„Nach langen und reiflichen Überlegungen werde ich an meiner ursprünglichen Lebensplanung festhalten und nach 24 Bürgermeisterjahren und nach 40 Jahren im öffentlichen Dienst nicht mehr kandidieren“, sagte er in seiner Abschlussrede vor einem rappelvollen Bürgersaal. „Das hatte ich schon in meinem ersten Wahlkampf 2000 gesagt“, ergänzt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich kann drei Amtszeiten anbieten.“ Dabei wolle er auch bleiben und mit 62 Jahren in den Ruhestand gehen.
„Eine Stadt ist nie fertig“
„Zwischendurch ist diese Planung ins Wanken geraten“, gibt er zu. Der Grund sind die großen Projekte, die in den vergangenen paar Jahren angestoßen wurden und in seiner dritten Amtszeit als Bürgermeister nicht mehr fertiggestellt werden. Dazu gehören die neue Riedwiesensporthalle, der Umbau und die Sanierung der Silcher-Schule und der Realschule sowie das neue Rathaus im früheren Volksbankgebäude an der Bahnhofstraße – alles gigantische Bauprojekte im achtstelligen Euro-Bereich, die das Bild der Stadt nachhaltig verändern werden. „Darüber hinaus stehen wichtige Klimaschutzprojekte an, und auch die Sorge um die künftige Gesundheitsversorgung in der Stadt treibt mich um.“ Ein Stichwort lautet: fehlender Kinderarzt.
Weiterhin bereite ihm die Arbeit im Rathaus und mit dem Gemeinderat viel Freude. „Aber eine Stadt ist nie fertig, unabhängig davon, ob es große oder kleine Projekte fortzusetzen gilt“, stellte Wolfgang Faißt für sich fest. „Und irgendwann muss man im Leben auch loslassen können.“ Die Arbeit an der Spitze der Stadt habe ihn viel Kraft gekostet, „das spüre ich deutlich“. Auch die Familie musste in dieser Zeit sehr zurückstecken. Dennoch sei ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen.
Bernhard Maier zollt ihm seinen Respekt
Der ehemalige Landrat und Alt-Bürgermeister von Renningen, Bernhard Maier, zollt seinem Nachfolger Respekt für dessen Entscheidung. „Für mich lag die Entscheidung nicht auf der Hand, schließlich ist er noch ein vitaler Mensch.“ Doch 24 Jahre seien eine unglaubliche Wegstrecke, was man anerkennen müsse, vor allem in der heutigen Zeit. „Bei den meisten ist es nach acht oder 16 Jahren vorbei.“
Für die Wahl im Oktober hegt er einen klaren Wunsch: „Dass Renningen seiner Attraktivität entsprechend angemessene Bewerber bekommt“, formuliert es der Renninger Ehrenbürger. „Ich stelle fest, dass das Interesse an den Ämtern nachlässt. Man muss sich schon Sorgen machen, wenn man sich die Bewerber bei manchen Bürgermeisterwahlen so anschaut.“ Die Renninger sollen im Oktober eine echte und gute Wahl haben.
Peter Müller als Nachfolger?
Einen Vorschlag hatte Wolfgang Faißt direkt parat: „Vielleicht entscheidet sich Peter Müller, im Oktober für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Darüber würde ich mich sehr freuen, und auch das würde unserer Stadt guttun.“ Der Erste Beigeordnete und Kämmerer der Stadt erhielt bei der Erwähnung direkt Beifall aus dem Publikum – hielt sich im Anschluss aber sehr bedeckt. „Das war so tatsächlich nicht abgesprochen und hatte auch keinen konkreten Hintergrund“, erklärte er im Anschluss schmunzelnd. Jedenfalls habe er sich zu dem Thema mit dem Bürgermeister noch gar nicht ausgetauscht, „bis vor Kurzem wusste ich ja noch gar nicht, wie er sich entscheidet“. Auf die Frage, ob er eine Kandidatur in Erwägung zieht, wollte er sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern, sich dazu aber intensiv Gedanken machen. „Ich werde es danach entscheiden, was für die Stadt am besten ist.“Letztlich also lag nicht ohne Grund ein besonderer Fokus des Neujahrsempfangs, der unter dem Motto „75 Jahre Bundesrepublik Deutschland“ stand, auf der Bedeutung der Demokratie und freier demokratischer Wahlen. Deren Wert hoben Wolfgang Faißt ebenso wie der geladene Redner Professor Arne Pautsch im Besonderen hervor. „Seit das Grundgesetz 1949 in Kraft getreten ist, erleben wir, wie wichtig Demokratie für ein Leben in Freiheit ist“, so Faißt.
Dabei wandte er sich deutlich gegen leere Versprechungen von Politikern – vor allem kurz vor den Wahlen –, die an der Realität scheitern und unter anderem immer mehr Protestwähler hervorbrächten, die sich rechtsextremen Parteien zuwenden. Aus seiner Kritik an der Landes- und Bundesregierung, die bei den Bürgern Erwartungen wecke, die sich so nicht erfüllen lassen, hat er in seiner Zeit als Bürgermeister nie einen Hehl gemacht. Für ihn stehe für die Zukunft, nicht nur für Renningen, vor allem ein Wunsch im Vordergrund: „Dass extreme Kräfte kein Land gewinnen. Das ist das Wichtigste, dass die Demokratie erhalten bleibt.“
Wolfgang Faißt
Bürgermeister und mehr
Wolfgang Faißt (61), einst Hauptamtsleiter der Stadt Nagold, wurde im Jahr 2000 zum Bürgermeister von Renningen gewählt, wo er die Nachfolge von Bernhard Maier antrat. 2008 und 2016 wurde er wiedergewählt. Eine Schlappe erlitt er 2015 bei der Wahl zum Landrat im Rems-Murr-Kreis, bei der er sich beworben hatte. Neben seinem Amt als Bürgermeister ist er bei den Freien Wählern Landesvorsitzender, Mitglied im Kreistag und Kreisverbandsvorsitzender.
Renningen
Eine der größten Errungenschaften für Renningen, die Faißt in seiner Zeit als Bürgermeister aktiv mitgestalten konnte, ist die Ansiedlung des Bosch-Forschungszentrums am Flugplatz Malmsheim. In seine Amtszeiten fallen zudem die zwei großen Neubaugebiete Schnallenäcker II und III für jeweils rund 1000 neue Einwohner. Derzeit laufen mehrere Großprojekte wie der Bau des neuen Rathauses und der neuen Sporthalle sowie die Sanierung und Erweiterung mehrerer Schulen und Kindergärten.