatsiche Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Unterstützt werden sie live von zwei Musikern, die einfühlsam auf das Bühnengeschehen reagieren oder es in neue Richtungen treiben: E’Joung-Ju entlockt der koreanischen Zither Geomungo wie einem E-Bass treibende Rhythmen und Melodiefragmente, die Mathias Delplanque in seinem Pultpark am Bühnenrand gegenüber zu Ambient- und Noisecollagen verfremdet.

Auch die Bundesgartenschau tanzt mit

Fast programmatisch war dieser Auftakt! Mit seinem Spannungsfeld von Individuum und Gruppe passt „Flow“ bestens zum Motto des diesjährigen Festivals: Mit dem Titel „un/angepasst“ befragt es noch bis zum Sonntag die schwierige Balance zwischen Gemeinsamkeit und Vereinzelung, zwischen Konformität und Abgrenzung. Neben der deutschen Erstaufführung der 1992 von den beiden ehemaligen Béjart-Tänzern Katarzyna Gdaniec und Marco Cantalupo gegründeten Compagnie Linga hat das Festival am Wochenende ein Gastspiel von Wayne McGregors Tänzern auf dem Programm, die in „Autobiography“ darüber nachdenken, was ein Menschenleben ausmacht: die Erinnerungen, die Erfahrungen, das Erbgut? Was ist individuell, was kollektiv? Ebenfalls bei „Tanz! Heilbronn!“ dabei: die Stuttgarter Choreografin Eva Baumann, die in „Her-Story“ Komponistinnen entdeckt, Didier Boutiana, der von La Réunion anreist und in seinem Solo „Kanyar“ das Thema Außenseiter anspricht, sowie der österreichische Choreograf Willi Dorner, der die Bundesgartenschau mit dem Performance-Parcours „Fitting“ bespielt und - beginnend mit einem Brett und neun Tänzern - zeigt, wie sich der Körper den Vorgaben von Architektur und Stadtraum anpasst.