Mystisch und unberührt sind die Rhodopen, ein Karstgebiet im Süden Bulgariens. Hier soll der thrakische Sänger und Dichter einst gelebt haben.

Plovdiv - Der Hades, die Unterwelt, liegt verborgen im Dunkel der riesigen Teufelsrachen-Grotte, tief unten rauscht in seinem Felsbett Styx, der Todesfluss, und an seinem Ufer klagt in abgrundtiefer Verzweiflung Orpheus, der Sänger, denn eben erst, gerade mal ein paar Jahrtausende ist es her, hat er seine geliebte Eurydike für immer an das Totenreich verloren. Hier in den Rhodopen im heutigen Bulgarien war er zu Hause, der thrakische Held, der mit seinen Liedern Tiere besänftigen, Götter beglücken und sogar Steine erweichen konnte. Und der Trigrad-Fluss, der in der Höhle in einer 42 Meter hohen Kaskade in die Tiefe fällt und dann in einem unterirdischen Labyrinth verschwindet, steht an Geheimnissen dem antiken Strom des Todes in nichts nach. Äste, Wurzeln, Fledermauskadaver - was immer ins Wasser fällt, bleibt für immer verschwunden. Auch zwei junge Taucher, die in den 1970er Jahren den Wasserlauf in einer groß angelegten Expedition erforschen sollten, kamen nie wieder ans Tageslicht. Dass Orpheus aber gerade in den Rhodopen zum Barden wurde, ist kein Wunder.


Vier Bergregionen werden besucht

Wer über die sanften, bewaldeten Hügel schweift, über dieses Mosaik aus Bodenwellen, blühenden Wiesen und verwitterten Fichten, muss einfach ins Singen kommen. Margeriten, Rotklee, Habichtskraut, Sonnenröschen - auf einem Quadratmeter bunter Wiese findet sich das halbe botanische Bestimmungsbuch. Dazwischen blühen Orchideen und glühen die orangen Funken des Nagelkrauts, weiße Wolken ziehen über den blauen Himmel - an manchen Stellen ist das Land eine einzige Sommersonntagskulisse. Die Rhodopen sind das zweite Gebirge, das bei dieser Wanderreise auf dem Programm steht. Vier Bergregionen werden besucht, und jede hat ihre Besonderheiten. So sind im nur leicht gewellten Sredna Gora die realen Helden zu Hause. 1923 verschanzten sich in den Buchenwäldern die Aufständischen der Arbeiterpartei und wurden erschossen.


Am 7. August 1944 wurden die Kommunisten Velko Stoev und Christo Jontscheff von den Soldaten der faschistischen Regierung aneinandergebunden und lebendig verbrannt. Ein Menschenleben ist das her, und doch sind sie immer noch präsent. Unvermutet tauchen sie zwischen den Buchenstämmen auf, kantige Kerle aus Granit, unerschütterlich Erinnerung einfordernd. Im westlicher gelegenen Pirin- und Rila-Gebirge wiederum geht es höher hinauf. Wacholder und Latschenkiefer lösen die Wälder ab, bis zu 2900 Meter ragen die Gipfel auf, zwischen deren kahlem, grauem Fels sich klare Bergseen verstecken. Aber es dreht sich bei dieser Reise nicht alles nur ums Wandern. Plovdiv etwa, das 2019 Europäische Kulturhauptstadt sein wird, bezaubert mit seiner Altstadt. Prächtige, mit Girlanden und Medaillons verzierte Häuser ließen sich die reichen Händler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Periode der „Bulgarischen Wiedergeburt“, bauen. Auch die Kirche von Konstantin und Elena zeugt mit ihrem vergoldeten Schnitzwerk und den schimmernden Ikonen vom Reichtum vergangener Tage.


Die Vergnügungen von heute sind anderer Art

An vielen Stellen aber geht es noch tiefer in die Vergangenheit. Mitten in der Fußgängerzone klafft ein Abgrund. Als man eine Unterführung bauen wollte, kamen plötzlich Säulentrümmer und Steinplatten zum Vorschein - man war auf das römische Stadion gestoßen. Und so steigt man aus der Zeit von Zara, McDonald’s und Armani nur ein paar Stufen hinunter in die Epoche der Wagenrennen und der Gladiatorenkämpfe - ein 3-D-Kino hilft, wenn nötig, der Fantasie auf die Sprünge. Die Vergnügungen von heute sind anderer Art. Auf dem Zentralplatz haben sich ein paar Hundert Zuschauer versammelt. Thrakische Hünen in schwarzen Trikots, mit Bandagen und Glatze, stemmen immer schwerere Gewichte und sonnen sich im frenetischen Beifall des Publikums. Abends im Folklorerestaurant tummeln sich nicht etwa überwiegend Touristen. Bulgarische Frauen und Männer, zum großen Teil jüngere, feiern Geburtstag oder ein Wiedersehen, und am Ende tanzen Dutzende von Menschen zu alten Melodien durch den Saal. Die Suche im Supermarkt nach Gewürzen und Mavrut-Wein wird ebenso zum Ereignis wie der Besuch berühmter Kulturstätten.


Im weltberühmten Rila-Kloster erfreut noch mehr als die maurisch anmutenden Torbögen ein Zwei-Meter-Mönch, der zu spät zur Messe kommt, aufgelöst durch das Kirchenschiff stolpert und dann so atemlos wie falsch zu singen beginnt - auch die Männer in Schwarz sind nur Menschen. In den letzten Tagen geht es hoch hinaus. Rila heißt „wasserreich“ - 280 Bergseen gaben dem Gebirge seinen Namen. Mit der Seilbahn fährt man hoch zur Rilski-Ezera-Hütte und wandert von dort weiter. Das Wetter zeigt sich impulsiv. Mal glitzern Träne, Auge und Niere, wie die Gewässer heißen, stahlblau unter einem blanken Himmel, doch im nächsten Moment jagen schon wieder Nebelschwaden herein und tauchen Dreiblatt und Fischsee in feuchten Dunst. Launisch ist das Wetter - gerade so unberechenbar wie jene sagenhafte Dame namens Rila, die einst den schönen, jungen Pirin heiratete. Als sich herausstellte, dass der lieber zur Jagd ging, als ihr zu Diensten zu sein, soll sie ihn verflucht haben - und sich selbst gleich dazu. Und nun liegen sie hier, die eine zu Füßen der Wanderer, der andere nur ein paar Kilometer entfernt, und finden und finden nicht mehr zueinander, ihr ganzes steinernes Leben lang.

Infos zu Bulgarien

Bulgarien

Veranstalter
Die beschriebene Reise dauert 11 Tage, hat zwischen 6 und 14 Teilnehmer und kostet 1290 Euro inklusive Flug. Die Wanderungen dauern zwischen zwei und fünf Stunden und haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Der Veranstalter hat noch weitere Bulgarien-Reisen im Angebot, auch in Kombination mit Griechenland oder Mazedonien. Weltweitwandern, Tel. 00 43 (0) 31 65 83 50 40, www.weltweitwandern.com .

Unterkunft
Das Hotel Alafrangite liegt günstig in der Altstadt, das Besitzerehepaar müht sich, den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen, Doppelzimmer mit Frühstück 22 Euro, www.alafrangite.eu .

Mitten im Grün, am Ende des Dorfes liegt das Haus Krusharskata Kashta - und die ganze Familie ist rührend um die Gäste besorgt, DZ/F 27,50 Euro, www.hotelkrusharskatakashta.com .

Essen und Trinken
Bulgarisches Essen ist schmackhaft, wenn auch nicht besonders raffiniert, die Portionen sind reichhaltig. Fast immer ist eine Suppe dabei oder Chopska-Salat, Tomate und Gurke mit geriebenem Käse. Fleisch ist beliebt: Schaschlik vom Huhn oder Schwein, Grillteller, Bratwurst, auch Eintöpfe mit Kalb- oder Schweinefleisch. Paprikaschoten sind oft mit Reis und Käse gefüllt. Besonders lecker ist Baniza, Blätterteig mit Schafskäse. Das heimische Bier ist gut, manche Rotweine sind ausgezeichnet. Rakija, Trester- oder Zwetschgenschnaps, wird erstaunlicherweise meist zur Vorspeise getrunken. Die Preise sind, gemessen an mitteleuropäischem Niveau, immer noch erstaunlich günstig. Ein Bier (0,5 l) kostet zwischen 1 und 1,20 Euro.

Allgemeine Informationen
Bulgarisches Fremdenverkehrsamt, Eckenheimer Landstraße 101, 60318 Frankfurt am Main, Tel. 069 / 29 52 84, www.fremdenverkehrsamt.com/reisefuehrer/reiseziel/bulgarien/index.html

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