Bürgermeisterin in Rutesheim Eine Rathaus-Karriere war so nicht geplant
Susanne Widmaier hat ihren Traum-Job gefunden und ist damit eine von wenigen Frauen an der Spitze von Kommunen. Doch eigentlich wollte sie einen ganz anderen Weg einschlagen.
Susanne Widmaier hat ihren Traum-Job gefunden und ist damit eine von wenigen Frauen an der Spitze von Kommunen. Doch eigentlich wollte sie einen ganz anderen Weg einschlagen.
Sie wollte eigentlich nie ins Rathaus, geschweige denn dort Karriere machen. „Mein Berufswunsch war Modedirektrice, auch Europasekretärin stand auf meiner Liste ganz oben“, sagt Susanne Widmaier. Doch diese Ausbildungen hätten Geld gekostet, das die Eltern nicht bereit waren, aufzubringen. „Sie waren der Meinung, dass ich als Mutter sowieso bei den Kindern zuhause bleiben würde, das war eben noch eine andere Generation“, sagt die 57-Jährige. Als sie dann im Jahr 2018 mit großer Mehrheit zur Bürgermeisterin in Rutesheim gewählt wurde, machte das die Eltern richtig stolz. „Sie haben sich ja auch weiterentwickelt.“
Susanne Widmaier ist als Bürgermeisterin Leiterin der Verwaltung mit etwa 350 Angestellten, Vorsitzende des Gemeinderates und Repräsentantin einer Stadt, die aktuell rund 11 000 Einwohner zählt. Als Frau zählt sie in diesem Metier und auf dieser Position zur großen Minderheit. Im Kreis Böblingen hat sie mit der Schönaicher Bürgermeisterin Anna Walther momentan eine Kollegin. Baden-Württemberg hat insgesamt 1101 Gemeinden, nur etwa hundert Frauen sind auf einem Chefposten. „Mit vielen bin ich gut vernetzt“. sagt Widmaier.
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund stellte im Jahr 2021 fest: „Der Anteil von Frauen an der Spitze deutscher Rathäuser ist ungeachtet aller politischen Willensbekundungen zur Frauenförderung zurückgegangen. Es werden nicht mehr, sondern weniger Rathaus-Chefinnen.“ In mehr als 80 Prozent der deutschen Rathäusern regiert ein Mann. Dabei ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich.
Wie muss ein Mensch gestrickt sein, der sich für den Beruf des Bürgermeisters entscheidet? In dieser Frage macht Susanne Widmaier keine Unterschiede zwischen Mann und Frau. „Ich denke, das hat viel mit Persönlichkeit zu tun.“ Wer für eine Gemeinde verantwortlich sein möchte, müsse für diese Aufgabe brennen, gerne Entscheidungen treffen und bereit sein, sich komplett einzubringen. „Das ist kein Nine-to-five-Job“, sagt Widmaier. Wer geregelte Arbeitszeiten bevorzuge, brauche sich für diesen Beruf erst gar nicht zu interessieren.
Obwohl Susanne Widmaier nie ins Rathaus wollte, folgte sie dem Rat ihrer Eltern und entschied sich nach dem Abitur, das sie 1985 in Leonberg machte, für den gehobenen Verwaltungsdienst. „Das machte mir aber nicht wirklich Spaß.“ Nach zwei Jahren Praxis im Leonberger Rathaus – damals noch bei Oberbürgermeister Dieter Ortlieb – und zwei Jahren Studium Public Management an der Hochschule für Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg nahm sie im Leonberger Rathaus ihre erste Stelle als Sanierungsberaterin an.
Als sie Mutter von zwei Töchtern wurde, nahm sie die Elternzeit in Anspruch. „Für mich war aber immer klar, dass ich wieder arbeite, obwohl ich später alleinerziehend war, das hat Dank der Unterstützung meiner Eltern und Schwiegereltern gut geklappt, auch wenn es natürlich mit Stress verbunden war.“ 1999 kehrte sie ins Rathaus zurück, Bernhard Schuler war dort in der Zwischenzeit der Chef. „Er war für mich ein richtig guter Lehrmeister“, sagt Widmaier, die zahlreiche Abteilungen durchlief und sich so eine gute Basis in der Verwaltungsarbeit erarbeitete.
Doch erst die fordernde Aufgabe als Pressereferentin machte ihr großen Spaß. „Da habe ich erstmals an Karriere gedacht.“ Jahre später wurde sie persönliche Referentin des Oberbürgermeisters Schuler. „Für mich ein gutes Sprungbrett.“ Nebenbei absolvierte sie in ihrer Freizeit ein Aufbaustudium Public Management für die öffentliche Verwaltung, das sie selbst bezahlte. „Mit meinen 45 Jahren war ich nicht mehr die jüngste, schloss aber den Führungsmaster mit einem der besten Ergebnisse in meinem Jahrgang ab.“
Der nächste Karriereschritt folgte, als Susanne Widmaier 2013 zur Ersten Beigeordneten in Weil der Stadt an die Seite von Thilo Schreiber gewählt wurde. „Ich war für das Ordnungsamt zuständig und für den Bereich Bauen, da macht man sich nicht viele Freunde, wenn man auch mal nein sagen muss.“ Da hieße es schnell mal, „,die hat Haare auf den Zähnen’, wenn man unliebsame Entscheidungen trifft“. Dennoch wäre sie gerne länger geblieben als bis ins Jahr 2018 – wenn sie nicht von Rutesheimer Gemeinderäten als Bürgermeisterkandidatin ins Spiel gebracht und schließlich als Nachfolgerin von Dieter Hofmann gewählt worden wäre. „Ich hatte großen Respekt, wusste aber auf Grund meiner bisherigen Erfahrung in der Verwaltung, worauf ich mich einlasse.“ Den Wahlkampf hatte sie übrigens als parteilose Kandidatin aus eigener Tasche finanziert.
Wenn man sie nach ihren Eigenschaften als Bürgermeisterin fragt, kommt die Antwort spontan: „Ich bin grundehrlich und kämpfe für meine Überzeugungen.“ Was nicht immer der bequemste Weg sei. Im Rutesheimer Rathaus kann sie sich auf ihr eingespieltes Team verlassen, auf die gut funktionierende Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat. „Und auf meinen Ersten Beigeordneten Martin Killinger. Obwohl wir grundverschieden sind, treten wir immer als Team auf, wir vertrauen uns gegenseitig. Martin hat die Stadt auch während meiner Krankheit bestens vertreten, als ich fünf Monate ausfiel.“
In Rutesheim ist Susanne Widmaier, die in Münklingen ihren privaten Rückzugsort hat, längst angekommen und fühlt sich von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen. „Das ist mein Traumjob, wenn’s nach mir geht, will ich hier nicht mehr weg.“ Da kann sie auch mal den Spruch eines Jubilars, den sie zu seinem 90. Geburtstag besuchte, weglächeln. Von ihm wurde sie mit den Worten begrüßt: „Ich hab sie nicht gewählt, weil ich der Meinung bin, dass Frauen an den Herd gehören.“