Bürgerstiftung kümmert sich um das Miteinander Für die Ditzinger das Rad neu erfunden

Ruth Romanowski-Steger (links) und Christine Merkle gehören  seit Anbeginn der Bürgerstiftung  an. Das Mühlrad haben Jugendliche mit ihren Jobpaten restauriert. Foto: factum/Granville
Ruth Romanowski-Steger (links) und Christine Merkle gehören seit Anbeginn der Bürgerstiftung an. Das Mühlrad haben Jugendliche mit ihren Jobpaten restauriert. Foto: factum/Granville

Mit Gutmenschentum haben die Projekte wenig zu tun, die eine kleine Gruppe eins ums andere Mal in der Stadt initiiert. Diese wird dort aktiv, wo die Stadt im sozialen Netz eine Lücke lässt. Möglichst geräuschlos.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)
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Ditzingen - Sein größter Erfolg ist, dass es niemals laut geworden ist um sie. Der Vorstand der Ditzinger Bürgerstiftung arbeitet im Stillen, doch die Ergebnisse seines Schaffens prägen seit acht Jahren die 24 400 Einwohler zählende Stadt. Ohne Bürgerstiftung gäbe es keine Jobpaten für die jugendlichen Schulabgänger, keine Familienpaten, keinen Lesebeutel für Grundschüler, kein Marktfrühstück auf dem Laien, kein Singen mit Senioren im Pflegezentrum, und auch das historische Mühlrad an der Schlossmühle würde nicht dort stehen. Dass am Ende der Restaurierung dessen Aufstellung viel Geld kostete, ist den Initiatoren immer noch unangenehm.

So präsent die Projekte im Ort sind, so sehr sich die Bürgerstiftung als Initiator im Hintergrund hält, so sehr arbeitet sie an ihrem Image. „Für viele sind wir eine elitäre Organisation. Die wollen wir aber nicht sein“, sagt das Vorstandsmitglied Ruth Romanowski-Steger. „Wo es ansatzweise klappt, ist das Marktfrühstück“, nennt ihre Gremiumskollegin Christine Merkle ein Beispiel. In Kooperation mit der Bürgerstiftung sind jeweils andere Vereine und Organisationen verantwortlich, um zu einem öffentlichen, gleichwohl keineswegs kostenlosen Frühstück einzuladen.

Der Marktplatz soll belebt werden

Die Ditzinger kommen inzwischen gerne, wenn der Rathausplatz, der Laien, belebt wird und zu einem Treffpunkt wird. Zuletzt gingen unter anderem 54 Kilo Brot und knapp 200 Brötchen und Brezeln weg.

Ideen für Projekte werden „frei und unabhängig verwirklicht“, stellen die beiden klar. „Wir sind keine Helfershelfer der Stadt“, verweist Merkle auf das Selbstverständnis der Bürgerstiftung. Auch mit Gutmenschentum habe das Engagement nichts zu tun. „Ich will mitarbeiten, damit es besser läuft“, sagt die 60-Jährige, die über die Bürgermentoren zum Projekt kam. Allerdings betont sie auch, dass man die Verbindung zur Stadtverwaltung benötige. Romanowski-Steger wiederum hatte sich von Hubertus Schwinge anstiften lassen, dem Initiator der Stiftung, deren Vorstandsvorsitzender Wolf Hafner ist.

Möglichst nah am Menschen sein

Um Projekte inmitten der Bevölkerung zu implementieren, müssen die Mitglieder der Bürgerstiftung nah am Menschen sein. Vielleicht ist es gerade das, was den Vorstand, was besonders die beiden Frauen ausmacht: sie schauen hin. Wenn sie Handlungsbedarf erkennen, werden sie aktiv.

Das war beim Lesebeutel so. Die Leseförderung für Erstklässler bindet mit einem Gutschein für einen Ausweis für die Stadtbibliothek auch die Eltern ein. Beim jüngsten Projekt, den Familienpaten, ist es nicht anders. Nach einem ersten Elternabend bei Erstklässlern einer Ditzinger Grundschule, waren von zwölf Eltern lediglich vier gekommen. Hatten ausländische Eltern die Einladung nicht lesen können? Hatten die Mütter und Väter drängendere Sorgen, als zum Elternabend zu gehen? Auf der Suche nach den Ursachen stellte Romanowski-Steger fest, dass es keine Begleitung für Eltern gab. Weder bei der Stadt, noch der Diakonie oder der Caritas. Die Familienpaten sollten diese Lücke schließen.

Die Familienpaten sind gefragt

Inzwischen sind die ersten Ehrenamtlichen ausgebildet. Die Familienpaten sind gefragt, in deutschen und ausländischen Familien, in allen sozialen Schichten. Sie helfen in unterschiedlichsten Situationen, aber stets dann, wenn Eltern Unterstützung benötigen. Im Fokus steht die Hilfe zur Selbsthilfe. Weil die Stiftung aus Datenschutzgründen nicht selbst auf Betroffene zugehen kann, ist sie darauf angewiesen, dass Schulen, Kindertagesstätten, Ärzte auf die Familienpaten verweisen.

Romanowski-Steger war zunächst skeptisch, ob dies gelingen würde und ob sich die Familien in ihrer Not auch direkt an sie wenden würden. Ihre Skepsis war unbegründet. Das freut die 55-Jährige. Schließlich ist es ein Ausdruck des Vertrauens in die Qualität der Stiftungsprojekte. Das freilich sagt Romanowski-Steger nicht.

Allerdings habe sich schon in den ersten Monaten gezeigt, dass eine professionelle Unterstützung von einem Sozialpädagogen unabdingbar sei, berichtet Romanowski-Steger. Seine Stelle will finanziert sein. „Die Familienpaten sind das erste richtig große Projekt“, sagt sie deshalb. Auch dafür brauchen die Initiatoren Spender.

Die finanzielle Lage ist schwierig

So erfolgreich das Projekt ist, so sehr verdeutlicht es auch die Situation, in der sich die Bürgerstiftung befindet. „Sie steht gut da“, sagt Merkle zwar. Aber sie verhehlt auch nicht die schwierige finanzielle Situation. Die Erträge aus dem Stiftungskapital von knapp hunderttausend Euro lassen eine Projektförderung nur in geringerem Umfang zu, als viele offenbar vermuten.

Denn auch acht Jahre nach ihrer Gründung wird die Bürgerstiftung immer wieder mit dieser Erwartung konfrontiert. Dabei werden die Projekte vor allem von rund 200 Ehrenamtlichen getragen. Sie erhielten immer wieder auch Spenden, sagen die beiden Mitglieder des fünfköpfigen Vorstands. Aber das reiche nicht, um die Ideen zu realisieren, die all jene haben, die mit offene Augen im Ort unterwegs sind.

So geräuschlos die Bürgerstiftung agiert, so sehr schaut sie sich daher nach einem Büroraum in der Ortsmitte, um zu festen Zeiten dort präsent zu sein. Gelänge dies ebenso wie die Verteilung der Organisation auf mehrere Schultern, würde die Stiftung stärker ins Bewusstsein der Ditzinger rücken. Dass dies gelingt, ist Romanowski-Stegers und Merkles Wunsch: Nur so kann die Stiftung die Initialzündung für neue Projekte geben, die sich später bestenfalls selbst tragen.




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