Bürgergeld für Ukrainer Warum sich manche Arbeit nicht lohnt

Viele Hotels suchen händeringend Mitarbeiter im Zimmerservice. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Niemand will bei Bäckermeister Leimgruber die Bleche spülen. Und im Schwarzwald will kaum jemand die Hotelbetten machen. Ist das laut Tübingens OB Boris Palmer zu hohe Bürgergeld schuld, wenn so manche Stelle unbesetzt bleibt?

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Hier spült der Chef noch selbst. Es gibt tatsächlich Sonntage, an denen macht Hermann Leimgruber, Bäcker- und Konditormeister aus Tübingen, selbst die Hilfsarbeiten im Café Lieb. Dann räumt er Teller und Tassen in die Spülmaschine und reinigt Backbleche mit Übergröße. „Das kann es eigentlich nicht sein“, sagt der Unternehmer. 130 Mitarbeiter beschäftigt er in seinen acht Filialen, allein 40 an der neugebauten Produktionsstätte im Gewerbegebiet Traufäckern. „Ich könnte jederzeit noch sieben Leute einstellen.“

 

Warum er es nicht tut? „Es kommt niemand.“ Deshalb kann er die soeben von seinem Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) abgefeuerte Breitseite gegen das Bürgergeld, das so hoch sei, dass vielen Beziehern einfache Arbeiten unattraktiv erscheinen, nur zu gut verstehen. „Es ist genau so, wie es Palmer sagt“, und es zuvor schon der Tübinger Landrat Joachim Walter (CDU) formuliert habe. Auch der Umstand, dass Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kaum noch bereit seien, eine Arbeit aufzunehmen, seit sie Bürgergeld erhielten, entspricht exakt Leimgrubers Erfahrung.

Von der Backstube zum Sprachkurs

Zwei Ukrainerinnen arbeiten bei ihm – Mutter und Tochter. Mit beiden ist der Chef hochzufrieden. Nach Kriegsausbruch habe er noch einen weiteren Landsmann in der Backstube beschäftigt. Auch der habe gut gearbeitet. Nach einem halben Jahr habe er aber gekündigt. Er gehe zum Sprachkurs und wolle sich beruflich verbessern. „Das ist schade“, sagt Leimgruber, der findet, dass Arbeit und Sprachkurs sich nicht ausschlössen. „Wer arbeitet, ist sozial besser integriert und kann das Gelernte gleich ausprobieren.“

Hundert Kilometer südwestlich, im Hotel Vier-Jahreszeiten am Schluchsee beginnt gerade die Hochsaison. Über Weihnachten und Neujahr herrscht Vollbelegung in dem Familienhotel, das wenige Autominuten vom Feldberg entfernt liegt. 200 Mitarbeiter hat Hotelier Helmut Schweimler, fast 50 fehlen ihm. Vor einigen Wochen habe sich eine Ukrainerin um eine Stelle an der Rezeption beworben, erzählt Schweimler. Schon in der Heimat habe sie in diesem Bereich gearbeitet. Allerdings habe sich beim Vorstellungsgespräch herausgestellt, dass sie kein Deutsch konnte.

So wie es ist, wird es nicht bleiben

„Wir haben ihr dann eine Stelle als Zimmermädchen angeboten.“ Doch daraus wurde nichts, als man auf den Lohn zu sprechen kam. „Wir zahlen über Tarif“, behauptet Schweimler. In diesem Fall wären das 2100 Euro brutto gewesen, also etwa 1500 Euro netto. Eine Dienstwohnung wäre der Frau für 350 Euro gestellt worden. Zudem hätte sie 200 Euro Kindergartengebühren für ihr fünfjähriges Kind bezahlen müssen. Sie lehnte dankend ab. Mit Bürgergeld komme sie auf 1480 Euro, Wohnung und Kindergarten seien kostenfrei.

Ist das Bürgergeld zu hoch? Oder ist der Lohn zu niedrig? Und ist den Menschen überhaupt bewusst, welche staatlichen Zusatzleistungen wie etwa Wohngeld ihnen als Arbeitnehmer mit geringem Einkommen zustehen? Nicht einmal Schweimler weiß das. Dass aber auch höher qualifizierte ukrainische Handwerker ihre Jobs wieder quittieren, weil es sich nicht lohnen würde, wie es immer wieder heißt, lässt sich kaum an Beispielen verifizieren. Es scheint doch die Ausnahme zu sein.

Arbeiten sei in jedem Fall besser als vor dem Fernseher zu sitzen, findet Rostyslav Sukennyk vom Dachverband der deutsch-ukrainischen Vereine. Allerdings täten sich viele Landsleute schwer, weil sie in Deutschland häufig nur Jobs weit unterhalb ihrer ursprünglichen Qualifikation angeboten bekämen. Wer wieder als Arzt arbeiten wolle, müsse in Deutschland das Sprachniveau C1 nachweisen. Das ist knapp unterhalb muttersprachlicher Kenntnisse und innerhalb von knapp zwei Jahren kaum zu erreichen. „Es wäre gut, wenn es mehr Stellen für Hilfsärzte gäbe.“

Sukennyk sieht aber noch ein zweiten Grund für die vergleichsweise geringe Beschäftigtenquote von Ukrainern. „Die Menschen haben sich noch nicht entschieden, ob sie hier bleiben wollen.“ Viele hofften auf einen Kriegserfolg, der ihnen eine baldige Rückkehr ermöglicht. Grundsätzlich denkt auch Sukennyk: „Niemand geht arbeiten, wenn er dann weniger bekommt.“ Ein gekürztes Bürgergeld könne einen dazu aber zwingen. Und das glauben Schweimler und Leimgruber. „Hier könnte man am schnellsten sparen. So wie es gerade ist, wird es nicht bleiben“, sagt der Tübinger Konditormeister.

Flüchtlinge und Bürgergeld

Gelder
Rund 5,5 Millionen Menschen in Deutschland beziehen Bürgergeld. Darunter sind 2,9 Millionen Deutsche und als größte ausländische Gruppe 700 000 Ukrainer. Von ihnen gelten 430 000 als erwerbsfähig.

Aufnahme
Gemessen an seiner Größe liegt Deutschland im europäischen Vergleich bei der Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge auf Platz zehn, hat damit aber zehnmal mehr Ukrainer aufgenommen als das letztplatzierte Frankreich. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sind nur 19 Prozent der Kriegsflüchtlinge in Deutschland bereits erwerbstätig. Eine solch schlechte Quote gibt es sonst nur in Belgien und der Schweiz. In Dänemark arbeiten hingegen 78, in Tschechien, das im Vergleich die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, 66 Prozent.

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