Bürgerbeteiligung zur Ortsentwicklung Die Darmsheimer vermissen Kneipe und Café

Grüner Punkt für den Aibachgrund und die Skateranlage beim „Löchle“. So stimmt dieser junge Mann ab. Foto: Stefanie Schlecht

Die Darmsheimer haben sich nicht lumpen lassen und bei der Ideenwerkstatt zum Ortsentwicklungskonzept am Samstag viele Vorschläge gemacht. 280 ausgefüllte Fragebögen dokumentieren zudem einen hohen Beteiligungswillen. Ein Ärgernis sind die unschönen Ortseingänge.

Darmsheim sagt man nach, dass hier die Welt noch in Ordnung sei. Dass man nacheinander gucke, aktiv am Geschehen im Flecken teilnehme, interessiert sei am kommunalen und kommunalpolitischen Geschehen. Auch die Beteiligung an der Ideenwerkstatt zum Ortsentwicklungskonzept am Samstag in der alten Turn- und Festhalle hat einmal mehr bestätigt: Auf die „Darmsamer“ ist Verlass.

 

Dabei hat das um 10 Uhr erst anders ausgesehen. In leeren Stuhlreihen verlor sich ein Seniorinnen-Trio, sodass man hätte befürchten können, die Repräsentanten der Stadtverwaltung und des beauftragten Stuttgarter Büros ORPlan wären in der absoluten Übermacht. So ein sonniger Samstagmorgen – eine schlecht gewählte Zeit? Sitzen die Fleckenbewohner noch beim Frühstück oder sind sie schon auf dem Sindelfinger Wochenmarkt oder beim Edeka einkaufen? Bringen sie Plastik zum Wertstoffhof, kehren die Kandel vorm Haus? Ja, alles Dinge, die erledigt sein wollen.

Fleckenchef Martin Lambert ist stolz auf die Beteiligung

Doch keine Sorge: Während der drei Stunden machten dann doch gewiss drei Dutzend Darmsheimer noch ihre Aufwartung an den Stellwänden und diskutierten eifrig mit. Und: Die zuvor in alle Haushalte verteilten Umfragebögen hatten einen respektablen Rücklauf. 280 Stück wurden entweder in den Briefkasten des Bezirksamts geworfen oder an die Sindelfinger Stadtverwaltung geschickt. „Eine prima Quote“, ist Darmsheims Ortsvorsteher Martin Lambert stolz – zumal zudem noch eine bisher ungezählte Zahl von Online-Rückmeldungen ihrer Auswertung harrt.

Das Amt für Stadtentwicklung und das den Prozess begleitende Büro ORPlan führten in die Thematik ein; und sie luden an sieben Themenstationen. Da ging es um schöne und unschöne Ecken im Flecken im öffentlichen Raum ebenso wie um Fragen zur Mobilität, zur sozialen Infrastruktur, um Einkaufen und Gastronomie, um Freizeit und Landschaft – und und und.

Ein Biergarten am Ort – das fänden viele echt schick

Wo die 4300 Darmsheimer der Schuh drückt? Ganz eindeutig beim gastronomischen Angebot, das als vollkommen unzureichend empfunden wird. „Eine Kneipe“ und „ein Café“ wurden immer wieder gefordert, auch „ein Biergarten“ steht auf der Wunschliste vieler ganz oben, würden sie das doch als Teil von geselligen Treffmöglichkeiten empfinden, als Lebensqualität am und im Ort.

Tatsächlich hat Darmsheim hier nicht (mehr) viel zu bieten. Das Eiscafé in der Karlstraße löst den Mangel offensichtlich ebenso wenig wie der Italiener „König“ in der Ortsmitte, der nur abends offen ist und keinen Mittagstisch bietet, wie ihn Doris und Rainer Leddin gerne hätten. Dass die letzte Kneipe „Alte Brauerei“ nun dichtgemacht hat und an ihrer Stelle Wohnbau entsteht, frustriert eine Generation, die nach ihren gewohnten Stammtischen dürstet.

An der Schwippe liegt Potenzial für Lebensqualität

Wehmütig denken die Alten in Darmsheim daran zurück, als ihr Dorf mal eine ganze Handvoll Wirtschaften hatte, wo es Vesper und Viertele und Geselligkeit gab. Die alte „Sonne“ mit ihrer Außenbewirtung unter Kastanien, vor Jahrzehnten abgerissen, ist vielen noch in bester Erinnerung. Oder das Gasthaus Mammel, später „Route 66“, mit seinen saftigen Steaks. Immerhin: Genau in diesem Sprengel zwischen zwei ehemaligen Gastronomiebetrieben könnte sich künftig viel tun. Die Stadt hat das Mammel-Gebäude aus einer Erbengemeinschaft heraus erwerben können. Und da ihr auch ein Teil des Parkplatzes gegenüber gehört und die Fläche der alten „Sonne“, winkt hier Potenzial für die Ortsentwicklung. Zumal ja die Döffinger Straße in diesem Abschnitt entlang der Schwippe nach der Tunneleröffnung keine Hauptverkehrsader mehr ist.

Apropos Döffinger Straße. Der Ortsein- und -ausgang ist für die Darmsheimerinnen und Darmsheimer keine Visitenkarte, sondern ein Schandfleck. Dass die Straßenbaufirma Josef Rädlinger hier Container und Baumaterialien lagert, ärgert viele. Ortsvorsteher Martin Lambert versichert, er sei von Pontius zu Pilatus deshalb gelaufen. Mit der Bepflanzung des Walls und dem Abzug Rädlingers sei aber leider erst im nächsten Jahr zu rechnen.

Kommentar von Siegfried Dannecker: Jetzt ist die Verwaltung am Zug

Wo drückt der Schuh? Das will die Sindelfinger Stadtverwaltung wissen, um Ortsentwicklungskonzepte für Darmsheim und Maichingen zu entwickeln. Gut so. Nun: Die Darmsheimer haben am Samstag ihre Wünsche geäußert, ihre Bedürfnisse artikuliert. Das mag an ein Wunschkonzert erinnern. Aber vieles davon, vielleicht sogar das Meiste, fußt auf klaren – und änderbaren – _Missständen. Wie die sichtbare Verbuschung der Schwippe ortsauswärts. Oder wie die zunehmende Verlandung des Sees im Aibachgrund, an dessen Ufer sich viele Darmsheimer (zeitweise) einen Foodtruck vorstellen könnten, wenn nicht einen Biergarten. Auch die dringende Bitte von Inge Berger und Kerstin Trefz, Frau des früheren Ortsvorstehers, zeigt klare Kenntnisse der örtlichen Infrastruktur. Das Altenpflegeheim „Haus an der Schwippe“ mit seiner Warteliste brauche bauliche Ergänzung, betreutes Seniorenwohnen auch. Alte Menschen solle man ebenso wenig verpflanzen in Nachbargemeinden wie alte Bäume. Fußläufig öfter Besuch bekommen können, soziale Kontakte zu früheren Nachbarn, zu Schulkameraden und Jahrgängen bewahren – das sei Lebensqualität bis zuletzt, sagen die beiden.

Die Stadtverwaltung hat ein Füllhorn an Vorschlägen bekommen. Möge sie rasch ihren Willen dokumentieren, vieles davon umzusetzen. Viele Darmsheimer beschleicht seit Jahren das Gefühl, fünftes Rad am Wagen und ein Stiefkind zu sein.

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