Schon lange ist klar, dass die Stuttgarter Stadtverwaltung dringend neue Büroflächen benötigt. Und trotzdem hat es lange gedauert, bis die Entscheidung gefallen ist, wo Hunderte städtische Mitarbeiter unterkommen sollen – bis Mittwoch. Jetzt ist klar: Zwei Standorte sollen es werden.
An Metaphern hat in der Sitzung des Verwaltungs- und Wirtschaftsausschusses bei der Debatte über Bau und Belegung von gleich zwei zusätzlichen Gebäuden für die Stuttgarter Verwaltung in der City nicht gemangelt. OB Frank Nopper (CDU) kam zum Schluss, man rede schon viel zu lange von dieser Investition und betreibe seither „eine ewige Brautschau“. Man warte ständig zu, „ob nicht noch eine schönere Braut erscheint“. Jetzt gelte es, einen Zahn zuzulegen. Verwaltungsbürgermeister Fabian Mayer (CDU) sprach von einem „Befreiungsschlag“, Kämmerer Thomas Fuhrmann (CDU) von einem „Leuchtturmprojekt“ und CDU-Stadträtin Nicole Porsch von einem „Meilenstein“.
Möhringer Alternative zu weit vom Schuss
Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass sich nach der Pleite mit der erst erwählten, dann von Teilen der Belegschaft wegen der Distanz zur Innenstadt aber verschmähten, „Office-Hub“ getauften neuen Arbeitswelt im Möhringer Synergiepark nun Verwaltung, Gemeinderat und Personal auf zwei Projekte einigen können. 35 000 Quadratmeter Büros in einem klimaneutralen Gebäude hätte die Stadt für rund 300 Millionen Euro bis Ende 2024 vom Anbieter W2 auf den Fildern schlüsselfertig erwerben können. Eine Kampagne einer begrenzten Zahl städtischer Beamter und ein wenig konzeptionelles Vorgehen der Verwaltung hatten das verhindert. Längst hat W2 erklärt, seine Flächen anderweitig vermarkten zu wollen.
Nun konzentriert man sich auf das einst von der LBBW genutzte, sieben Stockwerke hohe Bollwerk an der Fritz-Elsas-Straße, das nach einem Umbau laut OB Nopper bereits Ende 2024 von bis zu 900 Beschäftigten bezogen werden könnte. Der Behnisch-Bau heißt jetzt Gro (Green Roof Offices) und soll unter anderem Heimstatt für die Führerschein- und Zulassungsstelle werden, die bisher in Zuffenhausen angesiedelt sind. Hier ist mit erheblichem Verkehrsaufkommen zu rechnen. Vorgesehen sind 190 Stellplätze für Pkw und 232 für Fahrräder. Auch die Ausländerbehörde soll dort unterkommen. Geplant ist eine Anmietung, ein späterer Erwerb dieser 30 000 Quadratmeter ist aber möglich. Dazu zählen auch das Kino Atelier und das italienische Restaurant.
Weitere Sanierungen nötig
Bisher war vorgesehen, für die Zeit der Sanierung des Treffpunkts Rotebühlplatz dort Ausweichmöglichkeiten zu schaffen. Bis dahin dürfte aber das Bollwerk längst bezogen sein. Dass Dienststellen mit Objekten aus auslaufenden Mietverträgen oder aus sanierungsbedürftigen Gebäuden einziehen, ist auch eher unwahrscheinlich. Bürgermeister Mayer präferiert überschaubare Sanierungen mit Aha-Effekt fürs Personal, wo es nötig ist, um die Zeit bis zum Einzug in das zweite Projekt zu überbrücken.
Dieses Vorhaben mit sieben Bauteilen hört auf den Namen Froh – Front Office-Hubs auf dem Areal der alten Bahndirektion. Es befindet sich am Kurt-Georg-Kiesinger-Platz gegenüber dem Hauptbahnhof und ist für 1200 Mitarbeiter vorgesehen.
Dort sind zwei Verwaltungsgebäude geplant, davon ein markanter Turm, außerdem wird die alte Bahndirektion genutzt, eventuell ein viertes Gebäude erstellt, und auch Wohnungsbau wäre denkbar. Die Grundstücke gehören der Stadt und dem Projektentwickler P+B. Neubauten und Bahndirektion bieten 40 000 Quadratmeter Bürofläche.
Schöne Aussichten für Beschäftigte
Gute Arbeitsbedingungen würden im Froh mit guten Servicebedingungen für die Bürger kombiniert, erklärte die Rathausspitze den zufrieden wirkenden Stadträten. Kantine mit Dachterrasse, ein Café und eine Kita sind geplant. Öffentliche, halböffentliche und für die Bürger gesperrte Bürobereiche sind vorgesehen. Das kann aber noch dauern. Zwei bis drei Jahre Bauzeit sind veranschlagt, allerdings ist das Bebauungsplanverfahren längst nicht abgeschlossen. Die Kosten hat im Ausschuss niemand abgefragt, auch Bürgermeister Fuhrmann schwieg auf Nachfrage unserer Zeitung. Wie das selbst auferlegte Ziel des klimaneutral gebauten und betriebenen Office-Hub erfüllt werden könnte, weiß der Kämmerer aber schon: Das Gebäude soll mit der Wärme des Abwassers geheizt werden. Keine große Rolle spielte in der Sitzung der Umstand, dass sich durch Homeoffice die Nachfrage nach Büroarbeitsplätzen verringern könnte. Der private Büromarkt bekommt das längst zu spüren.
Personalrat malt schwarz
Am „Befreiungsschlag nach Jahren der Knappheit“, wie Bürgermeister Mayer betonte, führe kein Weg vorbei. Wie will man das Personal halten oder gar neues hinzugewinnen angesichts der von Claudia Häußler geschilderten Zustände? „Wir platzen schon lange aus allen Nähten“, sagte die Gesamtpersonalratsvorsitzende. Die Raumsituation sei an der Zumutbarkeitsgrenze. Man wisse oft nicht, wo man die Kollegen hinsetzen solle. Sie denkt bereits wieder an die unerträgliche Sommerhitze und bedauert etwa die Beschäftigten im Ordnungsamt, die bis heute auf eine Sanierung ihrer Büros warten. Dabei hätte das schon vor zwei Jahren erledigt sein sollen. Sie hofft, dass die Verwaltung schnell Interimsmöglichkeiten schafft. Andernfalls tue sich die Stadt schwer, für die vielen unbesetzten Stellen Bewerber zu finden. OB Nopper sagte das für das Bollwerk-Projekt zu. Das Startsignal für Verhandlungen sei ertönt, im Juli will er, dass eine Grundsatzentscheidung getroffen werde.