Das Glockenmuseum in der Herrenberger Stiftskirche bleibt weiter geschlossen. Der Trägerverein kann sich die 400 000 Euro für den Brandschutz nicht leisten.
Der Verein zur Erhaltung der StiftskircheHerrenberg steckt in einer Sackgasse – und das gründlich, und das seit zehn Jahren. Seit dieser Zeit macht ihm der Brandschutz zu schaffen. Um alle Auflagen zu erfüllen, müsste der Verein rund 400 000 Euro aufbringen, das aber schafft er nicht. Deswegen ist das einzigartige Glockenmuseum im Stiftskirchenturm und damit das größte Glockengeläute der Welt seit zwei Jahren geschlossen.
Auch die Stiftskirche war schon von Flammen bedroht Natürlich ist niemand vor einem Brand gefeit. Natürlich war auch die Stiftskirche einmal in Gefahr, das muss so vor ein paar Hundert Jahren gewesen sein, als die Flammen des zweiten Stadtbrandes auf das Gotteshaus überzugreifen drohten, was ein beherzter Messner jedoch verhinderte, sagt der Verein, der von einer Doppelspitze angeführt wird: Klaus Hammer ist der wissenschaftliche Leiter des Museums, Burkhard Hoffmann ist der Vereinsvorsitzende.
Jetzt stehen die beiden zwischen Holzbalken und Stahlträgern, Sandsteinmauern, einem Wald von Seilen, Zügen und Glocken, im Museum, in diesem unvergleichlichen Ambiente und schwärmen von eben diesem unvergleichlichen Ambiente.
In den besten Zeiten der Glockenkonzerte saßen oder standen hier die Menschen im Glockenturm und spürten die Schwingungen mit den Ohren, mit dem Bauch, durch und durch, erlebten, wie die Töne ineinander übergingen und sich zu einem Klangteppich verwoben, wie ihn kein anderes Instrument zu erzeugen vermag.
Die jüngste Glocke hängt seit Corona
Glockengeläut ist mehr als Musikgenuss, es erklingt zu Taufe und Tod, zur Heirat und zum Gebet. Für Klaus Hammer sind die bronzenen Riesenkelche auch die Brücke vom Ende der Antike bis zur Gegenwart. Hier hängen Nachgüsse von karolingischen Glocken. Die älteste eigene Glocke stammt aus dem Hochmittelalter. Und dazwischen hängt die neueste Glocke, die zur Coronazeit den Kirchturm hinaufgezogen wurde.
Jetzt bewundert niemand mehr ihre wunderbar gearbeitete Oberfläche. Das Museum ist geschlossen, und die ganze Sache ist ziemlich verfahren.
Mit dem Brandschutzgutachten gingen die Probleme los
Burkhard Hoffmann vor den Schaltschränken der Glockensteuerung Foto: Stefanie Schlecht
Allerdings kann man den Erbauern der Kirche auch schlecht Vorwürfe machen, dass sie sich nicht an die moderne Prüfstatik gehalten haben, immerhin ist das Bauwerk seit 700 Jahren einigermaßen standfest, und das sogar ohne genormte Auszugswerte für Sandstein.
Die Vorgaben des Brandschutzes sind nicht zu erfüllen Das Brandschutzgutachten aus dem Jahr 2015 fordert einen Brandschutzraum für 70 Personen, die Schaltschränke für die Glocken müssen vom Holzboden weg an die Wand gehängt werden, das Gutachten fordert, die Turmluken umzubauen, den Rettungsweg zu beleuchten und sicherzustellen, dass die Drehleiter der Feuerwehr den richtigen Achsabstand hat, um auf den Hof fahren zu können. Dazu kam noch, dass die geforderte Feuersicherheit verdoppelt wurde, warum ist dem Verein nicht einsichtig. Insgesamt würde das 400 000 Euro kosten.
Der weitaus größte Posten ist dabei die Elektrik, die in einem Kostenvoranschlag aus dem vergangenen Jahr mit 271 000 Euro zu Buche schlägt. Denn das größte Geläute der Welt hat mit den 85 klingenden Glocken natürlich auch die komplizierteste elektrische Steuerung der Welt.
Das außergewöhnliche Museum wurde geschlossen Ein paar Jahre blieb das Museum provisorisch geöffnet. Dazwischen kam die Pandemie und verschwand wieder, die Stadt Herrenberg duldete die provisorische Öffnung nicht mehr und schloss das Museum am 1. Januar 2023. Diese Schließung verschwand nicht wieder. Die Tausende von Stunden, die der Verein ehrenamtlich gearbeitet hatte, waren für die Katz. Und Herrenberg verlor ein Alleinstellungsmerkmal.
Das ist auch der Stadt Herrenberg bewusst, zumal die Stadtverwaltung sich Ende März vor Ort ein Bild der Lage gemacht hat. Die Verwaltung schreibt: „Die Stadt Herrenberg hat ein großes Interesse daran, dass das Glockenmuseum in Zukunft wieder öffnen kann. Mit Blick auf die allgemeine Haushaltslage ist es derzeit jedoch schwierig konkret zu sagen, wann und in welchem Umfang die Stadt hier finanzielle Unterstützung leisten kann. Eine Idee ist deshalb auch, an entsprechende Stiftungen heranzutreten, um dieses kulturelle Kleinod zu erhalten.“
Konzertbesucher müssen vor der Kirche Platz nehmen Von oben betrachtet sieht es so aus, als würde der Verein das Glockenmuseum nicht aus eigener Kraft wieder öffnen können, sondern ist finanziell und planerisch überfordert. Geradezu verzweifelt hat der Verein in den letzten Monaten Stiftungen und Unternehmen angeschrieben, nach Sponsoren und Spendern gesucht, aber nicht genügend gefunden. Von den ehemals 300 Besuchern der Glockenkonzerte, die aus dem ganzen Land kamen, kommen nur noch ein paar Dutzend, die draußen vor der Kirche sitzen müssen wie angebundene Hunde vor der Metzgerei.
Und das Glockenmuseum mit dem größten Geläute der Welt? Dem hat wohl die Stunde geschlagen.
Dem Museum schlägt die Stunde
Stiftskirche Die spätgotische Hallenkirche gehört zu den schönsten im Südwesten Deutschlands. Sie wurde in zwei großen Bauabschnitten errichtet, von 1276 bis 1293 und 1471 bis 1493.
Konzert Das nächste Glockenkonzert ist am Samstag, 3. Mai, um 17 Uhr im Hof der Stiftskirche. Silas Stierle spielt zum Thema „Auf den Spuren Dietrich Bonhoeffers.“