Bürgerausschüsse in Esslingen Das sind die Sorgen in der Pliensauvorstadt

Das Nürk-Areal: Die Zufriedenheit über die Baupläne hält sich in Grenzen. Foto: /oh

Die OB-Wahl ist entschieden. Was wünschen sich die Bürgerausschüsse in Esslingen von Matthias Klopfer? In der Pliensauvorstadt hofft man auf eine umsichtige Planung bei der Bebauung.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Esslingen - In den kommenden Jahren wird sich der Stadtteil Pliensauvorstadt stark verändern – vor allem an den Rändern. Da ist zum einen das Nürk-Areal, das vollkommen neu konzipiert und bebaut wird, und zum anderen das VfL-Post-Sportgelände, das bebaut werden soll. Der Vorsitzende des Bürgerausschusses Pliensauvorstadt, Andreas Jacobson, erhofft sich bei beiden Projekten Augenmaß der Stadt Esslingen und verbindet dies auch mit den Forderungen an den neuen Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der im November sein Amt antritt.

 

Das Nürk-Areal

Für das Nürk-Areal haben sich schon Mietinteressenten gemeldet. Dabei steht das alte Gebäude noch. Der Planungs- und Genehmigungsprozess ist in vollem Gange, aber es wird noch eine Weile dauern, bis der erste Spaten für die neuen Gebäude in den Boden gerammt wird. Entwickelt wird das etwa 10 000 Quadratmeter große Areal gegenüber der Pliensaubrücke von Lidl und der Stadtverwaltung. Geschäfte, darunter ein Lidl-Markt, sowie Büros und Wohnungen sollen hier ab Mitte 2022 entstehen. Bis zu 500 Menschen werden voraussichtlich in dem neuen Quartier leben. Bauherr ist die Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG.

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Andreas Jacobson macht sich wie viele in dem Stadtteil Sorgen. „Eine richtige Betonburg soll dort entstehen“, so seine Befürchtung, was das Nürk-Areal betrifft. Dass hier mehrgeschossige Bauten entstehen führt ihn zu dem Schluss: „Entweder man hat den Klimawandel nicht verstanden oder nicht die richtigen Schlüsse daraus gezogen.“ Ein Wort, was in diesen Zusammenhängen gerne fällt, fällt auch hier: „Klein Manhattan.“

Auf Beton gepolt?

Der Vergleich ist ziemlich gewagt, aber „Klein Manhattan“ dient hier wohl auch nur als Metapher für viel Glas, Stahl und Beton und wenig Grün. Zumindest aus der Sicht von Jacobson, der den Bürgerausschuss vertritt, der wiederum die Bürger der Pliensauvorstadt vertritt. Argumente dagegen wie „die europäische Großstadt ist eben so“, die er aus der Rathausverwaltung gehört habe, will Jacobson nicht gelten lassen. Allerdings mache er sich auch nicht viele Illusionen, „dass wir das noch stoppen können“. Die Stadtverwaltung und der Investor seien auf Beton gepolt.

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Eine Forderung an den neuen Oberbürgermeister hat er dennoch: Die Baumasse, die unverhältnismäßig sei für die Pliensauvorstadt, möge noch mal überdacht und reduziert werden. Der Verkehr – das Areal liegt an einem viel befahrenen Knotenpunkt – müsse neu gestaltet werden. Der Stadtteil und das Gelände sind zurzeit von einer kaum zu überwindenden Brückenstraße getrennt. Es gibt zwar eine Unterführung mit Rolltreppen, die aber nur bei Tauben beliebt sind. Aus den Rolltreppen wächst Gras – sie fahren schon seit Jahren nicht mehr und werden auch nicht mehr repariert. Hier wünscht sich Jacobson das einfachste Mittel, dass die Verkehrsplanung kennt: einen Zebrastreifen. Ob seine vielen Forderungen auch durchkommen? Wie sehr Jacobson damit rechnet, geht aus einer rhetorischen Frage hervor: „Man darf auch Forderungen stellen, die nicht durchgehen, oder?“

Das VfL Post-Sportgelände

Zweieinhalb Hektar groß ist das Gelände auf dem VfL Post-Sportgelände, dass bebaut werden soll. Es geht um die Schaffung von Wohnraum, der auch von Menschen mit mittleren und unteren Einkommen bezahlt werden kann. Deswegen wollte die Stadtverwaltung unter der alten Führung möglichst viele Wohnungen schaffen, auch, um der Wohnungsnot entgegenzutreten. Doch die Bewohner befürchten – wie schon beim Nürk-Areal – zu viel Beton und zu wenig Grün. Inzwischen ist ein Kompromiss in Sicht. Im Wahlkampf hat sich auch der künftige Oberbürgermeister Matthias Klopfer für eine Lösung ausgesprochen, der die auseinanderdriftenden Interessen zumindest ein wenig wieder zusammenbinden könnte. Eine Frischluftzone und die Spielmöglichkeiten für Kinder sollten bei der Bebauung berücksichtigt werden – da sind sich der Bürgerausschussvorsitzende Jacobson und der neue Rathauschef Klopfer offenbar einig.

Die Würfel sind gefallen

Allerdings würde Jacobson wie viele andere aus dem Vereinsumfeld und der Pliensauvorstadt gerne gesehen, dass das Areal insgesamt erhalten bleibt, auch weil die Gaststätte mit dem Biergarten auf dem Gelände ein wichtiger sozialer Ort sei. „Das alles zu verlieren, das wäre ein großer Verlust.“ Doch die Würfel fallen an anderer Stelle – im Rathaus und im Gemeinderat. Als der Bürgerausschuss gesehen habe, dass das Projekt nicht mehr zu stoppen sei, sei es darum gegangen, „wenigstens einen Platz zu erhalten“. Immerhin ist der Bürgerausschuss beim weiteren Prozedere beteiligt und wird gehört. Der Wettbewerb für die Gestaltung des Gebiets läuft bereits. Im November kommt voraussichtlich die Jury zum Preisgericht zusammen. Das Verfahren wird sich nach Schätzung der Stadtverwaltung allerdings noch bis Ende 2023 hinziehen. Die Bagger könnten also 2024 anrollen.

Der Stadtteil und seine Vertreter

Die Pliensauvorstadt
Ende des 13 Jahrhunderts wurde die Pliensaubrücke gebaut, womit die Menschen, die auf der anderen Seite des Neckars lebten, mit der Stadt Esslingen verbunden wurden. Hier lebten jene, die man in der Stadt nicht gerne sah. Nicht zufällig befand sich hier auch der Galgen. Das änderte sich mit der starken Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Es entstand ein großes Industriegebiet. Unternehmer zogen ihre Fabrikantenvillen hoch. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Stadtteil eine Zuflucht für Vertriebene. Heute leben hier etwa 7000 Menschen.

Der Bürgerausschuss
Insgesamt 18 Mitglieder zählt der Bürgerausschuss, der die Interessen der Stadtteilbewohner gegenüber dem Rathaus vertritt. Die Ausschussmitglieder tagen in vier Arbeitsgruppen: Stadtplanung; Schulen, Kinder und Senioren; Verkehrsplanung sowie Öffentlichkeitsarbeit.

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