Die Wirtschaftsschwäche macht sich im Südwesten besonders bemerkbar: Die Zahl der Jobs geht hier stärker zurück als in anderen Ländern. Das liegt am großen Gewicht der Industrie, der Konjunktur und Transformation massiv zu schaffen machen. In Baden-Württemberg sind 28 Prozent (rund 1,36 Millionen) der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe tätig; darunter gut eine Million in der Metall- und Elektroindustrie – das ist mehr als in jedem anderen Bundesland. Umso schwerer wiegt, dass dort schon seit Anfang 2024 und gegen den Trend der Gesamtwirtschaft ein Beschäftigungsabschwung stattfindet. Ein Überblick.
Wie verändert sich die Beschäftigung? Im ersten Quartal dieses Jahres sind nach neuen Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Verarbeitenden Gewerbe, also der Industrie, zwölf Prozent mehr Menschen arbeitslos als im Vorjahresquartal. Dieser Zuwachs rührt besonders aus zwei Teilbereichen: Im Kfz-Bereich sind es 15,0 Prozent und im Maschinenbau gut elf Prozent mehr Arbeitslose. In der Metall- und Elektroindustrie wiederum, die statistisch auch noch Bereiche wie Stahl umfasst, sind es fast 14 Prozent mehr Menschen ohne Job. Über alle Wirtschaftszweige hinweg beträgt der Anstieg der Arbeitslosigkeit nur 6,5 Prozent.
Die Zugänge in Arbeitslosigkeit aus der Industrie sind etwa doppelt hoch wie in der Gesamtwirtschaft. Zugleich finden Arbeitslose aus der Industrie in einem sehr unterdurchschnittlichen Maße eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
Vom Stellenabbau sind jüngere Beschäftigte unter 25 Jahren und Ausländer überproportional betroffen, so die BA. Weniger tangiert sind mindestens 55-jährige Männer.
Welche Perspektiven haben Fachkräfte? „Die Umbrüche werden große Kraftanstrengungen erfordern“, sagt Martina Musati, die Regionalchefin der Bundesagentur. „Arbeitsplätze werden verloren gehen.“ Im Blick hat sie vor allem den Automobilbereich als Kern der baden-württembergischen Wirtschaft. „Nach allen mir vorliegenden Studien wird der Sektor im Jahr 2040 über wesentlich weniger Beschäftigte verfügen.“
Die Industrie in Baden-Württemberg sei aber weiterhin stark und biete viele gut bezahlte Arbeitsplätze. Die Transformation eröffne neue Potenziale. Besonders komme es auf technologische Innovation, nachhaltige Produktion und hoch qualifizierte Kräfte an. Bildung werde im Strukturwandel noch wichtiger, sagt Musati. Lebenslanges Lernen und Anpassungsfähigkeit an neue Bedingungen müsse selbstverständlich werden.
Auch aufgrund der Demografie werde der Fachkräftebedarf in den nächsten Jahren zunehmen. Deshalb sei es für junge Menschen wichtig, sich gut zu vernetzen und über den Tellerrand zu schauen, um sich mit der bereits erworbenen Ausbildung weitere Chancen zu eröffnen. Anpassungsfähigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit und Selbstständigkeit seien – unabhängig vom Fachwissen – die gefragten Kompetenzen.
Was bewirkt die Kurzarbeit? Kurzfristig gibt es gibt mit der Kurzarbeit einen Rettungsanker: Die Unternehmen sichern sich mit diesem Instrument Fachkräfte, sonst würde die Arbeitslosigkeit in der Industrie weiter steigen. Nach der neuesten verfügbaren Zahl gab es in Baden-Württemberg im Januar 62 829 Kurzarbeiter – ein Jahr zuvor waren es noch 44 380.
Die Kurzarbeiterquote betrug im April 1,3 Prozent – sie ist damit etwa doppelt so hoch wie der bundesweite Wert. Im Januar 2024 lag die Quote noch bei 0,9 Prozent.
Aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit gibt es noch einen anderen guten Weg, „um ein hohes Beschäftigungsniveau zu erreichen sowie für einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen“, wie Musati sagt. „Diesen präventiven Ansatz, Arbeitslosigkeit erst gar nicht entstehen zu lassen und frühzeitig Unternehmen mit Fachkräftebedarf zu gewinnen, verfolgen wir noch konsequenter mit der Arbeitsmarktdrehscheibe.“ Gemeint ist: Betriebe, die zu viele Fachkräfte an Bord haben, geben diese an Firmen mit entsprechendem Personalbedarf ab – ein Modell, was bisher aber nur regional funktioniert.
Was folgt bei einem Zollkrieg? Die Stellenabbaupläne gerade von namhaften Zulieferern wie Bosch, Continental und ZF zeigen, „dass sich die negative Entwicklung noch einige Zeit fortsetzen könnte“, heißt es in einer Sonderauswertung der BA. „Die Kfz-Branche wird die hohen Beschäftigungszahlen von Ende der 2010er Jahre wahrscheinlich nicht wieder erreichen.“
Mit zusätzlichen Auswirkungen wird durch die neuen US-Zölle gerechnet. Wenn sich der von US-Präsident Donald Trump angezettelte Zollkrieg ausweitet, können davon betroffene Unternehmen immerhin das konjunkturelle Kurzarbeitergeld erhalten, sofern der Arbeitsausfall nur vorübergehend ist. Die Leistung kann digital beantragt und abgerechnet werden, rät die BA.
Was gibt die BA für Kurzarbeit aus? Die Ausgaben für konjunkturelles Kurzarbeitergeld in Baden-Württemberg steigen deutlich: Zum Ende 2023 wurden 73,63 Millionen Euro verbucht, ein Jahr später schon 183,48 Millionen Euro – ein Plus von rund 150 Prozent. Im ersten Quartal dieses Jahres musste die Bundesagentur auch schon wieder 57,63 Millionen Euro aufwenden – schon jetzt ein Drittel der Ausgaben von 2024.