InterviewBürgermeister auf Coronavirus getestet „Schadenfreude ist jetzt fehl am Platz“

Von Claudia Barner 

Bürgermeister Michael Lutz ist in häuslicher Quarantäne und macht die Erfahrung: Ohne Unterstützung und Zuwendung von Nachbarn und Mitbürgern ist es schwer, die Nerven zu behalten. Deshalb will er Kontaktangebote schaffen.

Bürgermeister Michael Lutz und seine Frau müssen derzeit von zu Hause aus arbeiten. Foto: Claudia Barner
Bürgermeister Michael Lutz und seine Frau müssen derzeit von zu Hause aus arbeiten. Foto: Claudia Barner

Waldenbuch - Seit Dienstagabend ist Bürgermeister Michael Lutz mit seiner Ehefrau Regina in häuslicher Quarantäne. Der Vater des Verwaltungschefs war am Dienstag positiv auf das Coronavirus getestet worden – alle Kontaktpersonen müssen das öffentliche Leben auf Null zurückfahren. Am Freitag kam die Nachricht: Michael Lutz selbst ist mit seiner Frau Regina negativ getestet worden. Jetzt regelt der Verwaltungschef weiterhin die Dienstgeschäfte von zuhause aus, denn die Quarantäne muss bis zum 29. März eingehalten werden. Aus dem Macher in zentraler Funktion wurde ein Betroffener, der sich abschotten muss. Was das für die Psyche bedeutet, wie das Umfeld reagiert und welche Hilfen er für Mitbürger in vergleichbarer Situation anbieten möchte, erzählt der Bürgermeister im Interview.

Herr Lutz, die wichtigste Frage vorab. Wie geht es Ihnen?

Meine Frau Regina und ich fühlen uns gesund. Wir haben keine Symptome und sind damit beschäftigt, unsere beruflichen Aufgaben über Telefon und Internet weiter wahrzunehmen. Fünf Telefone und drei Computer zuhause zu bedienen, ist für zwei Beamte eine Herausforderung. Es klappt ganz gut. Wir werden sicher noch besser.

Sie haben sich dafür entschieden, mit der Erkrankung ihres Vaters und ihrem eigenen Testergebnis sofort an die Öffentlichkeit zu gehen. Warum halten Sie das für wichtig?

Wir haben ja nun schon einige Wochen mit den steigenden Fallzahlen zu tun, und ich habe festgestellt, dass wir nur durch absolute Transparenz und einem ehrlichen und klaren Umgang miteinander dafür sorgen können, dass keine Gerüchte entstehen und Ängste geschürt werden. Ich habe selbst erfahren, wie schnell Dinge im Umlauf sind, die jeglicher Grundlage entbehren.

Haben Sie Beispiele dafür?

Unsere Testergebnisse lagen noch gar nicht vor, da wurde schon verbreitet, dass wir positiv getestet seien. Der Hausarzt meiner Frau informierte mich darüber, dass ihm die besorgte Frage gestellt wurde, ob er die Praxis nun schließen müsse, da er Kontakt mit uns gehabt habe. Dabei war meine Frau zuletzt am 10. März kurz in der Praxis, ich selbst bin in einer anderen Praxis Patient. Dort bin ich zum Glück schon länger nicht mehr gewesen. Ich habe am Sonntag, an dem ich meinen Vater ins Krankenhaus begleitet habe, und beim Test die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen, die in Quarantäne müssen, schnell in einer Außenseiterposition befinden, sich dafür schämen, sich zum Beispiel nicht mehr beim Personal bedanken.

Worauf führen Sie das zurück?

Die Betroffenen rechnen vielleicht mit Anfeindungen von außen und haben vielleicht auch psychische Probleme. Dagegen müssen wir etwas tun und deutlich zeigen: Es kann jeden treffen. Ich denke, viele Menschen, die in die gleiche Situation kommen wie meine Frau und ich, brauchen Nerven, Kraft, Optimismus und dürfen nicht verzweifeln. Sie benötigen zum Beispiel Unterstützung vom Nachbarn. Wir waren sehr dankbar für die angebotenen Hilfen. Diese Solidarität wünschen wir allen Waldenbuchern.

Wo muss man ansetzen, um die Gemeinschaft zu stärken?

Es ist ganz einfach: Wir müssen aufeinander achten und menschlich bleiben. Wenn alle sozialen Kontakte plötzlich unterbunden werden, ist das sehr belastend. Kommt dann noch ein positives Testergebnis dazu, nehmen die Ängste weiter zu. Denken wir an Personen mit Vorerkrankungen oder die dabei ganz auf sich allein gestellt sind. Hier sind wir alle als Mitbürger und Nachbarn gefordert. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass wir uns nicht zurückziehen, sondern diese Menschen gezielt unterstützen. Ich hätte gerne persönlich zu den Betroffenen, die es in Waldenbuch bereits gibt, Kontakt aufgenommen. Aber das geht aus Gründen des Datenschutzes nicht. Deshalb müssen wir jetzt dringend andere Wege finden. Es ist nicht zielführend, wenn mir ein Mitbürger ausreichend Klopapier wünscht. Schadenfreude ist jetzt fehl am Platz. Nutzen wir die neuen Medien positiv.

Wohin können sich betroffenen Bürgerinnen und Bürger wenden?

Gerne können sie mir per Mail an buergermeister@waldenbuch.de eine Nachricht schicken, die ich bestmöglich beantworte oder beantworten lasse. Zudem soll eine Sonderausgabe der Stadtnachrichten für alle Waldenbucher Haushalte als Mitmachbroschüre erscheinen. Jeder Bürger ist zu aktuellen Beiträgen als „Schriftsteller“ eingeladen. So gehen wir offensiv und mit Kreativität gegen das unsichtbare Virus in unserer Stadt gemeinsam vor.