Bürgerrat in Stuttgart Diese Menschen diskutieren über Stuttgarts Klima

Drei von 61 Mitwirkenden im Bürgerrat Klima: Marion Kaiser, Daniela Otto und Volker Gürtler (v. l.) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Per Zufall wurden 61 Stuttgarter ausgewählt, die Lösungen zu Streitthemen wie Parkplätze, Heizungen oder Radwege suchen. Wir stellen drei Teilnehmende aus dem Bürgerrat Klima vor.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Als Marion Kaiser sich vor einem Jahr eine Photovoltaikanlage aufs Einfamilienhaus in Stuttgart-Uhlbach (Bezirk Obertürkheim) bauen ließ, diente dies vor allem der Beruhigung ihres schlechten Gewissens. Sie und ihr Mann haben fünf Fahrzeuge: drei Autos, ein Motorrad, eine Vespa. Die 62-Jährige arbeitet bei Daimler, in den Urlaub fliegt sie in der Regel. Und es ärgert sie, dass den Menschen bezüglich der Klimaerwärmung „seit Jahren ein schlechtes Gewissen vordiktiert“ werde, wie sie sagt.

 

Marion Kaiser ist sicherlich nicht das, was man gemeinhin einen „Öko“ nennt. Dennoch – oder gerade deshalb – hat sie zugesagt, beim ersten Stuttgarter Bürgerrat zum Thema Klima mitzuwirken. „Mein Umfeld war sehr überrascht.“

Sie ist eine von 61 zufällig ausgewählten Personen, die den Bürgerrat Klima bilden. Die Teilnehmenden erhalten dafür eine Aufwandsentschädigung. Fünf Sitzungen gab es bereits – jeweils samstags –, der letzte Termin ist am 17. Juni. An diesem Tag wollen die Teilnehmenden beschließen, welche Empfehlungen sie dem Gemeinderat und der Verwaltung vorlegen. Die Schwerpunkte des Bürgerrats Klima liegen auf Wärme und Mobilität, es geht also um Streitthemen wie Parkgebühren, Radwege oder Wärmepumpen.

Braucht es für Breuninger-Kunden Parkplätze?

Weil die Zufallspersonen eben wirklich den Querschnitt Stuttgarts abbilden sollen, ist die Diversität groß: ÖPNV-Nutzer treffen auf Autoliebhaberinnen, Besitzer von Einfamilienhäusern auf Mieterinnen, Schüler auf Akademikerinnen, Junge auf Alte, Menschen mit Migrationsgeschichte auf Urschwaben.

Marion Kaiser fährt selten ÖPNV. An Bahnhöfen fühle sie sich abends nicht wohl, sagt sie. Und sie ist überzeugt, dass kaum mehr jemand ins Dorotheenquartier oder zu Breuninger in der Stuttgarter Innenstadt kommen würde, wenn es dort keine Parkplätze mehr gäbe. Sie findet auch, dass zunächst einmal auf alle städtischen Gebäude Photovoltaik gebaut werden sollte, anstatt den „kleinen Bürger“ unter Druck zu setzen. Und dass in vielen Bürogebäuden – auch bei ihrem Arbeitgeber Daimler – vergangenen Winter nicht höher als auf 19 Grad geheizt werden durfte, hat sie geärgert.

Durch den Bürgerrat das eigene Auto infrage gestellt

Einen völlig anderen Hintergrund hat Daniela Otto. Die 51-Jährige ist Bibliothekarin, Mieterin im Stuttgarter Westen, verheiratet und hat drei Söhne, die allesamt vegan leben. Der Älteste, der 20-Jährige, hat sich bewusst gegen einen Führerschein entschieden, Autofahren entspricht nicht seinen Überzeugungen. Der 17-Jährige ist aktiv bei Fridays for Future dabei.

Die Familie von Daniela Otto hat zwar noch ein Auto, um damit in den Campingurlaub zu fahren, den Großteil des Jahres steht das Fahrzeug aber nur herum, sagt sie. „Im Laufe der Diskussionen im Bürgerrat Klima ist mir noch bewusster geworden, wie unnötig das Auto ist.“ Außerdem wurde sie durch das Gremium auf Balkonsolaranlagen aufmerksam – und überlegt sich nun, sich selbst eine anzuschaffen.

Zunächst hatte er überhaupt keine Lust mitzumachen

Volker Gürtler, 62 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, im Ruhestand und wohnhaft in Bad Cannstatt, warf den Brief der Stadt, in dem er gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, im ersten Stuttgarter Bürgerrat Klima mitzuwirken, zunächst einmal in den Papierkorb. „Ich bin schon der Meinung, dass zu viel CO2 ausgestoßen wird und dadurch Probleme entstehen“, stellt er klar. Aber die meisten Menschen wären eben nicht bereit, sich entsprechend anders zu verhalten, „man sieht ja, wie viele und welche Autos durch Stuttgart fahren“.

Deshalb habe er keine rechte Lust gehabt, sich mit Klimathemen zu befassen. Dann habe er sich aber daran erinnert, dass er sich in der Vergangenheit oft über mangelndes Mitbestimmungsrecht der Bürger geärgert hatte, „da dachte ich mir: Gehst halt hin“.

Inzwischen ist Volker Gürtler bezüglich der Organisation des Bürgerrats voll des Lobes. Alles sei perfekt geplant, meint er. Und ihn habe der ganze Prozess auch etwas geerdet: „Wir merken nun, wie schwierig es für Politiker sein muss, so ein komplexes Problem wie den Klimawandel zu lösen.“

Manche befürchten künftige Verbote

Marion Kaiser hofft zwar, dass es weitere Bürgerräte gibt, da man sich „als Stuttgarter abgeholt fühlt“. Zugleich sagt sie: „Das Ganze ist gefühlt daraufhin ausgerichtet, dass die Stadt prüfen will, wie weit sie mit Verboten gehen kann, ohne dass einen Aufstand in der Bevölkerung gibt.“ Das dürfte harter Tobak für die Initiatoren sein.

Unterdessen hat Daniela Otto durch die Diskussionen gelernt, dass es immer dann schwierig wird, wenn die persönlichen Bedürfnisse Einzelner infrage gestellt werden: Für die einen sei der Verzicht aufs eigene Auto selbstverständlich, für andere bedeute es den Wegfall jeglicher Freiheit. Und während ihre Söhne sie stets ermutigt hatten, beim Bürgerrat Klima mitzumachen, zweifelt sie am Mehrwert ihrer Teilnahme: „Inwiefern können willkürlich gewählte Menschen die besseren Entscheidungen treffen?“, fragt sie sich.

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