Bürgermeisterwahl in Korb Wer wird Chef im Rathaus? Korb steht vor einem Kopf-an-Kopf-Rennen

Die Kandidatenriege in Korb besteht aus Christian Hartmann, Lisa Gunter, Sandra Schlipf und Markus Motschenbacher (von links). Foto: Gottfried Stoppel/ 

Im Ringen um die Nachfolge von Bürgermeister Jochen Müller wird in Korb eine knappe Entscheidung zwischen Christian Hartmann und Markus Motschenbacher erwartet.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Wenn es nach dem Applaus des Publikums geht, sitzt auf dem Chefsessel im Rathaus in Korb künftig wohl eine Frau. Sowohl die bereits als Gemeinderätin aktive Sandra Schlipf als auch die bis vor wenigen Monaten in der Gemeindeverwaltung beschäftigte Lisa Katharina Gunter werden bei der Vorstellungsrunde der Bürgermeisterkandidaten am Donnerstagabend in der vollbesetzten Remstalhalle mit ausgesprochen freundlichem Beifall bedacht. Ob die durchaus positive Reaktion auf ihre jeweils zehnminütigen Statements als Fingerzeig für die Beliebtheit der beiden Kandidatinnen dienen kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

 

Denn nimmt man die an die vier Bewerber gestellten Fragen als Gradmesser fürs Interesse der Bürgerinnen und Bürger, dürften im Rennen um die Nachfolge des langjährigen Rathauschefs Jochen Müller die beiden männlichen Bewerber die Nase vorn haben. Bei dem in Korb lebenden Einzelhändler Christian Hartmann und dem aktuell im Rathaus von Remshalden beschäftigten Verwaltungswirt Markus Motschenbacher nutzt das Publikum am Donnerstag die eingeräumte Fragerunde.

Bei den beiden Kandidatinnen hält sich der Wissensdurst in Grenzen

Angesprochen werden Themen wie die wachsenden Finanzprobleme der 11 000 Einwohner zählenden Kommune, der durch die Ortsmitte rollende Verkehr, die Sorgen um die ärztliche Versorgung oder auch die Müllflut rund ums Auslieferungslager der Möbelkette XXL Lutz. Bei den beiden Damen in der vierköpfigen Bewerberrunde fällt der Wissensdurst deutlich geringer aus. Sandra Schlipf darf auf eine Bitte aus dem Publikum hin wenigstens noch ihre Sicht zum Ausbau der Windkraft schildern. Von Lisa Katharina Gunter wollen die Menschen in Korb offenbar nichts weiter wissen – obwohl die straff organisierte Vorstellungsrunde nicht überbordend lang ausgefallen war und durchaus noch Redezeit zur Verfügung gestanden hätte.

Kenner der Korber Kommunalpolitik gehen auch wegen der auffälligen Zurückhaltung davon aus, dass viele Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidung schon vor der Vorstellungsrunde getroffen haben. „Die Fragen, die sie hatten, haben die Leute schon in den vergangenen Wochen gestellt“, wird im Rathaus vermutet. Erwartet wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hartmann und Motschenbacher, den beiden Kandidatinnen werden allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt.

Volles Haus: Bürger zeigen Interesse an der Bürgermeisterwahl

Gegen die These vom bereits festgelegten Kreuzchen spricht, dass die Remstalhalle am Donnerstag fast aus den Nähten platzt. Für 650 Menschen hat die Gemeindeverwaltung bestuhlen lassen, weitere 150 interessierte Zuhörer drücken sich ohne Sitzplatz an die Wand. Als erster Redner ans Mikrofon tritt Christian Hartmann in der pickepackevollen Halle: Einzelhändler, Vereinsmensch, ein Mann aus dem Ort. „Ich brenne für meine Heimatgemeinde“, sagt der 45-jährige Familienvater – und verspricht, kein Bürgermeister zu sein, der sich heute hier und morgen dort bewirbt. Das darf durchaus als Seitenhieb auf die Konkurrenz verstanden werden, gegen den Vorwurf des „Posten-Hoppings“ setzt der frühere Feinkost-Böhm-Prokurist und jetzige Betreiber eines Weinstädter Modegeschäfts die eigene Verwurzelung.

Christian Hartmann Foto: Gottfried Stoppel

Hartmann will eine „Willkommenskultur für Unternehmen“ schaffen und die Wirtschaftsförderung zur Chefsache machen, er spricht vom nötigen „Gleichgewicht zwischen Gewerbe und Wohlfühlgemeinde“, von seinem Wunsch, als Rathauschef ein „engagierter Impulsgeber“ zu sein, von einer „generationenübergreifend funktionierenden“ Kommune und seinem Eindruck, dass es in deutschen Gefängnissen mitunter luxuriöser zugeht als bei der Unterbringung von Flüchtlingen.

Hartmanns bürgernahe Vision: der Bürgermeister als Dirigent

Was Hartmann sagt, wirkt oft bürgernah-hemdsärmelig, nicht immer staatstragend-souverän. Den Vorwurf, dass es ihm an Verwaltungserfahrung mangeln könnte, kontert der Fußballfreund mit dem Bild von einem Sinfonieorchester. „Für mich ist ein Bürgermeister wie ein Dirigent. Er muss nicht alle Instrumente selbst spielen können“, sagt Christian Hartmann.

Das Gegenmodell zum ortsverbundenen Selfmademan verkörpert Markus Motschenbacher. Der 43-Jährige ist Verwaltungswirt durch und durch – und vergisst nicht, Korb schon in den einleitenden Sätzen seiner Vorstellungsrede als „die wahre Perle des Remstals“ zu preisen. Von einer „engen Verzahnung zwischen Verwaltung, Bürgerschaft und Ehrenamt“ ist bei dem mit seiner Familie in Leutenbach lebenden Vater von zwei Schulkindern die Rede, von Transparenz und Offenheit und einem kooperativen Führungsstil.

Markus Motschenbacher: Bürgernähe und klare Ansprache im Fokus

„Ich habe in den vergangenen Wochen zugehört, was den Menschen in Korb am Herzen liegt und bin sehr dankbar für die tollen Ideen“, sagt der als Beigeordneter im Rathaus in Remshalden tätige Kandidat. Auffällig ist bei seiner offenbar minutiös vor dem Spiegel eingeübten Vorstellungsrede, dass Motschenbacher extrem viel Wert auf eine gut verständliche Aussprache legt und sich nicht verhaspeln will.

Markus Motschenbacher Foto: Gottfried Stoppel

Das lässt seine Sätze von der „Weinbautradition als wertvollem Gut“ oder einem „starken Gewerbe als solide Basis für gute Finanzen“ oft hölzern wirken, viele Schlagworte vom „guten Miteinander mit Vereinen, Kirchen und der Feuerwehr“, vom Rathaus als „bürgernahem Dienstleister“ und vom „wichtigen Dialog mit den Unternehmen“ klingen wie oft gehörte Worthülsen aus dem Vorlagenbuch für angewandtes Verwaltungsdeutsch.

Besser wird es, als sich Motschenbacher nicht mehr ans vorformulierte Manuskript hält, sondern in der Fragerunde auch frei spricht. Der frühere Ortsvorsteher von Hegnach heftet sich nicht nur ans Revers, sich in dem Waiblinger Stadtteil um eine bessere medizinische Versorgung gekümmert zu haben. Er nennt auch die Entwicklung zusätzlicher Gewerbeflächen als seinen Verdienst. „Das Gewerbegebiet in Hegnach ist voll. Und das schwebt mir auch für Korb vor“, sagt er.

Sandra Schlipf: „Korberin mit Leib und Seele“

Als „Korberin mit Leib und Seele“ stellt sich Sandra Schlipf in der Remstalhalle vor. Ihr Programm hat die 53-jährige Leiterin eines Kinderhauses in sechs Themenfelder – von der verlässlichen Kinderbetreuung bis zum lebendigen Einzelhandel – unterteilt, bekannt machen muss sich die Mutter von zwei Kindern im Ort eigentlich nicht. Für die Freien Bürger ist die gelernte Justizangestellte, die nach dem Berufsstart in einem Notariat ihre Berufung für die Pädagogik entdeckt hat, seit Juni im Ortsparlament vertreten, die Unterstützung war mit 3358 Stimmen beachtlich.

Sandra Schlipf Foto: Gottfried Stoppel

„Vielleicht ist es an der Zeit, dass Korb mal von einer Frau angeführt wird“, sagt sie – und verspricht ein offenes Ohr für alle Generationen und eine höhere Wertschätzung für die Ehrenamtlichen in den mehr als 90 örtlichen Vereinen. Auch Sandra Schlipf greift die Sorge auf, dass es ihr an Verwaltungswissen fehlen könnte. Sie kontert mit dem Hinweis auf ihre berufliche Erfahrung in Leitungsfunktionen. „Ich stehe für Leidenschaft, Ehrgeiz, Bürgernähe und eine große Portion gesunden Menschenverstand – und sehe mich der Aufgabe gewachsen“, sagt sie.

Lisa Gunter: Visionen für ein lebendiges Korb

Ein von Idealismus geprägtes Bild von einem florierenden Ortskern entwirft Lisa Gunter in ihrer Vorstellungsrede – Menschen, die nach dem Einkauf entspannt bei einem Kaffee sitzen und sich generationsübergreifend Tipps für die Bedienung des Smartphones erklären. Im Gegensatz zu allen anderen Kandidaten spricht die 31-Jährige – Hobbys: Reisen, Sprachen und Do-it-yourself-Projekte – ausdrücklich von einer Vision von Korb. Unter anderem präsentiert sie die Idee, dass die Gemeinde sich bei der Miete für Existenzgründer einbringen könnte.

Lisa Gunter Foto: Gottfried Stoppel/ 

Dass sich Lisa Gunter dem Publikum bewusst locker präsentieren will und oft in einem fast vertraulichen Plauderton spricht, führt teilweise zu unfreiwilliger Komik. Über die von der bis September im Korber Rathaus beschäftigten und dann nach Kornwestheim gewechselten Kandidatin aufgeworfene Frage, was Beamte außer Kaffeetrinken und Zeitungslektüre noch können, dürften die 800 Menschen im Saal auch auf dem Nachhauseweg noch nachgegrübelt haben.

Gewählt wird ein Nachfolger des in Korb nach 32 Dienstjahren aus dem Amt scheidenden Bürgermeisters Jochen Müller am 23. Februar. Wegen der Bundestagswahl war die ursprünglich für März geplante Wahl vorgezogen worden.

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