Bülent Ceylan auf dem Stuttgarter Fernsehturm Erst hat er Höhenangst – und ist dann so wild wie immer

Von Uwe Bogen 

Sein Markenzeichen ist die Mähne, mit der er rockt. Auf dem Stuttgarter Fernsehturm hat Bülent Ceylan aber auch seine ernste Seite hinter allem Blödsinn gezeigt. Der Comedian ist politischer geworden. In der Türkei, fürchtet er, gebe es „bald weniger Kritiker als Schweineschnitzel“.

Bülent Ceylan, der langmähnige Rockstar unter den Comedians, zeigt auf dem  Fernsehturm, wie wild er auf Kommando sein kann. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 10 Bilder
Bülent Ceylan, der langmähnige Rockstar unter den Comedians, zeigt auf dem Fernsehturm, wie wild er auf Kommando sein kann. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Nie zuvor war er auf dem Stuttgarter Fernsehturm oben. Dafür dürfte es einen weiteren Grund geben als den, dass Bülent Ceylan 140 Kilometer entfernt in Mannheim lebt.

Der 42-Jährige, der gern in der dritten Person von sich spricht, sich unentwegt „der Türk“ nennt, leidet unter Höhenangst – und ist mutig genug, dies zuzugeben. Auf 144 Metern Höhe sagt der Comedian vor 60 Gewinnern von SWR 1 und unserer Zeitung, er komme sich vor, als sei er besoffen.

„Der Türk’“ schaut nach innen, während er mit Moderatorin Nicole Köster am Fenster sitzt, nicht nach außen. Einen in der Krone hat er nicht – und glaubt doch zu schwanken. Allein am Turm liege dies. „Der schwankt doch“, sagt Ceylan mehrfach und sieht sich schon als „ Flying Türkey“.

Die „anonymen Choleriker“ erzählen sich gegenseitig Witze

Der Liftmann berichtet, dass er sich Sorgen um den Promi-Gast bei der Fahrt nach oben gemacht habe. Der Comedy-Star habe über Kreislaufprobleme geklagt. Ja, ein bisschen schwanke das Stuttgarter Wahrzeichen schon, sagt der Aufzugsführer, aber nur sehr wenig, wenn es nicht stürmt.

Der Turm ist stehengeblieben! Und das, obwohl Ceylan Witze raushaut, dass die Wände beben. Hätte OB Fritz Kuhn dies mitbekommen, er hätte die Sehenswürdigkeit aus Sicherheitsgründen erneut geschlossen. Besonders laut wird bei den „anonymen Cholerikern“ gelacht, bei der „Selbsthilfegruppe“ mit den Herren Putin, Erdogan, Trump und Kim Jong Un, die sich zu Therapiezwecken gegenseitig Witze erzählen. Der US-Präsident sei dabei als „eine Art Diktator auf Probezeit“, so Ceylan. Warum der Staatschef von Nordkorea bei ihm sächsisch spricht, erklärt der Comedian damit, dass er den nordkoreanischen Slang nicht beherrsche. „Der sächsische Dialekt ist der östlichste, den ich kenne“, sagt er.

Kino-Debüt in „Verpiss Dich, Schneewittchen“

Politische Themen lässt der Mannheimer nicht mehr aus. Angesichts der Lage in der Türkei gehe dies auch gar nicht. Bald werde es dort „weniger Kritiker als Schweineschnitzel“ geben, befürchtet er.

Schwarzmalen will der Familienvater nach den Wahlerfolgen der AfD nicht. „Die Mehrheit in Deutschland ist nicht ausländerfeindlich“, bekräftigt der Sohn eines Türken und einer Deutschen. Es freut ihn, wenn er Menschen mit rechter Gesinnung bekehren kann. Ein ehemaliger Nazi habe ihm mal gesagt, nach dem Besuch einer Bülent-Show die Türken und die Ausländer mit neuen Augen zu sehen. Während Ceylan so engagiert spricht, spürt man, dass von seiner Höhenangst nicht viel übriggebleibt.

Der Comedian, dessen Filmdebüt in „Verpiss Dich, Schneewittchen“ Ende März in die Kinos kommt, ist an Weiberfasching zu den Fans nach Stuttgart gekommen. Ein Karnevalsfreund ist er nicht. Dass man zwanghaft lustig sein müsse zu bestimmten Zeiten,findet er nicht cool. Besser wäre es, durchs ganze Jahr tolle Tage zu haben.

Warum alle „der Dirk, der Dirk“ riefen

Sein Überraschungsgast am Weiberfasching ist eine Frau, die wie er mit Haaren irre Sachen macht. Die Zauberkünstlerin Roxanne wirbelt mit der Mähne vor einem Blasrohr und freut sich, dass Bülent Ceylan seinen Zopf öffnet und ihr gleichtut. Die beiden – wo Haar ist, ist Freud! – rocken den Turm! Haare sind nicht nur zum Raufen da.

Extra für den Rockstar unter den Comedians hat Moderatorin Nicole Köster eine Lederjacke angezogen. Der 42-Jährige widersetzt sich seinem Image und ist in schwarzem Jackett gekommen. Die beiden reden über das Metal-Festival in Wacken. Dort ist Ceylan vor 80 000 Zuschauer aufgetreten. Viele Sachsen seien da gewesen, was ihm klar wurde, als die Masse „Der Dirk, der Dirk“ rief. Gemeint war „Der Türk“.

Die deutsch-türkische Freundschaft, wie schön, erlebt auf dem Stuttgarter Wahrzeichen einen Höhepunnkt. An der Mähne muss „der Türk“ aber noch arbeiten. Sie reicht nicht, um sich wie Rapunzel vom Fernsehturm abzuseilen,falls dieser so sehr schwankt, dass einer rasch flüchten muss.

Sonderthemen