Bürgerkrieg im Kongo Audienz beim Aufrührer

Corneille Nangaa (links), Chef der M23-Miliz, empfängt Afrika-Korrespondent Christian Putsch zum Interview. Foto: Christian Putsch/CHRISTIAN PUTSCH

Einst winkte Corneille Nangaa als Wahlleiter einen zwielichtigen Urnengang zugunsten von Kongos Präsident Felix Tshisekedi durch. Jetzt führt er die blutige Rebellion der M23-Miliz gegen ihn an – und baut im Ostkongo einen Parallelstaat auf.

Der Weg zum Rebellenchef endet zunächst am Tor eines Hotels in Goma. Corneille Nangaa sei nicht da, sagt der Soldat mit dem Maschinengewehr schroff. Nach Verweis auf den Termin greift er dann doch zum Handy, nickt und lässt das Auto nach Bomben durchsuchen. Es folgen zwei Leibesvisitationen, eine weitere vor der Hotel-Suite, in der das Interview stattfinden soll. Dann geht die Tür auf.

 

Hinter ihr erhebt sich aus einem gelben Sessel der Mann, der Ostafrika erschüttert. Einige Tage zuvor hatte Nangaa, 54, gedrungene Gestalt, weißer Vollbart, hier noch in Militäruniform einen ruandischen Journalisten getroffen. Nun trägt er ein gemustertes braunes Hemd, schwarzpolierte Schuhe, dazu eine Baseballmütze mit dem Emblem der „Alliance du Fleuve Congo“ (AFC), die von ihm angeführte Allianz aus Oppositionellen und Rebellengruppen, zu der die mächtige M23 gehört.

Ende Januar marschierte die M23 in die Millionenstadt Goma ein

Er lächelt freundlich, will jetzt als Politiker wahrgenommen werden. Als möglicher Verhandlungspartner, der aber jederzeit wieder die Uniform aus dem Schrank holen kann. Denn sein Widersacher, Kongos Präsident Felix Tshisekedi, verstehe nur eine Sprache: „die der Gewalt.“

Ende Januar marschierte die M23 in die Millionenstadt Goma ein. Tagelang dauerten die Kämpfe mit Kongos Armee und ihren verbündeten Milizen, 2900 Tote soll es gegeben haben. 400 000 Menschen wurden allein seit Anfang des Jahres infolge der Kämpfe vertrieben. Nangaa spricht von „einem Preis für den Frieden“, für den die Regierung wegen ihrer Bewaffnung von Zivilisten die Verantwortung trage. Seitdem kontrolliert der Rebell die gesamte Provinz Nord-Kivu, ein rohstoffreiches Gebiet mit der Fläche der Schweiz, seine Truppen rücken in der Nachbarprovinz Süd-Kivu vor. Selbst das erklärte M23-Ziel, den Sturz der Regierung im 1500 Kilometer weit entfernten Kinshasa, halten einige Beobachter für möglich. „Im ganzen Land warten die Menschen auf uns“, sagt Nangaa, „die Leute fragen uns: Warum dauert es so lange?“

Trotz seiner Rohstoffvorkommen ist der Kongo kein zuverlässiger Lieferant

Es ist eine Drohung, die bis nach Europa nachhallt. Denn kaum ein Land ist für die Energiewende so wichtig wie der Kongo. Das Land im Herzen Afrikas produziert 72 Prozent des weltweiten Kobalts, auch für andere kritische Rohstoffe ist es unverzichtbar.

Doch ein idealer Lieferant ist der Kongo angesichts seiner Korruption, Bürokratie und wegen der Kinderarbeit nicht gerade. Das eisern aber effizient regierte Nachbarland Ruanda ist da schon interessanter. Es soll künftig die EU beliefern. Anfang 2024 wurde eine Absichtserklärung unterzeichnet, einen Monat nach einem ähnlichen Abschluss mit dem Kongo. Dort war man erbost – vor allem, weil der Kongo behauptet, dass Ruanda seine Mineralien aus dem Ostkongo einschmuggele, das Land gar keine eigenen Rohstoffe habe. Letzteres ist Propaganda. Mit den Vorwürfen konfrontiert, lädt die ruandische Regierung spontan in eines seiner Zinn-Bergwerke ein, das 1600 Arbeiter beschäftigt. Es werde im Kongo kein Mineral abgebaut, das man nicht auch in einem der rund 110 ruandischen Bergwerke finden könne, beteuert man dort. Doch die Behauptung, dass Ruandas Exportvolumen das der eigenen Produktion übersteigt, hält sich trotz dünner Faktenlage hartnäckig.

Ruandas Präsident Kagame betont die Gefahr für sein Land

Ruanda steuere wegen des Rohstoffschmuggels gar die M23-Rebellion, behauptet der Kongo. Zumindest für eine Unterstützung der M23 spricht ein UN-Expertenbericht, demzufolge Ruanda bis zu 4000 Soldaten geschickt hat. Ruandas Präsident Paul Kagame bestreitet das. Er verweist auf die anhaltenden Morde an der Tutsi-Minderheit im Ostkongo. Nach ihrem Völkermord an den Tutsi im Jahr 1994 in Ruanda waren Hutu-Milizen über die Grenze geflohen, wüten dort bis heute. Kagame, der selbst zum Volk der Tutsi gehört, betont die Gefahr für das eigene Terrain: Ruanda werde „um jeden Preis” sein Territorium absichern. Seine schlagkräftige Armee gilt als die einzige in der Region, die über moderne Flugabwehrraketen verfügt, die von der M23 wahrscheinlich beim Abschuss eines UN-Helikopters 2022 eingesetzt wurden.

Daher wächst der öffentliche Druck: 64 Bürgerrechtsorganisationen fordern die EU auf, von dem Vertrag mit Ruanda Abstand zu nehmen. Eine Aussetzung wird zwar wahrscheinlicher, eine Aufkündigung aber nicht, denn ein Großteil der Seltenen Erden kommt aus der Region. „Wenn Europa dort keinen Zugang hat, dann droht der Industrie ein Preisschock”, sagt ein Branchenkenner.

Der Rebellenanführer war einst selbst Teil der Elite um Präsident Kabila

In der Hotel-Suite bleibt Rebellenchef Nangaa derweil stoisch. Das mit Ruanda sei „nichts als Spekulation”, sagt er mit ruhiger Stimme. „Wenn der Kongo die Verfassung missachtet, öffentliche Gelder plündert oder mordende Milizen bewaffnet, dann schieben sie die Schuld immer auf Ruanda.” Er scheint die M23 vom Image der Tutsi-Beschützer lösen zu wollen, präsentiert sich als „Befreier” des gesamten Volkes. Die Wahrheit sei: „Wir sind Kongolesen. Und nur wir Kongolesen können unsere Probleme lösen.”

Nangaa ist zu Verhandlungen mit Tshisekedi bereit. Der umgekehrt nicht. „Wir sind offen, aber wenn Herr Tshisekedi nicht mit uns diskutieren will, uns als Terroristen bezeichnet, dann werden wir mit anderen Kongolesen über die Zukunft des Landes reden”, sagt der Rebell, der in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.

Dabei war Nangaa einst selbst Teil der dortigen Elite, ein Vertrauter des langjährigen Präsidenten Joseph Kabila. Als es immer wütendere Proteste gegen dessen Regierung gab, beauftragte Kabila den ehemaligen UN-Mitarbeiter Nangaa im Jahr 2018 mit der Organisation von Wahlen. Sie wiesen massive Unregelmäßigkeiten zugunsten von Kabilas Wunschnachfolger Tshisekedi auf. Sein späterer Anschluss an die M23-Rebellion, die damals bereits lief, sei „seine Pflicht, um eine Diktatur zu vermeiden”, sagt Nangaa heute.

M23-Anführer treten auf wie Rockstars

In Goma inszeniert sich seine M23 nun als bessere Regierung, als korruptionsfreie Alternative zu der von Tshisekedi, die mit ihrer desolaten Armee den 100 bewaffneten Gruppen in Nord-Kivu nichts entgegenzusetzen hatte. Tagelang fahren Rebellen durch die Stadt, fordern die Menschen mit Megafonen auf, zu einer Kundgebung im Stadion zu kommen. Rund 50 000 erscheinen dann auch, darunter Unterstützer, die schlicht dankbar sind, dass es wieder ein klares Machtzentrum in Nord-Kivu gibt. Die Mehrheit aber kommt aus skeptischer Neugier. Afro-Beats dröhnen aus Lautsprechern, einige der M23-Anführer kommen wie Rockstars tanzend auf die Bühne. Nangaa erscheint etwas staatsmännischer, fordert die Menschen auf, ihr normales Leben wieder aufzunehmen. Und sie sollten sich dem Marsch auf Kinshasa anzuschließen. „Wollt ihr, dass wir in Goma aufhören?” ruft er ins Mikrofon. „Nein, nach Kinshasa, Kinshasa”, rufen zumindest seine Anhänger in den ersten Reihen. Später werden die Rebellen ein Video von der Veranstaltung veröffentlichen, mit Drohnenaufnahmen. Titel: „Treffen der Hoffnung”.

Eine Frau ohne Hoffnung

Doch einige Kilometer weiter trifft man auf eine Frau ohne Hoffnung. Die Mutter Antoinette Kalema, 40, steht mit zwei ihrer sieben Kinder auf dem nackten Stück Erde, wo einst ihr Zelt war. Jetzt sind nur noch Fetzen übrig und Pappstücke, mit denen sie den Boden bedeckt hatte. Drei Jahre lebte sie hier, eine von Millionen in Nord-Kivu, die bei den Kämpfen aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Beim M23-Einmarsch zerstörten Anwohner dann ihre Notunterkunft im Ngangi-Lager. Sie hatten von der Anweisung der Rebellen gehört, dass alle Binnenflüchtlinge in ihre Dörfer zurückkehren sollen. Dort seien sie jetzt wieder sicher, so die M23. Selbst wenn das so sein sollte, fragt Kalema, wovon solle sie dort leben? Sie brauche Geld, um die Hütte wieder aufzubauen. So einfach sei das alles nicht. Eine Kirche bietet ihr neue Zuflucht, hält die Familie mit Lebensmitteln am Leben.

Auf solch offene Fragen stößt man überall in Goma. Die Lehrer sollen laut M23 wieder unterrichten, aber sie bekommen ihr Honorar aus Kinshasa nicht ausgezahlt, erzählt ein Dozent. Die Geschäfte sollen wieder ihren Betrieb aufnehmen, doch viele wurden geplündert. Die Zentralbank schickt Gomas Banken kein Bargeld mehr. Es wird knapp.

Am Ende des Interviews reicht Nangaa die Hand, hält den Händedruck lange. „Ich hoffe, dass sie unsere Geschichte korrekt in ihrem Land erzählen“, sagt er. Wie sie ausgeht, weiß aber auch er nicht.

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