Bürgerversammlung Kuhn erklärt den Verkehr zum Kern des Übels

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Bei der Bürgerversammlung für die Stadtmitte kündigt der Oberbürgermeister an, dass die B 14 zu Gunsten von Fußgängern schmaler werden soll, und erklärt zum Ziel, dass 20 Prozent weniger Autos die Innenstadt durchqueren.

Ein zweiter Deckel am Charlottenplatz, ein Boulevard in der Straßenmitte oder  breitere Gehwege am Rand – alte Ideen für die B 14 werden genauso geprüft wir neue. Foto: Achim Zweygarth
Ein zweiter Deckel am Charlottenplatz, ein Boulevard in der Straßenmitte oder breitere Gehwege am Rand – alte Ideen für die B 14 werden genauso geprüft wir neue. Foto: Achim Zweygarth

S-Mitte - Er ließe sich zwar griffiger formulieren, ist aber der Kernsatz: „Urbanität geht nicht, wenn auf die Leute, die da sitzen oder stehen, zu wenig Rücksicht genommen wird.“ So sagt es Fritz Kuhn, der Oberbürgermeister, vor rund 200 Zuhörern. Sie alle eint, dass sie in der Stadtmitte leben, und sie alle eint das Gefühl, dass auf sie keine Rücksicht genommen wird, weder von denjenigen, die das Zentrum der Stadt behandeln wie ihre natürliche Beute, sei es zum Feiern oder als Investitionsobjekt, noch von denen, die eben dies verhindern sollten.

Die sitzen vorn im Saal. Neben Kuhn sind fünf von sieben Bürgermeistern zur Bürgerversammlung gekommen. Wer zu Wort kam, wer nicht, gibt einen Hinweis darauf, was die Zentrumsbewohner bewegt. Die Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer und Susanne Eisenmann, zuständig für Kultur, Bildung und Sport, hätten den Abend anderweitig verplanen können, genauso wie der Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle. Außer Kuhn beantworten alle Fragen der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer oder der frisch ins Amt gewählte Baubürgermeister Peter Pätzold.

„Stadtpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass man die Pole ins richtige Verhältnis setzt“, sagt Kuhn. Gemeint sind die gegensätzlichen Interessen derer, die in der Mitte leben und derer, die sie besuchen. Erstere sind hoffnungslos in der Unterzahl. Gut 22 500 Stuttgarter wohnen im Kern ihrer Stadt. Allein an dessen Eröffnungstag stürmten 130 000 Kunden den Einkaufstempel Milaneo.

Die Folgen des Ansturms sind unübersehbar

Die Folgen des Ansturms, vor allem am Wochenende, sind unübersehbar, hörbar, riechbar. Hauseingänge dienen als Pissoir. Tonnen von Müll nebst Erbrochenem sind zu beseitigen. Vor zehn Jahren, klagt ein Anwohner der Theodor-Heuss-Straße, hat er sich zum ersten Mal im Rathaus beschwert, dass der Partylärm ihm den Schlaf raubt. Da ist er nicht der einzige. Der prominenteste Kritiker der Auswüchse ist ebenfalls gekommen, Christian Hermes, der Stadtdekan der katholischen Kirche. Er verfasst ebenfalls regelmäßig Beschwerdebriefe. „Lebensgefährlich“ sei es, sagt eine Frau, die Partymeile zu überqueren, der Autorennen wegen, und will wissen, „warum die Stadt dort nicht einfach drei Blitzer aufstellt“ – wie andernorts. Schairer verweist nicht zum letzten Mal darauf, dass die Polizei regelmäßig kontrolliert.

Der Oberbürgermeister hat den Autoverkehr als Kernübel identifiziert, als Verursacher von Lärm und vor allem Giftstoffen in der Luft. Insbesondere die Stickoxide sind es, denen er seinen Kampf angesagt hat. „Stuttgart wird als das Dreckloch von Deutschland durch die Medien getrieben“, sagt Kuhn, „aber wir sind besser geworden.“ Die Messwerte an den Brennpunkten Neckartor und Hohenheimer Straße seien gesunken. 20 Prozent weniger Autos auf den Straßen hatte Kuhn schon zu Beginn seiner Amtszeit zum Ziel erklärt und hält diese Zahl nach wie vor für die richtige, auch wenn „die Briefe, die ich kriege, mit ,Sie behindern mein Auto‘, im Ton schärfer und in der Zahl größer sind als die Lobesbriefe für manchen neuen Radweg“.

Die B 14 ist das Kernvorhaben gegen die Verkehrsflut

Zum Kernvorhaben gegen die Verkehrsflut erklärt Kuhn den Rückbau der B 14 vom Neckartor bis zum Marienplatz. Fahrspuren sollen weichen, zu Gunsten von breiteren Gehwegen und mehr Grün. Alte Ideen eines Boulevards in der Straßenmitte und eines zweiten Deckels am Charlottenplatz würden genauso geprüft wie neue Vorschläge. „Das werden wir angehen“, sagt Pätzold, „egal ob an den Rändern oder in der Mitte.“ Gleiches hatte sein Vorgänger Matthias Hahn vor Jahren schon angekündigt, war aber immer wieder an einer Gemeinderatsmehrheit gescheitert. Auch die Ankündigung, dass mittels eines groß angelegten Pflanzprogramms die Stadtmitte begrünt werden soll, müssen die Stadträte noch billigen.

Für die Stadtentwicklung erklärt Kuhn zur Leitlinie, dass „weniger auf die Gebäude selbst geachtet wird, mehr auf die Plätze dazwischen“. Im Großen schwebt ihm für das Rosensteinviertel ein autofreies Quartier vor, das mehr Energie produziert als verbraucht. Es sei seine Aufgabe zu befördern, dass Stuttgart 21 zügig verwirklicht und die freien Flächen zum Gewinn für die Stadt würden. Im Kleinen hält Kuhn es für erwägenswert, nach dem Abriss des Züblin-Parkhauses am Rand des Leonhardsviertels einen Park statt Neubauten zu planen. Im Viertel selbst will er das Rotlichtmilieu zurückdrängen.

Vor sieben Jahren hatte die Stadt die Mitte-Bürger zuletzt zur Versammlung geladen. Im Oktober 2008 waren die Kernthemen: Der Straßenverkehr, insbesondere der Schwerlastverkehr, der nächtliche Lärm, insbesondere der Theodor-Heuss-Straße und des Leonhardsviertels, die Vielzahl von Baustellen und Stuttgart 21.

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