„Bürgerdividende“ für Netzausbau Wenig Begeisterung für die Bürgerdividende

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Wirtschaft und Politik im Südwesten sehen die Geldanlage beim Ausbau der Stromnetze skeptisch. Verbraucherschützer halten die Bürgeranleihe sogar für ungeeignet und hochriskant.

Arbeiter arbeiten an Stromleitungen im Hochspannungsnetz – der Netzausbau soll sich auch für die Bürger finanziell lohnen. Foto: dpa
Arbeiter arbeiten an Stromleitungen im Hochspannungsnetz – der Netzausbau soll sich auch für die Bürger finanziell lohnen. Foto: dpa

Stuttgart - An Manfred Krug dürften viele Geldanleger mit gemischten Gefühlen zurückdenken. Einerseits haben sie ihn als knurrigen „Tatort“-Kommissar in Erinnerung, der ihnen spannende Fernsehabende bescherte. Andererseits machte der Schauspieler ihnen die Telekom-Aktie schmackhaft, an der sie oft wenig Freude hatten. Im Vertrauen auf den prominenten Tippgeber übersahen viele die Risiken des Börseninvestments.

Nun sind zwei Bundesminister gewissermaßen in Krugs Fußstapfen unterwegs: Peter Altmaier (Umwelt, CDU) und Philipp Rösler (Wirtschaft, FDP) wollen die Bürger diesmal an der Energiewende verdienen lassen. Ihre Idee entwickelten sie zusammen mit den vier Übertragungsnetzbetreibern: Eine „Bürgerdividende“ soll den Netzausbau beschleunigen und die Akzeptanz für neue Hochspannungsleitungen erhöhen. Bis zu fünf Prozent Zinsen winkten Anlegern, die sich an den Investitionen beteiligten, lockten die beiden Ressortchefs. Anlieger in unmittelbarer Nähe der Leitungen sollten bei der Zeichnung bevorzugt werden. „Dies ist ein guter Tag für die Energiewende“, jubilierte Rösler bei der Vorstellung eines Eckpunktepapiers im Juli. Und Altmaier hob hervor, „dass nicht nur die Kosten, sondern auch die Erträge breit gestreut und gerecht verteilt werden“.

Die Begeisterung für das Modell hält sich in Grenzen

Es klang nach einer typischen Win-win-Situation, bei der alle Beteiligten profitieren. Doch in Baden-Württemberg hält sich die Begeisterung für das Modell in engen Grenzen. Neue Stromtrassen sind nach dem vor Jahresfrist vorgestellten „Netzentwicklungsplan“ zwar auch im Südwesten notwendig, mit einer Länge von insgesamt 330 Kilometern: die westliche führt von Niedersachsen über Nordrhein-Westfalen nach Philippsburg, die östliche von Schleswig-Holstein in die Nähe von Neckarwestheim und den Ostalbkreis. Doch weder beim Stuttgarter Umweltministerium noch beim Netzbetreiber TransnetBW (früher: EnBW Transportnetze) gibt es konkrete Pläne, die Bürger finanziell an den Investitionen zu beteiligen.

Die Skepsis, die bei beiden durchklingt, hat vor allem mit den Erfahrungen im Norden Deutschlands zu tun. Dort offeriert der niederländische Stromnetzbetreiber Tennet erstmals eine „Bürgeranleihe“, mit der sich Anleger an der Westküstenleitung beteiligen können. Wer bis zu fünf Kilometer im Umkreis der geplanten Trasse wohnt, kann bis zu 10 000 Euro bevorzugt zeichnen. Zunächst werden drei Prozent, nach Baubeginn fünf Prozent Zinsen jährlich in Aussicht gestellt. Laut Tennet handelt es sich um eine „Hybridanleihe“, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital, deren Risiko und Rendite zwischen klassischen Anleihen und Aktien liege.

Auch Altmaiers Pilotprojekt hat sich nicht wie erhofft entwickelt

Doch das Pilotprojekt, das Umweltminister Peter Altmaier und der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Thorsten Albig (SPD) gemeinsam mit einem symbolischen Knopfdruck starteten, entwickelt sich anders als erhofft: Nicht die Chancen für die Geldanleger stehen inzwischen im Vordergrund, sondern die Risiken. Entsprechend zögernd wird das noch bis Ende August laufende Angebot angenommen. Beflügelt sehen sich dadurch die Gegner des Leitungsausbaus, die ohnehin den Verdacht hegen, ihnen solle „der Widerstand abgekauft“ werden.

Warnende Stimmen kommen auch aus Baden-Württemberg. „Für Verbraucher ungeeignet“ – mit diesem vernichtenden Prädikat versah die Verbraucherzentrale in Stuttgart die Bürgeranleihe. Ihr Finanzexperte Nils Nauhauser urteilte äußerst kritisch über die Empfehlung der Politik: „Privatanlegern wird suggeriert, dass sie exklusiven Zugang zu einer rentablen Geldanlage erhalten“; tatsächlich bestehe „die Gefahr, dass viele Menschen im Vertrauen darauf die Anlagerisiken nicht ausreichend berücksichtigen“. Diese sind erheblich, wie Nauhauser erläuterte: Die Zeichner der Anleihe trügen im Insolvenzfall ein „Totalverlustrisiko“ und könnten den Kredit, den sie Tennet gewährten, nie kündigen.

Experte: Für risikobereite Anleger gibt es bessere Angebote

Wegen der unbefristeten Laufzeit komme nur ein Verkauf über die Börse infrage, wie viel dort bezahlt werde, „ist jedoch ungewiss“. Zudem sei der für 2015 geplante Baubeginn fraglich und die Verzinsung von fünf Prozent selbst dann alles andere als sicher. Das Fazit des Fachmanns: Für risikobereite Anleger gebe es am Markt diversifizierte Angebote mit ähnlichen Renditeaussichten, aber „ganz ohne Totalverlustrisiko“.

Skeptisch äußerte sich auch der zuständige Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Rodger Rinke. „Für den normalen Kleinanleger ist es kaum möglich, diese Anleihe zu verstehen“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Nur wer viel Kapitalmarkterfahrung habe, dürfte das Konstrukt begreifen: „Selbst Profis tun sich da schwer.“ Beim Verkauf über die Börse, so Rinke, sehe man „das Risiko einer geringen Liquidität“. Freundlicher urteilte die NordLB, deren Analyse Tennet auf seiner Internetseite präsentiert. Fazit: die Konditionen der Anleihe seien „aus heutiger Sicht fair“.

Umweltministerium: Im Südwesten gibt es Überlegungen nicht

Im Umweltministerium von Franz Untersteller (Grüne) findet man zwar die Grundidee gut, die Bürger am Netzausbau mitverdienen zu lassen; dies diene der Akzeptanz. Entscheidend, so ein Sprecher Unterstellers, sei aber „die konkrete Ausgestaltung“ des Finanzprodukts. Da sei die Tennet-Anleihe mit ihren „unüberschaubaren Risiken“ sicher kein nachahmenswertes Vorbild: „So etwas stellen wir uns nicht vor.“ Bis jetzt, so der Sprecher, wisse man nichts von entsprechenden Überlegungen im Südwesten.

Beim Netzbetreiber TransnetBW klingt das ein wenig anders. „Natürlich gibt es auch bei uns Überlegungen“, sagt eine Sprecherin. Man arbeite an einem eigenen Modell für die „Bürgerdividende“, doch wie das aussehen könnte, sei noch offen. Die Lösung müsse schließlich „Hand und Fuß haben“ und für beide, Emittent und Zeichner, von Vorteil sein. Um die Akzeptanz neuer Leitungen zu erhöhen, setze TransnetBW ohnehin nicht vorrangig auf eine finanzielle Beteiligung. Wichtiger, so die Sprecherin, sei dem Unternehmen eine frühzeitige Information der Bürger und ein transparentes Verfahren.