Bürokratie im Kreis Böblingen „Du musst heute viel mehr machen, um einen Euro zu verdienen“

Rolf Bauer hilft auch im Verkauf, wenn viel los ist. Foto: Stefanie Schlecht

Für unsere Serie über Bürokratie haben wir Bäcker Rolf Bauer besucht. Er ächzt unter manchen bürokratischen Vorgaben – hat aber auch eine pfiffige Lösung gefunden.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Am Ortsrand von Steinenbronn, zwischen Tankstelle, Aldi und Kfz-Betrieb, hat Rolf Bauer seine Bäckerei. Vor 18 Jahren ist der „Beckabauer“ aus dem Ortskern nach draußen gezogen. Direkt an seine Backstube grenzt die Verkaufstheke mit großzügigem Cafébereich, wo die Kunden Bauers Backwaren, hausgemachtes Eis und warme Mittagsgerichte essen können.

 

Oben drüber wohnt er mit seiner Frau, die im Verkauf arbeitet. Geschäft und Leben sind eins, „so wie früher“, sagt er. Sein Arbeitstag beginnt nachts, am späten Vormittag ist er in der Backstube fertig. Wenn viel los ist, kommt er runter und hilft beim Verkauf.

Selbstständig aus Überzeugung – und mit Überzeugung

„Ich bin gerne selbstständig“, sagt der 60-Jährige. Es gefällt ihm, selbst entscheiden zu können, „was bewegen“. Dass er nur das Hauptgeschäft führt ohne weitere Filialen, hat er bewusst entschieden, um vieles selbst regeln und den Überblick behalten zu können. Er hat zehn Mitarbeiter, etwa die Hälfte davon sind Aushilfen. Auch wenn mit seinem kleinen Betrieb anteilig viel Büroarbeit anfällt, hat er keine Bürokraft angestellt. „Bei zehn Leuten schaffe ich das“, sagt Bauer.

Wenn er auf seine Jahre in Selbstständigkeit blickt, stellt er fest: „Du musst heute viel mehr machen, um einen Euro zu verdienen, als vor 20 Jahren.“ Viel Aufwand sei mit der Umstellung auf den Euro im Jahr 2002 hinzugekommen. Viele Vorgaben, die Schreibtischarbeit nach sich zögen, seien EU-Verordnungen, von denen Bauer sich fragt, inwieweit Kollegen etwa in Italien sich daran halten würden.

Die Notwendigkeit von Vorgaben im Lebensmittelbereich sieht Bauer ein. Er findet aber, dass regelmäßige Besuche der Lebensmittelkontrolleure ausreichen würden. „Der kann ruhig bissle strenger sein und schwarze Schafe gleich rausholen, statt erst zehnmal abzumahnen.“

Bäcker fordert mehr Eigenkontrolle

Gleichzeitig müsse mehr auf Eigenkontrolle gesetzt werden. Dass zum Beispiel Mindesthaltbarkeitsdaten eingehalten würden, sei eine Selbstverständlichkeit, findet Bauer. „Dafür brauche ich keine Verordnung.“ Genau wie jeder bei sich zuhause schiebe auch er den frischen Joghurt im Kühlschrank nach hinten und verbrauche erst den älteren. Letztlich zähle, wie ein Betrieb geführt werde. „Es kommt auf den Chef an. So wie ich bin, so ist der Betrieb“, sagt der Bäckermeister.

Rolf Bauer schneidet Apfelstrudel auf. Foto: Stefanie Schlecht (Archiv)

Er geht nach hinten in den Produktionsraum und lässt frisches Malaga-Eis aus der Maschine. An einem Kühlschrank daneben zeigt er auf eine Reihe von Listen, die er für die Eisproduktion führen muss. Darin dokumentiert er unter anderem, wann die Waren vom Großlieferant ankommen, ob etwas beschädigt ist und wieder zurückgeht, welche Temperatur das Eis hat, wer es anfertigt, wann es in die Kühlung kommt und wann es in den Verkauf geht, außerdem muss er unterschreiben, wer das Kühlhaus wann reinigt. „Das alles kostet uns einen Haufen Zeit“, sagt der Bäcker.

Viel bürokratischer Aufwand sei auch die Personalführung. Früher, sagt Bauer, habe er die Stunden der geringfügig Beschäftigten monatsweise aufschreiben können, heute müsse er das wochenweise tun. Auch bei den Löhnen sei es kompliziert. Fast jeder Mitarbeiter habe eine andere Krankenkasse, die mit anderen Prozentpunkten abrechne. Die Abwicklung übernimmt sein Steuerberater, er selbst könne das nicht mehr überblicken. Das hat seinen Preis: „Dem Steuerberater zahle ich das doppelte als vor 20 Jahren.“

Unbürokratische Lösung für bürokratische Regelung

Besonders unsinnig findet Bauer die Bonpflicht, die 2020 eingeführt wurde und Händler verpflichtet, Kassenbelege auszudrucken, um Steuerbetrug zu verhindern. Bauer nennt das „eine schwachsinnige Kontrolle“. Kaum ein Kunde wolle die Belege, die Zettel würden überall herumliegen. Er ist froh, dass die schwarz-rote Regierung sie nun wieder abschaffen will. Genau wie den unterschiedlichen Mehrwertsteuersatz auf Essen, das mitgenommen oder vor Ort verspeist wird. Mal sind es sieben, mal 19 Prozent.

Manche Regelung umgeht Bauer auf einfache Weise: Er nimmt bestimmte Sachen nicht in sein Angebot. Getränkeflaschen, die ohne Pfand verkauft werden, hat er nicht im Sortiment. „Ich habe nur pfandhaltige. Wie soll ich das sonst den Verkäufern erklären?“

So kann die Lösung für bürokratische Regelungen manchmal ganz unbürokratisch sein.

Bürokratie im Kreis

Serie
In unserer Reihe über Bürokratie im Kreis porträtieren wir Ämter, Betriebe und Personen, die von überbordender Bürokratie beeinträchtigt werden.

Gläserne Produktion
Beim Backstubenfest am Sonntag, 10. August, lässt sich Rolf Bauer von 8 bis 18 Uhr in seiner Backstube, Zeppelinstraße 1 in Steinenbronn, über die Schulter blicken. Es gibt eine Kinderbackstube.

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