Bürgermeisterwahl am 29. September Aidlingen hat die Wahl zwischen Herzblut und Erfahrung
Bei der Bürgermeisterwahl in Aidlingen zeichnet sich ein knappes Rennen ab – und die Erkenntnis, auf welche Kernfrage diese Wahl hinausläuft.
Bei der Bürgermeisterwahl in Aidlingen zeichnet sich ein knappes Rennen ab – und die Erkenntnis, auf welche Kernfrage diese Wahl hinausläuft.
Drei wichtige Erkenntnisse nahmen die mehr als 600 Besucherinnen und Besucher der Kandidatenvorstellung am Freitagabend in der bis auf die letzten Plätze gefüllten Sonneberghalle mit nach Hause: Erstens: Die Aidlinger haben bei der Bürgermeisterwahl am 29. September mit Helena Österle und Marc Weidel die Auswahl zwischen zwei ebenso unterschiedlichen wie überzeugenden Bewerbungen. Zweitens: Das Rennen dürfte wohl deutlich knapper werden, als mancher dies vermutet hätte. Drittens: Entscheidend ist am Ende die Frage, was in der Wahlurne schwerer wiegt – Herzblut oder Erfahrung.
Den Ablauf hatte Bürgermeister Ekkehard Fauth eingangs erklärt: Nach je 20 Minuten Redezeit kommt ein weiteres Zeitfenster für Publikumsfragen hinzu. Für die Vorstellung musste die oder der andere den Saal verlassen, um das Gesagte nicht mitzubekommen. Während der Veranstaltung lief eine Aufzeichnung – das Video soll bald über die Gemeinde-Homepage abrufbar sein.
Den Auftakt machte Marc Weidel. Der Aidlinger zählte eingangs einige Orte auf und fragte dann, was diese wohl gemeinsam haben. Die Antwort gab er selbst: Die Bürgermeister in all diesen Gemeinden waren zum Amtsantritt alle recht jung, haben dort dann aber teils mehrere Amtszeiten absolviert – darunter Aidlingens verstorbener Alt-Bürgermeister Martin Häge, der mit 29 Rathauschef wurde und es dann 36 Jahre lang blieb. „Ein junger Bürgermeister scheint für einige Gemeinden also ein Erfolgsmodell zu sein“, sagte Weidel, der selbst erst 23 Jahre alt ist und im Oktober sein BWL-Studium abschließen wird.
Aus dem Austausch mit anderen Bürgermeistern, darunter Quereinsteiger und Polizeihauptkommissar Ingolf Welte in Nufringen, habe er gelernt, dass man sich fehlende Verwaltungserfahrung aneignen könne. Davon abgesehen bringe er aber bereits wichtige Kenntnisse aus seinen bisherigen beruflichen und ehrenamtlichen Stationen wie etwa bei Philips Medical oder als Leiter der Handballspielgemeinschaft Aidlingen-Ehningen mit mehr als 500 Mitgliedern mit.
In seiner mit 19,5 Minuten ziemlich genau getimten Rede wiederholte er einige Kernaussagen aus seinem Wahlkampf, allen voran das Herzblut, das man nicht erlernen könne, seine Ortsverbundenheit, die ihn sämtliche Entscheidungen mittragen lasse, das „Wir-Gefühl“, das er im Ort erzeugen wolle, den „Extrameter“, den er bereit sei zu gehen, und seinen Leitsatz „Betroffene zu Beteiligten machen“, mit dem er sich für mehr Bürgerbeteiligung einsetzen möchte.
Seine lokalpolitische Agenda hielt er vergleichsweise kurz: Unter anderem wolle er mit neuem Führungsstil die – Zitat – „etwas schläfrig gewordene“ Gemeindeverwaltung voranbringen, den Haushalt konsolidieren, den Ort beleben, Gewerbe, Gastronomie und einen sanften Tourismus fördern, sich für Familien, Kinder und Senioren einsetzen, Vereine und Ehrenamt unterstützen.
In der anschließenden Fragerunde gab es teils recht spezifische Fragen zu Themen wie sicherer Schulweg in Lehenweiler oder einem vermeintlichen Massentourismus auf dem Venusberg. Eine Kindererzieherin wollte wissen, wie genau Weidel seine Ankündigung umsetzen und diese Arbeit attraktiver machen wolle. „Ich würde keine fertige Lösung anbieten. Das wäre falsch“, kündigte er an, vor allem erst einmal zuhören zu wollen. Einige Wortmeldungen waren eher Statement als Frage. „Lasst mal die jungen Leute ran“, sprach beispielsweise eine ältere Dame eine Wahlempfehlung für ihn aus.
Dann war Helena Österle an der Reihe. Die Nagolderin spielte in ihrer Vorstellung gleich zu Beginn ihren wohl größten Trumpf aus: Rund 20 Jahre Berufserfahrung als Diplom-Verwaltungsfachwirtin in Nagold und Calw, darunter Stationen in leitender Funktion bei Schlüsselthemen wie Liegenschaften und Wirtschaftsförderung. „Ich habe das Verwaltungshandwerk gelernt und beherrsche es auch“, sagte die 46-Jährige. „Wer baut schon ein Haus ohne Architekt?“, stellte sie als rhetorische Frage hinterher.
Anders als ihr Vorredner tat sich Österle schwer, im Zeitrahmen zu bleiben, dafür ging sie aber deutlich konkreter auf die Themen ein, die Aidlingen künftig beschäftigen werden: Landesgelder für die Ortskernsanierung, Investorensuche fürs geplante Ärztehaus, Hängepartie um den Dachteler Kita-Neubau, Angst um den Erhalt der Sonnenbergschule im Zuge der Umstellung auf G9, DRK-Rettungswache, mehrere ausstehende Jahresabschlüsse und noch einiges mehr.
Sie zeigte damit, wie eingehend sie sich mit der Gemeinde beschäftigt und wie viele Gespräche sie bereits geführt hat. Ebenso wie Weidel ist sie CDU-Mitglied. „Das macht mich berechenbar“, sagt Helena Österle, kündigt aber an, überparteilich agieren zu wollen. So wie ihr Konkurrent wolle auch sie die Verwaltung effizienter machen, Vereine unterstützen, die Kommunikation verbessern und auf mehr Bürgerbeteiligung setzen.
Später bei den Publikumsfragen gab es für Österle mitunter Gegenwind, der vor allem aus dem Weidel-Lager zu wehen schien. Im Kern ging es stets um die Frage, wie sehr die Familienmutter mit Eigenheim in Nagold sich Aidlingen verpflichtet fühlen würde – anders gesagt: Bringt sie das nötige Herzblut mit? „Wenn ich gewählt werde, macht mich das zu einem Teil von Ihnen“, sagte sie dazu und erntete dafür warmen Beifall.
Beide Kandidierenden waren anfangs sichtlich nervös, fanden dann aber immer besser in die Spur. Aus den Zuhörerstimmen ließ sich am Ende kein eindeutiges Ergebnis herauslesen. Marc Weidel schlug für sein Bekenntnis zum Heimatort viel Sympathie entgegen, Helena Österle punktete mit Fachkenntnis und akribischer Vorbereitung.
Für letztere hatte sie sich übrigens offenbar professionelle Unterstützung an Bord geholt: Im Publikum saß der als „Bürgermeister-Macher“ bekannte Klaus Abberger, der das Österle-Team im Wahlkampf zu unterstützen scheint.