Fellbach - Mit 38 Kilogramm war es die Hölle: „Das war der Tiefpunkt meiner Magersucht.“ 16 Jahre alt war Saskia Rauthe damals, sie kam ins Krankenhaus, psychosomatische Abteilung. Doch der Schalter im Kopf war noch nicht umgelegt. „Ich habe mich damals in der Klinik nur durchgeschummelt.“ Bevor sie zur Kontrolle auf die Waage musste, trank sie heimlich gläserweise Leitungswasser, um schwerer zu sein.
Den Klick im Kopf hat es erst gemacht, als Saskia Rauthe noch im selben Jahr in eine Spezialklinik nach Passau kam: „Ich habe sofort begriffen, hier herrscht der nackte Konkurrenzkampf: Wer wiegt am wenigsten?“ Sie klappte im Weinkrampf zusammen. Vier Jahre exzessiven Essens, Brechens und Hungerns lagen hinter ihr.
Klick aus dem Teufelskreis
Angefangen hatte es eher schleichend im Alter von 13 Jahren als Bulimie, der Ess-Brechsucht. Das Tückische daran: man sieht den Betroffenen die Krankheit nicht an, und sie wird selbst von Medizinern oft nicht so ernst genommen wie die Anorexie, die Magersucht, so Rauthes Erfahrung. „Als ich auf die weiterführende Schule kam, habe ich das aber schlicht zeitlich nicht mehr gepackt. Essen und Erbrechen kostet nämlich richtig viel Zeit! Da habe ich beschlossen, einfach nichts mehr zu essen, um nicht zuzunehmen.“ Saskia Rauthes Magersucht begann. Heute sagt sie über diese Zeit, dass ihr Denken „gefangen war in der Logik der Krankheit“.
Allein unter all den anderen abgemagerten Mädchen in der Passauer Klinik machte es „Klick“ im Kopf: „Ich dachte plötzlich, so schaffe ich niemals einen Schulabschluss, werde ich nie im Leben eine Berufsausbildung beenden oder Mama werden.“ Die damals 16-Jährige wollte endlich raus aus diesem „Teufelskreis“ wie sie die Essstörung heute nennt. Das war auch deshalb nicht leicht, weil die Krankheit eine Art Zufluchtsort sei, wie Rauthe erklärt: „Man hat das Gefühl, wenn man die Krankheit gehen lässt, dann bleibt einem nichts mehr.“ Man gebe etwas auf, das bislang helfe, die ursächlichen Probleme und Verletzungen zu verdecken. Diese aber zu ergründen sei eine der Pforten in ein gesundes Leben.
Eine schlimme, aber wichtige Erfahrung
Eine andere Pforte ist, nicht allein zu bleiben mit seinem Problem. Neben den professionellen Helfern und der Familie sind es die Mitleidenden, die unterstützend wirken. Seit September vergangenen Jahres betreibt Saskia Rauthe einen Blog für Menschen mit Essstörungen: www.buntezebras.com. Es geht dort um Überlebens- und Glücksstrategien und um das Besonders-Sein: „Diese Seite ist für jeden, der sich schon einmal anders und nicht dazugehörig gefühlt hat. Für jeden, der von Selbstzweifeln geplagt ist und deswegen unter seinen Möglichkeiten bleibt.“ Bereits der Titel der Seite deutet an, dass es nicht nur um Essstörungen geht. Das „bunte Zebra“ wird gern als Metapher gebraucht für Menschen, die hochsensibel, hochsensitiv, hoch- oder vielbegabt sind.
Rauthe berichtet auf ihrer Webseite ganz offen über ihre eigene Leidensgeschichte, die sie aus der Distanz heraus aber auch als wichtige Quelle von Erfahrungen begreift: „Ohne meine Essstörungen würde ich heute nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Ich hätte nicht die Möglichkeit, dir zu helfen. Und dir zu helfen ist mein Herzenswunsch“, wendet sich die 23-Jährige an ihrer Leser.
Neben praktischen Tipps, Links und Telefonnummern zu Beratungsstellen und Einrichtungen gibt die Bloggerin Leseempfehlungen und stellt hilfreiche Downloads – etwa mit Durchhalteparolen – zur Verfügung. Das Schreiben und Dranbleiben am Thema sei zudem für sie selbst eine Art Therapie, sagt Saskia Rauthe. Denn mit einer Essstörung verhält es sich kaum anders als mit anderen Süchten: Sie sind für die Betroffenen ein lebenslänglicher Begleiter. Auch, wenn sie unsichtbar bleiben.