InterviewBürgermeister Sascha Reber über sein Burn-out „Ich habe nur noch an die Arbeit gedacht“

Sascha Reber geht offen mit seiner Krankheit Foto: Gottfried Stoppel
Sascha Reber geht offen mit seiner Krankheit Foto: Gottfried Stoppel

Sascha Reber ist seit fast genau einem Jahr Bürgermeister von Oppenweiler. Knapp die Hälfte dieser Zeit war er krank. In dem kleinen Ort im Murrtal wurde gemunkelt und spekuliert. Jetzt ist der Schultes wieder da, und er sagt offen: „Ich hatte ein Burn-out.“

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)
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Oppenweiler – - Burn-out ist ein Modebegriff. „Aber darunter kann sich jeder etwas vorstellen“, sagt Sascha Reber. Der 35-jährige Bürgermeister von Oppenweiler hat es erlebt. Er war mehrere Monate in einer Klinik in Stuttgart und ist nach eigenen Angaben jetzt wieder komplett gesund. Anderen Betroffenen rät er dringend: „Holt Euch professionelle Hilfe“. Er habe gute Erfahrungen gemacht mit seinem offenen Umgang mit der Tabukrankheit.
Herr Reber, schön, dass Sie wieder da sind. Wie geht es Ihnen?
Mir geht es sehr gut. Ich bin jetzt die siebte Woche wieder im Rathaus. Zunächst habe ich eine Wiedereingliederung gemacht, ich habe ganz klein wieder angefangen. Mir wurde ganz genau vorgeschrieben, wann ich arbeiten darf. Ich habe mit drei Tagen in der Woche à drei Stunden begonnen. Die Herausforderung für mich war, wenn ich um 9 Uhr angefangen hatte, um 12 Uhr den Griffel fallen zu lassen und heim zu gehen.
Ist Ihnen das schwer gefallen?
Ich war nie ein Typ, der zu wenig gearbeitet hat, ich hatte immer den Hang, zu viel zu machen. Das hat mich dann auch ins Aus befördert. Ich wollte einfach zu viel nach diesem fulminanten Wahlergebnis. Ich wollte es jedem recht machen. Ich bin losgesprintet – dabei ist die Aufgabe, die ich übernommen habe, eher ein Marathonlauf.
Sie waren länger krank. . .
. . . ja, ich war knapp ein halbes Jahr weg.
Im Ort wurde spekuliert, warum. Haben Sie sofort beschlossen, mit offenen Karten zu spielen? Offen zu sagen: ich habe eine psychische Erkrankung. Das ist für viele Menschen ein Tabuthema.
Am Anfang war ich zu schwach. Ich weiß, es gab Gerüchte. Ich war aber nicht in der Lage aufzutreten und mich zu erklären, zu sagen: ich bin psychisch krank. Ich musste die Krankheit erst annehmen. Ich war doch immer gesund. Ich hab’ als Kind die Polypen rausgenommen bekommen – ansonsten hatte ich – toi, toi, toi – nie etwas.
Speziell für einen Bürgermeister, der erst kürzlich ins Amt gewählt wurde, ist es bestimmt nicht leicht zu sagen: „Ich habe ein Burn-out.“ Oder?
Ich musste erst mal lernen, mit der Situation umzugehen, dass ich jetzt der Hilfsbedürftige bin, dass ich eine Therapie machen muss. Ohne professionelle Hilfe kommt man da aber nicht raus.
Welche Symptome waren die ersten? Wie hat sich die Krankheit angekündigt?
Ich wollte wohl zu viel – und konnte eines Tages nicht mehr schlafen. Ich habe keine Ruhe mehr gefunden. Die Krankheit kam wie aus heiterem Himmel.
Sie hatten vorher nie Symptome?
Nein, nie.
Wann haben die Probleme angefangen?
Seit Mitte November vergangenen Jahres hatte ich diese massiven Schlafprobleme. Ich habe viel zu viele Termine wahrgenommen. Ich konnte nicht mehr abschalten, habe nur noch an die Arbeit und an das Rathaus gedacht.
Wie lange haben Sie gewartet, bis Sie einen Arzt konsultiert haben?
Nur ein paar Tage. Der Hausarzt hat mir zunächst Schlaftabletten verschrieben, die haben gewirkt, aber nicht lange. Schnell war für alle Beteiligten klar: der Mann muss in eine Therapie, der wird von allein nicht gesund. Ich kann jedem nur empfehlen, der ähnliche Symptome bemerkt: holt Euch professionelle Hilfe.
Wo waren Sie in Behandlung?
Ich hatte Urlaub zwischen Weihnachten und Neujahr und dachte mir zunächst: ruh’ dich halt mal ein bisschen aus, das wird schon wieder.
Wurde es aber nicht.
Nein. Ich musste mich in stationäre Therapie begeben. Man wollte mir am Anfang den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ersparen und hat mich in eine Rehaeinrichtung in Baden-Baden geschickt. Das war die falsche Entscheidung. Die anderen Patienten waren längst über die Akutphase hinaus, sie waren schon wieder viel fitter als ich, die sind ins Theater gegangen oder zum Bowlen. Und ich war völlig am Ende.




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