InterviewBürgersprechstunde (6): der Polizist Mario Schulz  „Ich möchte etwas weitergeben“

Von  

Mario Schulz war als Polizist lange Zeit in Auslandseinsätzen, sah dabei die Not vieler einheimischer Kinder. Um ihnen eine bessere Zukunft zu geben, engagiert er sich im Verein „Lachen helfen“. Teil 6 der Gesprächsreihe „Bürgersprechstunde“.

  Foto: Gottfried  Stoppel
  Foto: Gottfried Stoppel
Neuhausen auf den Fildern/ – - Mario Schulz – ledig, wohnhaft in Neuhausen auf den Fildern, zurzeit am Stuttgarter Flughafen tätig – war als deutscher Polizist im Kosovo, in Afghanistan und im Sudan. Der 42-Jährige hat uns geschrieben, weil er berichten will, was er bei diesen Auslandseinsätzen erlebt hat.
Herr Schulz, erzählen Sie Ihre Geschichte!
Ich stamme aus dem Berliner Bezirk Wedding, wo ich in einem Kinderheim groß geworden bin. Mit 16 machte ich den Hauptschulabschluss, anschließend brach ich zwei Lehren als Industriemechaniker und als Dachdecker ab – Handwerk ist einfach nicht mein Ding. Als ich volljährig war, wollte ich mich dann eigentlich bei der Bundeswehr verpflichten, aber mein Vormund, zu dem ich einen sehr engen Draht hatte, riet mir, es alternativ bei der Polizei zu versuchen. Speziell in Berlin wurden im Zuge der Wiedervereinigung dringend neue Polizisten gesucht. Diese Chance ergriff ich.
Sind Sie im richtigen Beruf gelandet?
Durchaus, denn ich bin jemand, der sich in Gemeinschaften wohlfühlt. Nach meiner dreijährigen Ausbildung in Ruhleben kam ich zur Bereitschaftspolizei nach Moabit. Meine Einsatzhundertschaft wurde unter anderem bei den Demos am 1. Mai in Kreuzberg oder bei brisanten Fußballspielen wie Union Berlin gegen Dynamo Dresden eingesetzt. Auch bei den Castortransporten in Niedersachsen war ich dabei. Damals haben normale Bürger die Straßen blockiert, und wir mussten sie wegschaffen. Das war für mich ein prägendes Erlebnis, weil ich verstand, dass die Leute nach der Katastrophe von Tschernobyl gegen Atomkraft waren. Ich wechselte in den Streifendienst. In der Wache am Berliner Kurfürstendamm erlebte ich alles, was den Polizeidienst ausmacht: vom gewöhnlichen Ladendiebstahl über die Bearbeitung von Verkehrsunfällen bis hin zu schweren Schlägereien. Einerseits war es nie langweilig, andererseits wiederholte sich irgendwann doch alles. Ich sehnte mich nach neuen Erlebnissen. 2001 meldete ich mich deshalb für eine Auslandsmission der UN im Kosovo.
Wie werden deutsche Polizeibeamte auf solche Einsätze vorbereitet?
Zunächst macht man Fitness- und Sprachtests, dann prüfen Psychologen die mentale Tauglichkeit. Wenn man das alles besteht, wird man für internationale Missionen ausgebildet. Es gibt einen Basislehrgang, in dem man erklärt bekommt, welche Hintergründe die UN- und EU-Operationen haben. Schließlich bekommt man eine zwei- bis vierwöchige spezifische Vorbereitung auf das jeweilige Einsatzland.
Wie verlief Ihr erster Auslandseinsatz?
Ich war auf einer Wache in einem kosovarischen Dorf tätig. Der Ort galt als Hotspot, weil dort Serben und Albaner eng beieinander lebten, also jene Bevölkerungsgruppen, die sich zuvor bis aufs Blut bekämpft hatten. Neben uns Deutschen waren Amerikaner, Afrikaner, Engländer, Skandinavier und sogar Männer von den Fidschi-Inseln an dem Einsatz beteiligt.
Ist das Ziel solcher internationalen Gemeinschaftsaktionen, in Krisenländern einen funktionierenden Polizeiapparat aufzubauen?
Für das Kosovo und für Afghanistan, wo ich 2010/2011 eingesetzt wurde, trifft das zu. Im Sudan waren wir hingegen dafür zuständig, die Flüchtlingscamps zu kontrollieren.
Bundeswehrsoldaten sind bei ihren Auslandseinsätzen großen Risiken ausgesetzt. Gilt das auch für deutsche Polizisten?
Im August 2007, also etwa zwei Jahre, bevor ich nach Afghanistan kam, sind drei deutsche Polizisten in Kabul bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Die Gruppe war auf dem Weg zu einem Schießtraining, als ein ferngezündeter Sprengsatz direkt unter ihrem Mercedes-Geländewagen explodierte. Nach dieser Tragödie wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht: Unsere Fahrzeuge wurden stärker gepanzert, wir bekamen Schutzwesten, und unsere Wohncontainer, die überwiegend am Rand von Bundeswehrcamps lagen, wurden zusätzlich mit Betondecken und Sandsäcken gesichert.

Sonderthemen