Bürgerkrieg in Äthiopien Ein Krieg, den die Welt nicht sieht

Äthiopische Flüchtlinge in einem Camp im Nachbarland SudanIn Stuttgart haben am Samstag Menschen gegen den Krieg in Äthiopien demonstriert. Foto: dpa/Marwan Ali, imago/Arnulf Hettrich

Im Vielvölkerstaat Äthiopien toben Kämpfe um die Provinz Tigray. Die Zentralregierung in Addis Abeba blockiert nicht nur Hilfsorganisationen den Zugang.

Addis Abeba - Zumindest auf Facebook wird über den Bürgerkrieg in der nordäthiopischen Provinz Tigray aus nächster Nähe berichtet. Dort ist Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed in Kampfuniform an der Front zu sehen, ein getroffener Düsenjäger taumelt qualmend vom Himmel, und hinter der eritreischen Hauptstadt Asmara leuchtet ein mächtiger Feuerball auf. Das Problem der eindrücklichen Fotos: Keines von ihnen ist echt, es handelt sich ausschließlich um manipulierte „fakes“.

 

Wie könnte es auch Original-Bildmaterial vom Bruderzwist geben: Der seit fast drei Wochen tobende Krieg im Norden des zweitbevölkerungsreichsten Staats Afrikas findet ohne Beobachter statt. Journalisten werden von der Kriegsarena peinlichst ferngehalten, der Zugang zum Internet ist unterbrochen, selbst das Mobilfunknetz funktioniert nicht mehr. Der erste Waffengang im Cyberzeitalter, der sich unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit abspielt.

Die sudanesischen Behörden sind überfordert

Unter solchen Umständen kann jeder alles behaupten. Mit dem Vormarsch der Regierungstruppen auf die Provinzhauptstadt Mekele sei der Krieg in eine „entscheidende Phase“ eingetreten, meldet das Büro des Regierungschefs Abiy: Die beiden Tigray-Städte Aksum und Adwa seien „befreit“. Dagegen ist für seinen Gegenspieler – den Chef der Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF), Debretsion Gebremichael – die Provinz „zur Hölle ihrer Feinde“ geworden: „Das Volk der Tigray wird sich niemals vor Eindringlingen beugen.“ Kenner des Landes können ihr weniger triumphal klingendes Urteil nur aus der Ferne abgeben: „Äthiopien befindet sich auf dem Weg, zu einer der schlimmsten humanitären Krisen dieser Welt zu werden“, meint die in Somalia geborene US-Kongressabgeordnete Ilhan Omar.

Die humanitäre Katastrophe bahnt sich bereits an der Grenze zum Sudan an. Dort treffen täglich mehrere Tausend Flüchtlinge, vor allem Kinder, ein. Ausgehungert, zerfetzt und traumatisiert berichten sie von Luftangriffen auf die Hauptstadt Mekele, vom Artilleriefeuer, das sowohl aus der im Süden gelegenen Provinz Amhara wie aus dem nördlichen Nachbarland Eritrea abgefeuert werde, sowie von Massakern an Zivilisten. Verzweifelt müssen sie sich um die viel zu magere Hilfe streiten, die im verarmten Sudan auf sie wartet: Die Behörden dort sind bereits mit den knapp 50 000 eingetroffenen Schutzsuchenden heillos überfordert, die bisher eingetroffen sind. Wird ihre Zahl, wie von vielen erwartet, in den kommenden Tagen und Wochen auf mehr als 200 000 ansteigen, wäre die Katastrophe perfekt.

UN-Generalsekretär fordert „humanitären Korridor“

Außer den Reportern ist auch Hilfsorganisationen der Zugang nach Tigray verwehrt, obwohl dort schon vor den Kampfhandlungen mehr als 100 000 Menschen versorgt werden mussten – vor allem Flüchtlinge aus Eritrea. Wie es denen derzeit ergeht, ist genauso ein Rätsel wie das Schicksal jenes Teils der Bevölkerung, der sich nicht auf den Weg in den Sudan, sondern in die heimischen Berge machte. Oder den Einwohnern der Hauptstadt Mekele, die derzeit das Bombardement der äthiopischen Luftwaffe über sich ergehen lassen müssen. UN-Generalsekretär António Guterres fordert seit Tagen einen „humanitären Korridor“ in die Provinz. Doch diese Forderung scheitert wie die nach einem Waffenstillstand am Friedensnobelpreisträger Abiy, der den kurz bevorstehenden Sieg seiner Truppen verspricht. Für realistisch hält das keiner: In einem vertraulichen Bericht warnen die UN vor einem langen Krieg.

Einige der wenigen authentischen Bilder aus der umkämpften Provinz landeten kürzlich bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI): mit Handys aufgezeichnete Videos, die bis zu 500 in den Straßen des Städtchens May Cadera verstreut liegende Tote zeigen. AI-Angaben zufolge handelt es sich um Amharer, die der „ethnischen Säuberung“ zum Opfer gefallen seien, die TPLF-Führung dementiert das allerdings. Die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen will dem „Kriegsverbrechen“ nachgehen. Doch auch das muss warten, zumindest bis die Kämpfe aufgehört haben. Schon werden Stimmen laut, die hier vor einem ähnlichen Horrorszenarium wie vor 30 Jahren in Jugoslawien warnen: „Es handelt sich um einen sinnlosen Bürgerkrieg, der das gesamte Horn von Afrika in einen geopolitischen Albtraum zu verwandeln droht“, meint der äthiopische Rechtsprofessor Awol Allo.

Auch Eritrea ist in den Konflikt verwickelt

Tatsächlich hat der Konflikt auch schon auf andere Staaten übergegriffen. Außer dem Sudan ist auch Eritrea verwickelt: Nach Angaben des TPLF-Chefs Debretsion schickte der nördliche Nachbar 14 Divisionen nach Tigray. Die TPLF feuerte in der vergangenen Woche vier Raketen auf die eritreische Hauptstadt Asmara ab: Eine Reaktion des Nachbarn blieb zumindest bisher noch aus. Auch Somalia bekommt den Konflikt im Hunderte von Kilometern entfernten Tigray zu spüren. Addis Abeba zog mehrere Bataillone aus Amisom, der Mission der Afrikanischen Union in Somalia, ab, weil sie diese für ihren Krieg in der aufständischen Provinz braucht. Auf die noch immer äußerst angespannte Lage in Somalia könnte sich das fatal auswirken.

Die größte Gefahr eines Flächenbrands geht allerdings von Äthiopien selbst aus – und zwar den Volksgruppen, die wie die Tigray mit Abiys Zentralisierung des föderalen Staats nicht einverstanden sind. Vor allem die Oromo, die mit über 35 Prozent größte Volksgruppe des Landes, fühlen sich schon seit ewigen Zeiten unfair behandelt. Ihre Proteste brachten vor zweieinhalb Jahren den Oromo Abiy zur Macht. Inzwischen fühlen sich jedoch viele von ihnen von ihrem Landsmann verraten. Geht Abiy aus dem Konflikt in Tigray geschwächt hervor, droht ihm die nächste, noch wesentlich verheerendere Rebellion.

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