Gegner und Befürworter des geplanten Neubaus kämpfen bis zuletzt für ihre jeweiligen Positionen. Wer am Ende die Nase vorne hat, darf mit Spannung erwartet werden.

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Esslingen - Wer behauptet, es gehe bei dieser Abstimmung ausschließlich um das Abwägen von Sachargumenten, der erzählt nur die halbe Wahrheit. Wenn am Sonntag, 10. Februar, 70 000 wahlberechtigte Esslinger Bürger darüber entscheiden sollen, ob ihre Stadtbücherei in Zukunft am bisherigen Standort im dann erweiterten und modernisierten Bebenhäuser Pfleghof oder in einem Neubau zwischen der Küferstraße und der Kupfergasse beheimatet sein soll, spielen Emotionen eine ganz große Rolle.

 

Das ist natürlich ein bisschen gefährlich, schließlich geht es um eine der größten Investitionen, die die Stadt Esslingen in den vergangenen 20 Jahren getätigt hat. Rund 25 Millionen Euro wird es mindestens kosten, die Stadtbücherei – egal nun an welchem Ort – für die Zukunft zu ertüchtigen. Und die Risiken, dass das Ganze noch deutlich teurer wird, sind angesichts der zu erwartenden Vorgaben des Denkmalschutzes und der allgemeinen Preissteigerungen in der Baubranche mehr als wahrscheinlich.

Für beide Varianten gibt es gute Argumente

Natürlich gibt es für beide Bücherei-Varianten gute Argumente. Eine deutliche Mehrheit des Gemeinderats hat sich im September nicht nur deshalb für einen Neubau zwischen der Küferstraße und der Kupferstraße ausgesprochen, weil bei einem Neubau die Kosten deutlich kalkulierbarer sind als bei der Umgestaltung eines Baudenkmals. Das neue Haus in der Küferstraße könnte zudem flexibler gestaltet werden und böte mehr Fläche als selbst ein erweiterter Standort im Bebenhäuser Pfleghof: In der Küferstraße haben die Planer eine Programmfläche von knapp 3700 Quadratmetern ermittelt, im Pfleghof sind es im besten Fall rund 3230 Quadratmeter.

Ein Neubau wäre problemlos barrierefrei zu erschließen und hätte – zusammen mit der benachbarten Musikschule und dem evangelischen Gemeindehaus am Blarerplatz – das Potenzial, sich zu einem wichtigen Kulturquartier zu entwickeln.

Zudem würde es einen erfreulichen Nebeneffekt geben. Die Fußgängerzone Küferstraße, die durch die kontinuierliche Verlagerung des Einzelhandels in die westliche Altstadt immer mehr von den Besucherströmen in der Altstadt abgehängt wird und die sich nun zum Gründerzentrum für junge Unternehmen weiterentwickeln soll, bekäme mit einer neuen Stadtbücherei einen Frequenzbringer.

Die Frage der Barrierefreiheit

Die Befürworter des Pfleghofs betonen das einzigartige Ambiente des Bestandshauses. Es sei eine überaus reizvolle Aufgabe, dort eine moderne Stadtbücherei mit der Geschichte des Hauses zu verbinden. Die Stadtbücherei könne somit sinnbildlich für das historische Esslingen stehen, aus dem eine moderne Stadt heraus wachse. Gelinge diese Modernisierung, könne dort ein einzigartiger und unverwechselbarer Ort entstehen, um den Esslingen beneidet werde. Die Anhänger des Bebenhäuser Pfleghofs sind fest davon überzeugt, dass auch dort – eventuell mit zusätzlichen Kosten – eine absolut barrierefreie Lösung gefunden werden könne.

Überhaupt spielt die Kostenfrage in der Diskussion eine zentrale Rolle. Denn in der Kalkulation des Neubaus sind noch nicht jene Beträge eingerechnet, die notwendig wären, um die vom Gemeinderat zugesagte öffentliche Nachnutzung des Bebenhäuser Pfleghofs zu ermöglichen. Objektiv betrachtet kann angesichts der zahlreichen Unwägbarkeiten zum heutigen Zeitpunkt wirklich niemand verbindlich sagen, welche Lösung die Esslinger Stadtkasse am Ende mehr belasten wird.

Bleibt die Frage der Interimslösung: Hier setzen die Pfleghof-Anhänger darauf, dass eine Stadtverwaltung, wenn sie es denn wirklich wolle, in der Lage sein müsse, eine solche Interimslösung zu finden. Es sei nicht Aufgabe der Pfleghof-Befürworter, danach zu suchen. Die Stadt betont, dass es momentan keine geeigneten Flächen gibt, in denen für einen so langen Zeitraum eine Übergangslösung möglich sei.