Bürgermeister der Region Abgewählt

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Immer mehr  Bürgermeister in der Region haben ihren Stuhl räumen müssen. Drei ehemalige Schultes erzählen, wie der Absturz sie verändert hat.    

Die Zeit danach: Reinhard Frank singt als Landrat mit den Tauberbischofsheimern.  Foto: Seufert 3 Bilder
Die Zeit danach: Reinhard Frank singt als Landrat mit den Tauberbischofsheimern. Foto: Seufert

Stuttgart - Hände weg! Das hätten alte Hasen der Kommunalpolitik noch vor wenigen Jahrzehnten jedem Verwaltungsfrischling empfohlen, der bei einer Bürgermeisterwahl forsch gegen den Amtsinhaber antreten wollte. Die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Stadtoberhäupter erhalten von den Bürgern die rote Karte: In den siebziger Jahren scheiterten nur 27 Bürgermeister in Baden-Württemberg bei der Wiederwahl, zwischen 1997 und 2006 waren es schon 79. Und die Zahlen bleiben weiter hoch. Das Amt des Schultes beinhaltet heute keine Lebensstellung mehr: Berufsrisiko inbegriffen.

Timm Kern, Geschichtslehrer und aktueller FDP-Landtagskandidat für Freudenstadt, hat das Standardwerk über abgewählte Bürgermeister geschrieben. Fast immer menschele es, wenn man nach den Gründen für die Abfuhr sucht, sagt Kern: Der Gemeinderat und sein Schultes sind sich nicht grün und streiten in jeder Sitzung. Der Bürgermeister eckt in der Verwaltung mit seinem autoritären Führungsstil an oder liefert sich öffentliche Scharmützel mit der Presse. Umstrittene Projekte gehen sowieso mit dem Amtsinhaber nach Hause.

Außerdem verübeln die Bürger ihrem Bürgermeister, wenn er nach sechs Jahren noch im Nachbarort wohnt, sich heimlich auf einen "besseren" Posten bewirbt, ständig Parteipolitik macht oder selten zum Heckenbärlesfest kommt. "Die Erwartungen sind immens hoch", resümiert Kern. Und er zitiert den ehemaligen Sindelfinger OB Dieter Burger. Der verteilte 1993 vor dem zweiten (und nicht erfolgreichen) Wahlgang in Kneipen Bierdeckel, auf denen zu lesen war: "Oh, wenn no älle Leit so wäret, wie i sei sott." Heißt übersetzt: ein Schultes kann es nie allen recht machen.

Was der Autor nicht thematisiert: Wie schwer die Abwahl sehr viele Bürgermeister getroffen hat. Und wie schwierig der Aufbruch in ein neues Leben ist. Drei ehemalige Stadtoberhäupter öffnen ihr Herz.

Der Abgrund

Klaus Rau ist ein großer, fast bulliger Mann. Den haut so schnell nichts um, könnte man meinen. Doch dieser Schluss vom breiten Kreuz aufs dicke Fell ist falsch: Der damals 39-jährige Bürgermeister der 6000-Einwohner-Gemeinde Neckartenzlingen im Kreis Esslingen ist in ein tiefes Loch gefallen, als er vor zehn Jahren nicht wiedergewählt wurde. "Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte - ich stand nackt und bloß da", sagt er rückblickend. Da er nur für eine Wahlperiode im Rathaus gesessen hatte und noch keine 45 Jahre alt war, besaß er zudem keinerlei Pensionsansprüche. Dreieinhalb Monate Übergangsgeld, das war's. Dann kam das Nichts.

Heute, nach so langer Zeit, fällt es Klaus Rau wieder leicht, über jenes extrem schwierige Jahr in seinem Leben zu sprechen, auch wenn die Narben nie verschwinden werden. Das hat ihn damals umgetrieben: die Grübelei darüber, welche Fehler er gemacht hat. Die Enttäuschung, dass keiner aussprach, was alle hinter seinem Rücken tuschelten. Das Gefühl bei Bewerbungsgesprächen, die Abwahl werde als Malus angerechnet. Und vor allem die Angst, keinen Job mehr zu bekommen. "Ich will nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn ich die Kurve nicht gekriegt hätte", meint er ernst. Mit Frau und zwei kleinen Kindern hat sich Klaus Rau ganz nah am Abgrund gefühlt.

Als das Übergangsgeld auslief, war noch immer keine Anstellung in Sicht. Doch das Glück war letztlich auf seiner Seite. Schon immer hatte sich Rau ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert, nun konnte er beim Kreisverband Freudenstadt als Geschäftsführer anfangen. Es war ein Übergangsjob, wie Rau heute einräumt: Er, der Familienmensch, tat sich schwer damit, seine Kinder die ganze Woche nicht zu sehen. Rau griff deshalb zu, als er nach kurzer Zeit in gleicher Position zum ungleich größeren DRK Nürtingen-Kirchheim wechseln konnte. Der Verband betreibt mehrere Seniorenzentren, und Klaus Rau ist heute der Chef von zigfach mehr Mitarbeitern als einst in Neckartenzlingen: "Doch ich stehe nicht mehr so im Licht der Öffentlichkeit, das macht die Arbeit um einiges einfacher."

Klaus Rau ist mit seiner Familie nicht weggezogen, er wohnt weiter in Neckartenzlingen. Mancher der früheren Gegner senke noch den Blick, wenn man sich im Ort begegne, sagt Rau. Doch die Zeit der Vorwürfe ist vorbei. Mittlerweile kommt Rau sogar hin und wieder ins Rathaus zurück - jedoch nicht aus Nostalgie. Sein DRK baut gerade ein Pflegeheim mitten im Ort, da gibt es immer wieder Dinge mit dem neuen Bürgermeister zu besprechen.

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