Bürgermeister-Wahl in Kernen Fakten, Versprechen und Wahlkampf-Show

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Der Bürgersaal ist viel zu klein: Riesiger Andrang zur offiziellen Kandidatenvorstellung für die Bürgermeisterwahl Ende September. Amtsinhaber Altenberger und Herausforderer Paulowitsch ernten Beifall, Kandidat Hornauer Kopfschütteln.

Straßen-Wahlkampf: Thomas Hornauer redet vor der Kandidatenvorstellung im Bürgerhaus auf die  in der Schlange wartenden Menschen ein. Foto: Eva Herschmann/Gottfried Stoppel (3)
Straßen-Wahlkampf: Thomas Hornauer redet vor der Kandidatenvorstellung im Bürgerhaus auf die in der Schlange wartenden Menschen ein. Foto: Eva Herschmann/Gottfried Stoppel (3)

Rommelshausen - Längst schon war der Bürgersaal proppenvoll. Doch die Schlange von Menschen, die auch zur Vorstellung der Kandidaten wollten, wand sich am Dienstagabend noch immer quer über den Marktplatz. Weil der Platz nicht reichte, um alle Bürger aufzunehmen, die sich vor der am Sonntag, 29. September, geplanten Schulteswahl ein Bild von den Kandidaten machen wollten, wurden sämtliche Türen zum Foyer und Vorplatz geöffnet. Mit solch enormem Interesse – Beigeordneter Peter Mauch nannte es „ein tolles Signal für die Demokratie“ – hatte Kernen nicht gerechnet. Wenig Überraschendes hatten derweil die Kandidaten zu bieten. Amtsinhaber Stefan Altenberger punktete mit dem Ist-Zustand, sein junger Herausforderer Benedikt Paulowitsch mit Versprechen, Thomas Hornauer blieb sich treu und legte einen schrill-skurrilen Auftritt hin. Der vierte Bewerber, Samuel Speitelbach, hatte seine Teilnahme abgesagt.

Die Veranstaltung war durchorganisiert – jeder Bewerber hatte eine Viertelstunde

Die Veranstaltung war durchorganisiert. Eine Viertelstunde hatte jeder Bewerber, die Zuhörer von sich zu überzeugen. Danach durften die Bürger zehn Minuten lang Fragen stellen. Stefan Altenberger, seit 2003 Chef im Rathaus, skizzierte den Zustand der Gemeinde Kernen vor seiner Amtszeit ohne Discounter, Bürgerhaus, runderneuter Glockenkelter oder saniertem Hallenbad und bilanzierte: „Beide Ortsteile haben an Strahlkraft gewonnen.“ In der langen Erfolgsliste seiner Amtszeit fehlten selbst die tierischen Rasenmäher – Schafe, Ziegen und Kühe, die Kernens Gemarkung pflegen – nicht. Der 55-jährige Altenberger ließ keinen Zweifel, dass er in naher und fernerer Zukunft in Kernen noch viel vorhat. „Die Hangweide hat viel Potenzial, es gibt positive Signale von der Diakonie Stetten, was die Senioreneinrichtung angeht, das Haus Edelberg wird uns wohl auch erhalten bleiben, und bis Ende des Jahres gibt es wieder eine Post in Stetten.“ Zum Schluss wurde Altenberger dann noch etwas kleinlauter: „Ein Bürgermeister kann es nicht immer allen recht machen, aber manchmal bin ich vielleicht zu forsch aufgetreten.“

Dies muss wohl auch Benedikt Paulowitsch auf seiner Wahlwerbetour in Kernen zu Ohren gekommen sein. Ihn beunruhige eine Spaltung in der Gesellschaft, die nichts mit der Einkommensschere zu tun habe, erklärte der 31-Jährige, „sondern mit innerer Überheblichkeit und Arroganz gegenüber einzelnen Menschen“. Paulowitsch betonte, er übernehme gerne Verantwortung und versprach ein „neues Miteinander“. Er wolle ein Bürgermeister auf Augenhöhe sein, der jedem Achtung und Wertschätzung entgegenbringe und die Kultur des Zuhörens im Rathaus etablieren, erklärte der smarte Politprofi, der nach beruflichen Stationen in Berlin, Brüssel und New York aktuell als Regierungsrat im Stuttgarter Innenministerium tätig ist. Und er will einen Masterplan und eine langfristige Strategie für Kernen. Der Gemeinde gehe es gut, sagte Paulowitsch, der nach eigenen Angaben aus einem „katholisch-liberalen Elternhaus“ kommt: „Es geht darum, wie wir diese gute Grundlage für die Zukunft nutzen und die richtigen Prioritäten setzen.“ Außerdem plant Paulowitsch „ein Modellprojekt, um Einsamkeit zu bekämpfen“, und er will die örtlichen Betriebe bei Vergaben in eine bessere Position bringen. „Trotz der strengen Richtlinien gibt es da einen gewissen Spielraum.“

Die Bürger durften den Bürgermeister-Kandidaten konkrete Fragen stellen

Vom amtierenden Schultes hatten die Bürger wissen wollen, was er gegen den Anstieg des Lkw-Verkehrs in Stetten machen werde, und ob auf dem gemeindeeigenen Grundstück in der Tulpenstraße die angekündigten seniorengerechten Wohnungen gebaut werden oder nun doch ein Supermarkt einzieht. Sein Herausforderer wurde auf seine trotz der jungen Jahren schon vielen beruflichen Stationen angesprochen und gefragt, ob Kernen nicht auch nur eine kurze Etappe sei. Während Altenberger beim Verkehr die neuesten Zahlen abwarten und danach reagieren will und von der Anfrage der Handelskette selbst überrascht wurde, ist sich Paulowitsch sicher, dass Kernen für ihn „kein Sprungbrett, sondern Ziel ist“.

Zu konkreten Aussagen, was er als Bürgermeister will, ließ sich Thomas Hornauer nicht bewegen. Seine schräge Vorstellung begann mit Schweigen und endete mit einem Rüffel von Hauptamtsleiter Stefan Reichmann an den Kandidaten, weil dieser einer Frau das Wort verbieten wollte. Dafür erntete Hornauer, mittlerweile Dauerkandidat bei Bürgermeisterwahlen, einige Lacher und viel Kopfschütteln. Für die beiden anderen Aspiranten gab es reichlich Applaus. Der Beifall für Stefan Altenberger war laut und langanhaltend, in den etwas kürzeren für Benedikt Paulowitsch mischten sich einige Bravo-Rufe. Daraus lassen sich schwerlich Erkenntnisse für den Ausgang am Wahlsonntag schließen. Außer, dass Altenberger einen ernst zu nehmenden Gegner hat.