Bühnenprogramm mit Geflüchteten Ein Theaterabend mit bitterem Nachgeschmack
In „Angekommen“ erzählen Geflüchtete unter der Regie von Ernst Konarek, wie sie nach Plochingen kamen. Ein zwiespältiger Abend im Stuttgarter Theaterhaus.
In „Angekommen“ erzählen Geflüchtete unter der Regie von Ernst Konarek, wie sie nach Plochingen kamen. Ein zwiespältiger Abend im Stuttgarter Theaterhaus.
Amidou Fousseni stammt aus Togo. Sein Vater war Lkw-Fahrer und hatte sechs Frauen, erzählt er auf der Bühne in Halle T3 im Theaterhaus Stuttgart. „Oha!“, sagt jemand im Publikum. „Ja, oha!“, wiederholt Fousseni und lächelt ernst. „Er hatte sie aber nicht alle auf einmal“, schiebt er hinterher. Zwei Frauen starben, von zwei anderen habe sich sein Vater getrennt. Seine Mutter hatte fünf Kinder, wovon eines starb. Als Fousseni erzählt, dass er nach seiner Flucht aus Togo nicht zu den Beerdigungen seiner Eltern reisen konnte, stockt er und holt tief Luft. „Ach Gott!“, seufzt es aus der Menge.
Amidou Fousseni musste 2018 aus Togo fliehen, weil er als Angehöriger der Oppositionspartei politisch verfolgt wurde. Dass ihm die Entscheidung zur Flucht trotzdem mehr als schwer gefallen ist, macht er deutlich, „nirgends ist es so gut wie zuhause“.
In Deutschland ist er dennoch angekommen, hat Hilfe und Zuspruch, aber auch frustrierende Langeweile erlebt, weil er zunächst nicht arbeiten durfte. Inzwischen absolviert er eine Ausbildung zum Pflegefachmann, das Publikum schenkt ihm tosenden Applaus. Amidou Fousseni ist einer von sechs geflüchteten Menschen, die im Bühnen-Programm „Angekommen“ unter der Regie von Schauspieler Ernst Konarek ihre Biografien auf offener Bühne teilen, im Dekor eines Wohnzimmers mit Sofa und Ohrensessel, unterstützt von einer Band, in der Fousseni an diesem Abend auch als Perkussionist auftritt.
Alle Mitwirkenden des Abends verbindet das Lokale Bündnis für Flüchtlinge aus Plochingen, das sie nach der Ankunft aufgenommen und unterstützt hat. Wenn man den Geschichten so zuhört, könnte man denken, Deutschland sei per se ein freundliches, geflüchteten Menschen zugewandtes Land. Dabei zeichnen die sogenannte „Stadtbild-Debatte“ und beängstigende Landtagswahl-Prognosen mit 20 Prozent Zustimmungswert für die AfD bei einer Umfrage der Landeszentrale für politische Bildung am 29. Januar ein anderes Bild. Die Deutschen erwarten von Geflüchteten absolute Integrationsbereitschaft – dass Bundeskanzler Friedrich Merz als Staatsgast in Angola am Frühstücksbüfett „ein ordentliches Stück Brot“ vermisste und sich damit nicht gerade als interkulturell begabter Politiker outete, versandet im deutschen Kollektivgedächtnis bloß als hässliche Anekdote.
„Illegale Migration wollen wir stoppen. Humanitäre Migration werden wir auf ein Maß beschränken, das unsere Gesellschaft schultern kann“, schreiben etwa die Christdemokraten auf ihrer Homepage. Die SPD trägt den verschärften Migrationskurs im Koalitionsvertrag mit. Dass Menschen wie dem Syrer Abdoulhakim Aljassem oft gar nicht die Zeit bleibt, sich um eine sogenannte „legale“ Einwanderung zu bemühen, weil ihr Leben akut bedroht ist, verschweigen die Zeilen. Aljassem floh in einem Schlauchboot, also illegal, über das Mittelmeer in die Türkei. Ein Vater, der nicht schwimmen konnte, übergab ihm sein Baby. Später reiste Aljassem in einem Kühllaster weiter. Rafaat Zuaiter, ebenfalls aus Syrien, erlebte Folter in einem syrischen Gefängnis, Katerina Radieva, Ukrainerin aus dem Donbass, die einzige Frau in der Runde, erzählt von ihrer Flucht mit der Tochter und Kindheitserinnerungen mit ihrer Oma und einer Lehrerin. Die Berichte sind traurig und sehr persönlich, Hisham Dalou liest einen Tagebuchauszug vor, zum Tod seiner Verlobten, auf arabisch, Ernst Konarek liest die Übersetzung.
Alle sind gut angekommen in Deutschland, bilden sich aus und weiter in Berufen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind. Von akutem Rassismus erzählt nur einer, er habe ihn in Magdeburg erlebt und sei deshalb nach Plochingen gezogen.
So interessant und empathisch die Erzählungen, so einfühlsam die Gestaltung des Abends mit arabischen und ukrainischen Musikstücken und der Projektion privater Fotos: Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Dass die Mitwirkenden gehört und gesehen werden und Applaus für ihre Lebensleistung bekommen, ist eine schöne Geste. Dass sie sich aber auch erklären und noch immer die Notwendigkeit ihrer Flucht beteuern müssen, ist im Kontext der allgegenwärtigen Krisen, von denen die deutsche Bevölkerung mit Sicherheitsabstand aus den Nachrichten erfährt, beschämend. Konarek will niemanden vorführen, trotzdem kann an diesem Abend der Eindruck entstehen, man sei Voyeur und Teil einer Menge, die sich hier ihrer Weltoffenheit und Freundlichkeit versichert – obwohl die Realität oft anders aussieht.
Angekommen: 29. März, 19.15 Uhr