Bühnenbildner Jürgen Rose in Stuttgart So sieht das neue „Nussknacker“-Ballett aus
Als Bühnenbildner machte er MacMillans Ballett „Mayerling“ in Stuttgart zum Hingucker. Jetzt ist Jürgen Rose zurück, um „Nussknacker“ ein neues Gesicht zu geben.
Als Bühnenbildner machte er MacMillans Ballett „Mayerling“ in Stuttgart zum Hingucker. Jetzt ist Jürgen Rose zurück, um „Nussknacker“ ein neues Gesicht zu geben.
Der Weg zum Sitzungszimmer, in dem Jürgen Rose über seine neue Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Ballett berichten will, ist verwinkelt. Er führt vorbei an Kleiderständern und durch eine enge Bügelstube. Dicht an dicht hängen die luftigen Ballkleider, die der heute 85-jährige Bühnenbildner einst für Crankos „Onegin“ gestaltete. „Überall holt mich hier meine Vergangenheit ein“, sagt der stattliche Senior, und das klingt nicht nur stolz. „Das ist schon auch belastend“, meint Rose, „ich wusste ja nicht, dass das alles ein so großer Erfolg wird.“ Ob „Romeo und Julia“ oder „Schwanensee“, ob „Kameliendame“ oder „Dornröschen“: Rose steht für das Bild vom Stuttgarter Ballett.
Für dessen Intendanten Tamas Detrich ist Jürgen Rose durch seine Geschichte auch so etwas wie der Garant für das Gelingen zukünftiger Großprojekte geworden. Roses in Schwarz-weiß gehaltene, mit vielen zeithistorischen Details überraschende Ausstattung für „Mayerling“ machte MacMillans Ballett in Stuttgart zum neu und viel beachteten Hingucker und setzte einen Akzent in Detrichs erster Saison. Noch bei der Premierenfeier, erzählt der Bühnenbildner, habe er auf einer Serviette im Beisein von MacMillans Witwe mit seinen Initialen und einer gemalten Rose in Sektlaune sein Einverständnis zu einer Fortsetzung gegeben.
Aus einem weiteren MacMillan-Ballett wie etwa „Manon“ wurde nichts; zum Glück für Jürgen Rose, der schon bei „Mayerling“ den Dialog mit einem lebenden Künstler vermisste. Doch seit drei Jahren ist der Bühnenbildner mit im Boot, das Kurs auf einen neuen Stuttgarter „Nussknacker“ hält; am 25. November soll es anlegen. Ebenfalls an Bord ist der Choreograf Edward Clug. Eddy, wie Rose ihn inzwischen nennt, habe bei einer der ersten Besprechungen vier Walnüsse aus der Tasche gekramt. Und über dem exakten Betrachten der Baumfrüchte, blickt Rose zurück, seien die ersten „Nussknacker“-Ideen entstanden.
Sieben überdimensionale Walnüsse, die größte mit einer Höhe von 4,50 Meter fast ein Tiny-House, sind das Resultat, sie sollen dem neuen „Nussknacker“ ein eigenes Gesicht geben und formieren sich zur wandelbaren Landschaft, vor der Rose allerlei Getier Gestalt annehmen lässt. „Ein Hirsch, eine Hirschin, zwei Eichhörnchen, zwei Kamele, drei Pferde, Käfer, Schmetterlinge und unendlich viele Mäuse“ zählt Rose auf, der mit bedruckten Stoffen, aber auch mit alten Säcken Tierisches zaubert. Wie Tänzer bei Proben eine Kamelhülle mit Leben füllten, beschreibt er als besonders magischen Moment. „Das ist das Spannende am Theater: Manchmal gelingt etwas, das man gar nicht vorhersehen kann.“
Walnüsse und ihre Farbe seien dominant für das ganze Stück geworden, so Rose. „Sie in riesiger Form herzustellen war so, als baue man ein Haus oder ein Boot“, veranschaulicht er die Holzkonstruktion der zum Teil begehbaren, mit Fenstern versehenen Gebilde. Für Rose Anlass, die Schreinerei wie überhaupt die Werkstätten der Stuttgarter Staatstheater und ihre engagierten Mitarbeiter zu loben. „Dass hier alles Stockwerk über Stockwerk nah beieinander ist, erleichtert die Arbeit sehr“, sagt Rose und blickt mit einem „Schade!“ in eine Zukunft, in der dies nach der Sanierung des Opernhauses möglicherweise nicht mehr so sein wird.
Vier Wochen hat Rose noch zur Premiere. Momentan beschäftigt ihn ein Regal voller Spielzeug, das, wie der Bühnenbildner beschreibt, im Zimmer von Clara, der Heldin aus E. T. A. Hoffmans Erzählung, steht und das die beiden Akte des „Nussknackers“ dramaturgisch zusammenhalten soll. Wie kommen die Figuren aus dem Regal und werden glaubhaft zu realen Tänzern? Das muss Rose noch lösen. Einstweilen erzählt er lieber, wie die Dinge ins Regal kamen: Anregungen brachte ein Besuch im Oberammergauer Museum, wo Schnitzkunstwerke in Hülle und Fülle zu entdecken sind – Miniaturwelten in Walnusshälften, aber auch viel altes Spielzeug aus aller Welt. Fotografien, ein 3-D-Drucker und viele Hände im Malsaal setzen sie in Stuttgart bühnentauglich vergrößert um.
Knapp zweihundert Kostüme und zehn Bühnenbilder hatte Jürgen Rose für „Mayerling“ gestaltet. „Ein Wort, das Edward Clug immer wieder in den ,Nussknacker‘-Gesprächen betonte, war minimalistisch“, sagt der Bühnenbildner und freut sich, dass er sich nun nach all der Opulenz in Stuttgart von seiner Kammerspielseite zeigen darf.
Ein Weihnachtsmarkt mit Budenzauber im Vorspiel, ein Raum in Claras Zuhause mit einer festlichen Tafel und die winterliche Nusslandschaft sind die Orte, an denen sich ein Mädchen in eine Frau und ein verzauberter Nussknacker in einen Mann verwandeln. Aber Jürgen Rose wäre nicht der Perfektionist, als der er bekannt ist, wenn nicht Schlittschuhläufer, ein Glühweinstand und originalgetreue Details den Markt schmückten, wenn nicht stilechte Stühle an der Tafel stünden, wenn nicht 160 Kostüme jede Figur individuell zeichneten.
Warm-up
Auch beim „Blick hinter die Kulissen“ dreht sich vom 2. bis zum 6. November bei sieben „Nussknacker“-Spezial-Veranstaltungen auf der Probebühne der neuen Cranko-Schule alles um die neue Stuttgarter Klassiker-Produktion.
Aufführung
Der neue Stuttgarter „Nussknacker“ hat am 25. November, 19 Uhr, im Opernhaus Premiere. Vorstellungen gibt es bis zum 18. Dezember. Über Weihnachten kann das Ballett wegen einer neuen Verordnung, die Auftritte von Schülern in den Ferien untersagt, nicht gespielt werden. Neben dem Nachwuchs aus der Cranko-Schule sind zwei Kinderchöre an der Aufführung beteiligt.
Neuauflage
Alle guten Dinge sind drei. Das gilt in Sachen „Nussknacker“ für Jürgen Rose wie für Stuttgart. John Cranko und Marco Goecke haben den 1892 uraufgeführten Klassiker hier bereits 1966 und 2006 interpretiert, richtig kindgerecht waren beide Versionen nicht. Nun will Edward Clug in Roses Kulisse das Weihnachtsmärchen familientauglich erzählen. Jürgen Rose hat seinen ersten, sehr traditionellen „Nussknacker“ Mitte der 1960er Jahre für das Kanadische Nationalballett in Toronto umgesetzt, eine weitere Version in Zusammenarbeit mit John Neumeier folgte 1971. „Clara ist bei ihm ein Mädchen, das tanzen will“, sagt Rose. „Neumeier macht das Zuckerland zur Welt des Theaters. Das ist eine stimmige Inszenierung, die in Hamburg immer noch gespielt wird. Nun tauche ich ein in das Reich der Spielzeuge. So verbinden wir den ersten und zweiten Akt.“