Freiberg - Im Filmjargon würde man wohl sagen: Grundschulstandorte 2.0. Denn viereinhalb Jahre nachdem das Thema Freiberg mit seinen rund 16 000 Einwohnern aufgewühlt hat, steht es erneut bei der Sitzung des Gemeinderates am kommenden Dienstag auf der Tagesordnung. Und es verspricht, wieder spannend zu werden: Es soll abermals einen Bürgerentscheid geben, ob die drei Grundschulen erhalten bleiben – wie schon 2016. Lesen dazu auch: Unmut über „Mega-Grundschule“
Die drei Grundschulen in den Freiberger Ortsteilen Beihingen, Geisingen und Heutingsheim beschäftigen Bürger, Verwaltung und Gremien seit Jahren. Alle drei Gebäude sind sanierungsbedürftig und entsprechen räumlich nicht mehr den pädagogischen Anforderungen. Daher war der Gemeinderat im Sommer 2016 mehrheitlich zu der Entscheidung gekommen, die drei Grundschulstandorte aufzugeben und im Kasteneckpark eine neue zentrale Grundschule nebst Sporthalle zu bauen.
Wie ging der Bürgerentscheid 2016 aus?
Doch dies schmeckte vielen Eltern nicht, die vor allem zu lange Schulwege für ihre Kinder befürchteten und eine deutliche Zunahme des Verkehrs. Unter dem Motto „Kurze Beine – kurze Wege“ bildete sich damals eine Bürgerinitiative für die Erhaltung der drei Grundschulen. Es kam zum Bürgerentscheid. Bei diesem votierten die Wähler mehrheitlich gegen den zentralen Standort. Alle drei Grundschulen blieben.
Doch seitdem haben sich die Probleme noch einmal verschärft, neue Forderungen kamen hinzu: Da die Flattichschule in Beihingen wegen rückläufiger Schülerzahlen einzügig zu werden drohte, wurde über einen neuen Zuschnitt der Schulbezirke nachgedacht. Brandschutzmaßnahmen und neue Rettungswege wurden an allen drei Standorten erforderlich, und Umfragen in der Elternschaft ergaben, dass der Wunsch nach einem Ganztagsbetrieb sehr groß war, bei dem Unterricht und Betreuung eng miteinander verzahnt sind. „In der Form dieses rhythmisierten Unterrichts haben wir das in Freiberg noch nicht“, erklärt Bürgermeister Dirk Schaible, der nach zahlreichen Gesprächen über Schulkonzepte, Sanierungen oder Neubauten mit seinem Team zu der Erkenntnis kam, dass sich Lösungen mit drei Schulen als schwierig erweisen – nicht nur finanziell.
Warum noch mal ein Bürgerentscheid?
Da die Freiberger die Entscheidung über die Schulstandorte mit der Bürgerinitiative 2016 „selbst in die Hand genommen“ hätten, will er sie auch diesmal „wieder in die Hand der Bürger legen“. Bei einem erneuten Bürgerentscheid – voraussichtlich am Tag der Bundestagswahl am 26. September – soll diesmal zwischen der Erhaltung der drei Standorte oder nur noch zweien abgestimmt werden. „Da sich die Faktenlage geändert hat, könnte sich ja auch die Meinung der Eltern geändert haben“, sagt Schaible.
Die Variante mit zwei Standorten sieht an der Kasteneckschule (Heutingsheim) einen gemischten Halbtags- und Ganztagsbetrieb vor mit vier bis viereinhalb Zügen. An der Grünlandschule (Geisingen) soll ein zwei bis zweieinhalbzügiger Halbtagsbetrieb stattfinden. Ob die „zukunftsfähigen Schulstrukturen“ (Schaible) durch die Erhaltung der Altbauten mit Erweiterungen oder Neubauten realisiert werden, ist offen und wird wohl auch durch die Kosten mitbestimmt. In Beihingen soll es nach dieser Variante keine Grundschule mehr geben. „Die Flattichschule könnte als Jugendmusikschule oder von Vereinen genutzt werden“, sagt Schaible. Die Ideen und Konzepte der Schule sollen jedoch in die neue Ganztagsschule im Kasteneckpark mit einfließen. „Schule ist mehr als ein Gebäude“.
Was sagen die Freiberger Stadträte?
Einer der 23 Stadträte, die über die Vorschläge befinden, ist Harald Schönbrodt, der 2016 eine der führenden Figuren der Bürgerinitiative für die Erhaltung der drei Standorte war und nunmehr seit 2019 für die Offene Grüne Liste im Gemeinderat sitzt. Für ihn hat sich an der Faktenlage nicht viel geändert: „Abgesehen vom Ganztagsschulbetrieb geht es eigentlich immer noch ums Geld“, sagt er. Er sieht in der Erhaltung der drei Schulen nach wie vor „einen Standortvorteil für Freiberg“. Zudem sei es „klimapolitischer Irrsinn“, wenn man die schulische Nahversorgung aufgebe. „Mindestens 70 Eltern mehr würden ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen“, sagt er. Zudem seien 200 Schüler ein besseres Umfeld für Kinder als eine zentrale Großschule. „Da würden sich positive Coronafälle auch gleich viel stärker auswirken“, sagt er. Die SPD will laut ihrer Fraktionschefin Sabine Geißer „ergebnisoffen“ in die Diskussion gehen. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Willi Zimmer hat aus seiner Fraktion unterschiedliche Meinungen vernommen.