Coronavirus in Stuttgart Bürstenstand in der City – wie Familie Regele ums Überleben kämpft

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Seit Jahrzehnten verkauft das Ehepaar Regele Bürsten und vieles andere auf Stuttgarts Märkten und Festen. Corona hat das Leben der Kaufleute komplett auf den Kopf gestellt – jetzt kämpfen sie um ihre Existenz.

Sabine und Karl-Heinz Regele stehen vor ihrem Verkaufsstand in der Stuttgarter Königstraße: Die Corona-Krise macht den Marktkaufleuten aus Stuttgart-Wangen zu schaffen. Foto: StZN/Jonas Schöll 9 Bilder
Sabine und Karl-Heinz Regele stehen vor ihrem Verkaufsstand in der Stuttgarter Königstraße: Die Corona-Krise macht den Marktkaufleuten aus Stuttgart-Wangen zu schaffen. Foto: StZN/Jonas Schöll

Stuttgart - Das ganze Ausmaß des Schlamassels konnte Karl-Heinz Regele noch nicht erahnen, als er das Öl entdeckte, das Ende vergangenen Jahres aus dem Getriebe seines Verkaufswagens tropfte. Eine Autoreparatur kommt nie gelegen, doch im Falle der Familie Regele aus Stuttgart-Wangen war sie existenzbedrohlich. Denn wenige Monate später sollte das Coronavirus die Welt der Marktkaufleute auf den Kopf stellen. Plötzlich brachen die Einnahmen komplett ein, das Geld fehlte an allen Ecken und Enden.

Seit 20 Jahren sind die Eheleute Karl-Heinz und Sabine Regele verheiratet – auch beruflich sind sie lange ein Team. Gemeinsam verkaufen die Marktkaufleute unter anderem Bürsten, Besen, Nähsachen, Gürtel, Hosenträger und Stahlwaren an ihren bunten, fahrbaren Ständen. Seit mehr als 60 Jahren ist der Familienbetrieb auf Krämermärkten in Stuttgart und im Umkreis sowie auf dem Stuttgarter Frühlings- und Volksfest vertreten. Nur in diesem Jahr macht ihnen das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung.

Die Familie kämpft um ihre Existenz

„Das war ein Schock. Alles ist auf einen Schlag weggebrochen“, erinnert sich Sabine Regele, die zwischen Bürsten und Ledergürteln an ihrem Krämerstand auf der Königstraße steht. „Wir sind von jetzt auf nachher auf null gefallen. Da wird es finanziell eng. Man muss ja schauen, dass man weiterlebt. Irgendwann hast du keine Perspektive mehr“, sagt die 59-Jährige. Auf der Stuttgarter Shoppingmeile darf das Ehepaar noch bis Mitte November verkaufen – ersatzweise für den abgesagten Wasen. Mit dem Geschäft auf den Volksfesten sei das zwar nicht vergleichbar, aber „wir sind froh, dass wir von der Stadt die Chance bekommen, hier zu stehen.“

In der Corona-Krise kämpft Familie Regele um ihre Existenz, da zählt jeder Euro. Erst bricht ihnen das Frühlingsfest weg, dann folgen dutzende abgesagte Krämermärkte, auch das große Volksfest im Herbst findet wegen der Pandemie nicht statt – ob und in welcher Form es in diesem Jahr einen Weihnachtsmarkt in Stuttgart gibt, ist aktuell noch völlig unklar. „Es ist ein wahnsinniger Aufwand, um unser Geschäft am Laufen zu halten. Es wird echt immer schwerer, das durchzuhalten“, sagt Karl-Heinz Regele.

Viel Arbeit für einen „grausamen Stundenlohn“

Das Geschäft gerät ins Wanken, als das Getriebe seines Wagens nach mehr als 30 Jahren im Einsatz den Geist aufgibt. Für ein neues Auto ist kein Geld da. Und für die Reparatur geht es ans Ersparte, da sind auch die 9000 Euro Corona-Hilfe vom Staat nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Ich glaube, dass Corona so manch einem meiner Kollegen das Genick gebrochen hat“, sagt der 61-Jährige. Ohne ein Erbe, von dem die Familie jetzt in Krisenzeiten lebt, wäre es auch um die Regeles ganz schlecht bestellt.

Was der Verlust in Zahlen bedeutet, möchte der Marktkaufmann nicht sagen. „Wenn Du das in Arbeitszeit rechnest, kommst Du auf einen grausamen Stundenlohn. Das entspricht nicht mal dem Mindestlohn, die ganzen Unkosten dazugerechnet.“ Ohnehin ist das Geschäft mit den Jahren schwieriger geworden – auch ohne Corona, berichtet Sabine Regele. „Auf das Frühlingsfest kommen die Jungen im Stechschritt in Dirndl und Lederhosen – und rennen gleich ins Bierzelt. Was links und rechts ist, nehmen die gar nicht mehr wahr“. Früher sei das Geschäft anders gewesen – als der Großvater Ende der 50er Jahre anfing, als blinder Kriegsveteran seine Bürsten von Hand einzuziehen und auf den Märkten verkaufte. Damals waren die Menschen froh, wenn die Marktleute kamen. „Heute sind die Leute übersättigt, weil es alles überall gibt.“

Die Hoffnung liegt jetzt auf dem Weihnachtsmarkt

Um sich über Wasser zu halten, hat Sabine Regele im Sommer auf dem Wochenmarkt verkauft – und dort erlebt, dass Kunden auch in Corona-Zeiten auf die Märkte kommen. Den doppelten Umsatz hätten einige Marktverkäufer sogar gemacht, weil viele Kunden eben lieber im Freien einkauften, als in Geschäften zu shoppen. „Deshalb find ich es ungerecht, dass sie uns die ganzen Krämermärkte absagen“, meint Regele. Die Marktkaufleute können nicht verstehen, warum ihre Geschäfte im Sommer ruhen mussten, zugleich aber Massen in den Innenstädten unterwegs waren – und sogar wieder Partys gefeiert werden durften.

Die ganze Hoffnung der Familie Regele liegt jetzt auf dem Weihnachtsmarkt. Dieser sollte in irgendeiner Form stattfinden, wünscht sich Karl-Heinz Regele. „Es ist draußen einfach nicht so gefährlich wie in geschlossenen Räumen“, sagt der 61-Jährige. Seine Frau pflichtet ihm bei – auch aus einem anderen Grund: „Wenn alles weggestrichen wird, geht das vielen Leuten auf die Psyche“, sagt sie. Die 59-Jährige berichtet von älteren Menschen, denen es um mehr geht als nur einen Einkauf, nämlich darum, mit jemandem zu reden – und aus der Isolation zu kommen. „Wir haben echt Respekt vor Corona, aber man darf nicht zu sehr Panik machen, sonst verlieren die Menschen die Freude am Leben und werden depressiv.“




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