Herr Breitfeld, mit welchen Gefühlen sehen Sie derzeit auf die A 81-Baustelle?
Ich muss zugeben, dass man die gigantischen Ausmaße des Projekts erst wirklich realisieren kann, wenn die Baustelle läuft. Wenn man jetzt oben auf der Brücke steht und sich alles ansieht, wird einem die Größe erst richtig klar. Und an diesem Projekt haben wir als Bürgerinitiative ja mitgewirkt. Zuletzt habe ich unsere Homepage aktualisiert und das Pressearchiv durchgeschaut. Wenn man diese vielen Artikel und unsere ganzen Aktivitäten vor Augen hat, staune ich, was wir alles unternommen haben. Wir waren in Berlin, in der Villa Reitzenstein in Stuttgart, haben unzählige Gespräche und Verhandlungen geführt. Und viel erreicht. Da können wir wirklich stolz darauf sein.
Wegen der Bauarbeiten wurde die A 81 in den vergangenen Monaten immer mal wieder komplett gesperrt – ein Vorgeschmack auf die leise Zukunft?
Naja, euphorisch wird da von uns keiner. Man wird auch in der Zukunft die Autobahn hören. Aber dennoch sind wir alle gespannt, wie viel der Deckel letztlich wirklich bringen wird. Man spürt schon eine Vorfreude auf das, was kommen wird.
Sind Sie nach wie vor untereinander im Austausch? Trifft man sich ab und zu?
Wir halten Kontakt per Mail und gehen gelegentlich zusammen eine Pizza essen. Aber ein reger Austausch findet nicht mehr statt. Ist ja auch nicht notwendig. Die Entscheidungen bezüglich des Deckels sind gefallen, die Bauarbeiten laufen. Mit dem Leiter der Projektgesellschaft Deges, Johannes Kuhn, habe ich mich mal über den Zeitplan und die Rahmenbedingungen ausgetauscht. Das ist ein Mann, der weiß, was er tut. Es fühlt sich gut an zu wissen, dass das Projekt in guten Händen ist. Das reduziert die Bedenken, irgendetwas könnte noch schief gehen.
Jetzt gibt es Streit wegen der Gestaltung der Deckeloberfläche: Böblingen will sich an den Kosten nicht beteiligen, Sindelfingen plant deshalb ein Minimalprogramm. Was sagen Sie dazu?
Da muss ich meine Rollen auftrennen. Als Sprecher der Bürgerinitiative „Leise A 81“ sage ich, dass uns vor allem der Schallschutz wichtig war. Den haben wir erreicht. Als Bürger und Anwohner finde ich, dass gerade eine städtebauliche Chance vertan wird.
Und dann sind sie aber auch noch Böblinger Stadtrat . . .
Stimmt. Und als solcher hat mich schon überrascht, dass die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung 2010/11 zur Deckelgestaltung von der Stadt Sindelfingen überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Die Rathaus-Verantwortlichen haben die Ideen von damals wohl ignoriert, als sie mit der Deges gesprochen haben. Jetzt soll mitten auf den Deckel ein Betriebsgebäude drauf, das man sicher auch an eine andere Stelle platzieren könnte. Zudem sind Photovoltaikanlagen und Magerrasenflächen geplant. Wenn einem so wenig einfällt, hätte man doch ruhig einen Gestaltungswettbewerb ausrufen können. An dessen Kosten hätte sich die Stadt Böblingen ja zu 50 Prozent beteiligt.
Aber an den Kosten für die Gestaltung selbst will sich Böblingen nicht beteiligen. Warum?
Weil der Deckel auf Sindelfinger Gemarkung liegt. Das klingt im ersten Moment vielleicht kleinlich, aber diese Gemarkungsgrenzen sind genau dazu da, dass man sich bei Bauprojekten nicht streiten muss, wem was wie viel nutzt. Den Ausbau der Leibnizstraße finanziert Böblingen auch alleine, obwohl die Sindelfinger davon ebenfalls viel haben. Und zwar weil die Leibnizstraße auf Böblinger Gemarkung liegt. Fertig.
Der Deckel kommt, der Ausbau läuft – eigentlich könnte sich die Bürgerinitiative „Leise A 81“ auflösen, oder?
Noch nicht. Wir begleiten das Projekt bis zum Schluss. Und nach wie vor gibt es in der Bevölkerung einen hohen Informationsbedarf. Deshalb habe ich zuletzt extra eine neue Homepage gemacht, die viele Fragen beantworten kann. Bis 2026 halten wir schon noch durch. Wir lösen uns erst auf, wenn wir über den Deckel tatsächlich drüberlaufen können.
Geschichte des Engagements: Die BI erwirkt den Deckel
A 81-Ausbau
Seit vielen Jahren geplant, jetzt in der Umsetzung: Der 7,2 Kilometer lange Abschnitt der Autobahn zwischen Böblingen-Hulb und Sindelfingen-Ost wird für rund 370 Millionen Euro auf sechs Fahrspuren verbreitert. Spatenstich des Großprojekts war im Sommer 2021, die Fertigstellung ist 2026 geplant. Hinzu kommt ein 850-Meter-Lärmschutzdeckel, der sich in etwa vom Böblinger Smart-Gelände bis zum Bitzer-Turm zieht.
Leise 81
Die Anwohner auf Böblinger und Sindelfinger Seiten fürchteten durch den Ausbau eine enorme Lärmbelastung. Daher gründete sich 2005 die Bürgerinitiative (BI) „Leise A 81“, deren Mitglieder sich enorm engagierten. In Zeitungsarchiven fand man schließlich eine alte Zusage des Landes für einen Lärmschutzdeckel. Die BI forderte 1500 Meter, 2009 einigte man sich auf 850 Meter. 2013 war dann auch die Finanzierung unter Dach und Fach.
Thorsten Breitfeld
wurde 1963 in Karlsruhe geboren. Er studierte in Stuttgart Luft-und Raumfahrttechnik auf Diplom. 2000 schloss er seine Promotion ab. Seit 1999 arbeitet er bei Mercedes-Benz und ist zuständig für die Projektkoordination für Schwingungen und Akustik (NVH) der E-Klasse. Seit 2009 gehört er der CDU-Fraktion im Böblinger Gemeinderat an und bringt dort seine Ingenieurs- und insbesondere seine Akustik-Expertise ein.