Bürokratie belastet Kitas in Böblingen „Unser System ist ein Stück weit heiß gelaufen“

Marliese Mayer und Klaus Feistauer im Gespräch Foto: Stadt Böblingen/S. Schlecht

In unserer Serie über Bürokratie haben wir uns mit den Böblinger Kitas beschäftigt. Dort sollen neue Verwaltungskräfte die Kita-Leitungen entlasten. Wie wirkt sich das auf den Alltag der Erzieher aus? Wie sind die Rückmeldungen?

Neben dem Fachkräftemangel ist in deutschen Kitas die Bürokratie ein Problem. Es gibt viele Vorschriften, Regelungen und unterschiedliche Fördermöglichkeiten – der bürokratische Aufwand ist enorm. Wir haben bei Klaus Feistauer, dem Leiter des Amtes für Soziales in Böblingen, und Marliese Mayer, Abteilungsleiterin der Kindertagesbetreuung, nachgefragt, wie es bei den städtischen Kitas in Böblingen aussieht, was für Erfahrungen sie gemacht haben und was die Stadt dagegen unternimmt, um Kitas zu entlasten.

 

Frau Mayer, Herr Feistauer, der Kita-Alltag wird stark durch gesetzliche und bürokratische Vorgaben geprägt. Die Kita-Beschäftigten sind daher mit vielen verwaltungstechnischen Aufgaben und Dokumentationspflichten beschäftigt. Ist der Aufwand in den vergangenen Jahren noch gestiegen?

Klaus Feistauer: Wir haben ein System, das ein Stück weit heißgelaufen ist. Daher gehen wir in Böblingen auch viele neue Wege, um pädagogisches Personal zu gewinnen. Aber auch der Kita-Alltag hat sich verändert. Corona hat die Kita-Beschäftigten sehr stark gefordert. Aber es gibt auch eine Reihe an Themen, bei denen sich die Pädagogen auf ganz neue Situationen einstellen müssen. Ein Beispiel ist die Medienpädagogik. Wenn ein Kita-Kind plötzlich mit einem Smartphone daherkommt, dann braucht es einfach neue Abstimmungen, wie man damit umgeht. Doch durch die generelle Überhitzung im Gesamtsystem wird jede bürokratische Regel, die man erfüllen muss, zur Belastung. Sei sie noch so sinnvoll. Ich bin der Meinung, dass unsere pädagogischen Fachkräfte nicht mehr Bürokratie im Arbeitsalltag vor sich haben als noch vor einigen Jahren. Es mag das eine oder andere dazugekommen sein, aber auch etwas weggefallen. Man muss zudem unterscheiden, was man bei den Aufgaben unter Bürokratie versteht.

Wie meinen Sie das?

Die Erzieherinnen und Erzieher haben die Verpflichtung, die Kindesentwicklung zu dokumentieren. Das ist meiner Ansicht nach keine Bürokratie, sondern Teil der pädagogischen Arbeit. Ich glaube nicht, dass die Fachkräfte extrem von Bürokratie betroffen sind. Es sind eher die Kita-Leitungen.

Im vergangenen Jahr hieß es, die Stadt schaffe neue Stellen für Mitarbeiter, die die Kita-Leitungen bei verwaltungstechnischen Aufgaben unterstützen. Ist dies nun geschehen? Um wie viele Stellen handelt es sich?

Marliese Mayer: Ja, im Januar sind die ersten Verwaltungskräfte gestartet. Wir haben dafür 6,4 Vollzeitäquivalent (VZÄ)-Stellen bewilligt bekommen, diese sind nun alle besetzt. Zwölf Personen mit Verwaltungsvorerfahrung oder einer Ausbildung in der Verwaltung teilen sich die Stellen. Die Jahrespersonalkosten dafür belaufen sich auf circa 360 000 Euro.

Was sind die Aufgaben der neuen Verwaltungskräfte?

Mayer: Die Aufgaben der neuen Fachkräfte wurden im Voraus eng mit den Kita-Leitungen abgestimmt. Uns war wichtig, dass es reine Verwaltungsaufgaben sind, die diese neuen Kita-Mitarbeitenden übernehmen. Denn sie sollen ja die Kita-Leitungen entlasten.

Profitieren alle städtischen Kitas von der Unterstützung?

Mayer: Eine Verwaltungskraft ist für zwei bis drei Kitas zuständig. Das heißt, sie ist nicht jeden Tag in der gleichen Kita, sondern die Woche ist aufgeteilt. Daher profitieren alle Kitas von den neuen Verwaltungskräften.

Kamen schon positive Rückmeldungen aus den Kitas?

Mayer: Wir haben innerhalb kurzer Zeit sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Manche Themen, die eine Zeit lang brachlagen, können nun durch die Verwaltungskräfte abgearbeitet werden. Es hat sich sehr gelohnt, diesen Schritt zu gehen. Wir werden zwar mit dem Personalmangel weiter umgehen müssen, aber unsere Idee, die Kitas mit den Verwaltungsstellen in ihrer Arbeit zu unterstützen, ist uns ganz gut gelungen.

Merkt man eine Entlastung?

Feistauer: Die Entlastung kommt hauptsächlich bei den Kita-Leitungen und stellvertretenden Leitungen an. Es profitieren aber auch die Eltern, die Verwaltung und andere Behörden, die schneller an Informationen gelangen. Das ist der Effekt, wenn sich jemand regelmäßig um bürokratische Themen kümmern kann, ohne im pädagogischen Alltag extrem gefordert zu sein. Denn das ist das Hauptthema, das bei den Kitas zu Belastung führt.

Wie sieht es mit der Bürokratie beim Bau von neuen Kitas aus. Wie lange dauert es, eine Baugenehmigung für eine Kita zu erhalten?

Feistauer: Wir haben als öffentliche Hand andere rechtliche Rahmenbedingungen als ein privater Träger. Wir können uns den Architekten oder die Baufirma nicht selbst aussuchen. Es läuft alles über Ausschreibe- oder Vergabeverfahren, die das Ganze langwierig und teuer machen. Das ist ein wahnsinniger Verwaltungsaufwand. Der Kita-Neubau in der Breslauer Straße 89 hat von der Entscheidung bis zur Inbetriebnahme sechs bis sieben Jahre gedauert. Wir haben aber auch schon Kita-Bauten innerhalb von zwei Jahren gestemmt.

Welche Stellschrauben müssen noch gedreht werden, um Bürokratie an Kitas zu reduzieren?

Feistauer: Wo man einiges verbessern kann, ist bei den Rahmenbedingungen. Momentan gibt es viele gesetzliche Regelungen, wie wir eine Kita betreiben dürfen. Wir haben in Baden-Württemberg aber nun seit Ende 2023 den sogenannten Erprobungsparagrafen. Damit bekommen Träger von Kindertageseinrichtungen die Möglichkeit, von Regelungen des Kindertagesbetreuungsgesetzes und der Kindertagesstättenverordnung abzuweichen und passende Lösungen für sich zu entwickeln. Es kommen dadurch viele gute Ideen auf, wie man Kindertagesbetreuung mit erweiterten Regelungen sicherstellen kann. Das Ganze hat zu dem Regelungsbefreiungsgesetz in Baden-Württemberg geführt. Das finden wir eine tolle Entwicklung. Der Gesetzgeber gibt uns die Beinfreiheit, Dinge auszuprobieren, solange keine höherwertigen Rechtsgüter entgegensprechen.

Was sind Beispiele, wo das Regelungsbefreiungsgesetz helfen kann?

Feistauer: In der Landesbauordnung ist festgelegt, wie viele Fahrradstellplätze man benötigt, wenn man eine neue Kita baut. Jetzt ist die Situation in Stuttgart Mitte vermutlich eine ganz andere wie auf der Schwäbischen Alb in einem kleinen Dorf, wo die Verhältnisse nicht so beengt sind. Die Vorgaben sind aber die selben. Es sind keine Ausnahmen im Gesetz vorgesehen. Das ist ein Beispiel, wo das Regelungsbefreiungsgesetz positiv wirken könnte. Ein zweites Beispiel, das wir am eigenen Leib erfahren mussten, ist das Thema: Toiletten. Um eine Betriebserlaubnis für eine Kita zu bekommen, gibt das Gesundheitsamt vor, wie viele Toiletten in einer Kita mit x Kindern benötigt werden. Möchte man dann spontan an der Gruppengröße etwas ändern, so kann es sein, dass einem eine Toilette fehlt. Das ist das, was uns an den Rand bringt. Die Ressourcen, die da verpufft werden, stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen der Regelung.

Ist das neue Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung im Kampf gegen die zunehmende Bürokratie?

Feistauer: Ich halte es für eine sehr sinnvolle Geschichte, dass man den Verantwortlichen vor Ort wieder mehr gestalterischen Spielraum gibt bei Dingen, die man vor Ort besser einschätzen kann als im Ministerium in Stuttgart. Allerdings muss man sich auch erst einmal daran gewöhnen, diese Freiheit auch ausleben zu dürfen.

Bürokratie im Kreis Böblingen

Serie
In unserer Reihe über Bürokratie im Kreis porträtieren wir Ämter, Betriebe und Personen, die von überbordender Bürokratie beeinträchtigt werden.

Kindertagesstätten
Die Stadt Böblingen betreibt insgesamt 27 Kindertageseinrichtungen im Stadtgebiet Böblingen und in Dagersheim.

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