Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Heidenheim Frank Schmidt: „Geht nicht, gibt’s nicht!“

Heidenheims Trainer Frank Schmidt mit seinem Torjäger Tim Kleindienst Foto: Imago//Markus Fischer

Frank Schmidt hat den 1. FC Heidenheim von der Oberliga in die Fußball-Bundesliga geführt. Im Interview spricht er über Frauenfußball, eine lebensbedrohliche Krankheit, die Spiele gegen den VfB und das Ziel Klassenverbleib.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Sein erstes Pflichtspiel in der Fußball-Bundesliga bestreitet der 1. FC Heidenheim am 19. August (15.30 Uhr) beim VfL Wolfsburg. Trainer Frank Schmidt äußert sich zur aktuellen Lage, blickt wie immer aber auch über den Tellerrand hinaus.

 

Herr Schmidt, bestimmt bekommen Sie zum Phänomen 1. FCH oft die gleichen Fragen gestellt. Wenn Sie Journalist wären, was würden Sie Frank Schmidt fragen?

Oh, heute fordern Sie mich aber gleich richtig. Es stimmt schon, dass oft die gleichen Fragen gestellt werden, das ist aber auch normal. Der größte Unterschied zu den vergangenen Jahren ist, dass es jetzt vier- oder fünfmal so viele Medienanfragen gibt. Aber so spontan fällt mir keine Frage an mich ein.

Dann lege ich los – mit Frauenfußball. Schauen Sie WM-Spiele an?

Wenn überhaupt, dann nur sporadisch. Es fehlt einfach die Zeit dazu.

„Enttäuscht wie jeder Fan“

Nach dem Vorrunden-Aus des deutschen Teams liegt eine einst stolze Fußball-Nation am Boden.

Schade, die Nationalmannschaften sind immer das Zugpferd, und diesbezüglich ist schon etwas verloren gegangen. Darüber bin ich genauso enttäuscht wie jeder Fan.

Die Parallele zwischen den Frauen- und Männer-Nationalteams ist, dass sie sich gegen tief stehende Gegner schwer tun.

Ja, man braucht Kreativität, um Lösungen zu finden. Mut, um ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Wie hat Mehmet Scholl einmal gesagt: Die Kinder können 18 Systeme rückwärts laufen und furzen, aber dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren. Das Trainieren von kreativen Lösungen muss forciert werden, das zeigt sich auch im Vereinsfußball. Früher fielen in einem Testspiel gegen einen Landesligisten Tore am Fließband. Heute sind auch sie gut organisiert und stehen kompakt. Da tut es umso mehr weh, wenn überragende Offensivspieler, wie etwa ein Marc Schnatterer es lange Zeit bei uns war, immer mehr verloren gehen.

Sie haben beim FCH jetzt einen Tim Kleindienst.

Er ist ein absoluter Top-Mann, aber wir haben auch noch andere Spieler, die von ihren individuellen Stärken leben wie Jan-Niklas Beste, Adrian Beck oder Neuzugang Niko Dovedan. Auch Kevin Sessa und Florian Pick sind sehr beweglich. Aber das alles Entscheidende ist, dass sich jeder ausnahmslos in den Dienst der Mannschaft stellt, dass wir als Kollektiv auftreten und jeder Einzelne sein individuelle Qualität der Mannschaft zur Verfügung stellt. Das ist ist unser wichtigster Trumpf.

Auf den setzt offenbar auch Ihr Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald. Für ihn wäre der Klassenverbleib zumindest keine größere Sensation als der Aufstieg. Wie sehen Sie es?

Wir müssen nicht immer gleicher Meinung sein (lacht). Ich sehe es anders. Die Bundesliga stellt einen gewaltigen Sprung dar. Der FC Bayern zahlt für einen Spieler 100 Millionen Euro, das ist fast doppelt so viel wie unser gesamter Etat, und wir spielen jetzt in der gleichen Liga.

„HSV war chancenlos gegen VfB

Es gibt auch andere Clubs.

Klar, aber nehmen wir das das vergangene Relegationsspiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem Hamburger SV. Der VfB hatte gegen die vermeintlich beste Zweitligamannschaft alles im Griff, der HSV war chancenlos. Das zeigt die Diskrepanz zwischen den beiden Ligen.

Wie verändert die Bundesliga den 1. FCH?

Unsere herausragenden Werte wie Geschlossenheit, Mentalität, Zusammenhalt werden sich nicht ändern, denn sie müssen vieles auffangen. Wir werden die Stärken stärken, die Schwächen abbauen und schnell aus Fehlern lernen müssen. Wir müssen leidensfähiger werden, da wir uns öfter eine blutige Nase holen werden und vermutlich häufiger Spiele verlieren als in der zweiten Liga.

Auf was freuen Sie sich?

Auf die Bundesliga an sich, auf jeden einzelnen Spieltag. Es ist doch ein Traum, dabei sein zu dürfen. Und wir werden alles dafür tun, um drin zu bleiben. Mit vier, fünf anderen Mannschaften wollen wir uns einen harten Kampf liefern um den Klassenverbleib.

Wann haben Sie erstmals daran gedacht, mit dem FCH in der Bundesliga landen zu können?

Spätestens mit den Relegationsspielen 2020 gegen Werder Bremen war mir endgültig klar: Geht nicht, gibt’s nicht! Zumal wir immer Leistungsträger verloren hatten und in der folgenden Saison dennoch wieder eine sehr gute Rolle gespielt.

„Ich bin ein Wettkampftyp“

Diesmal mussten Sie keinen Führungsspieler ziehen lassen.

Genau, auch das macht uns Mut, dass wir mit unseren Mitteln in der Bundesliga bleiben können.

Die SpVgg Greuther Fürth wollte nach dem Bundesliga-Aufstieg 2021 mitspielen und kam nur auf 18 Punkte.

Wir werden nicht zwei Busse vor unserem 16er parken, aber ganz sicher Ergebnisfußball spielen, dazu bin ich zu sehr der Wettkampftyp. Das alles schließt nicht aus, dass wir mutig spielen. Im Gegenteil. Wir wollen auf dem schnellsten Weg Bälle erobern. Das entspricht der DNA des FCH.

Der Titel Ihres Buches heißt „Unkaputtbar“. Wie sehr hat Sie eine Entzündung im Bauchraum persönlich nachdenklich werden lassen, was den Stress im Trainergeschäft betrifft?

Diese Entzündung war nicht so dramatisch, eine Lungenembolie 2017, infolge einer Thrombose in der Wade, war dagegen kurzzeitig lebensbedrohlich. Solche Krankheiten verändern kurzfristig etwas, doch man kommt schnell wieder in den Alltagstrott. Verändert hat sich bei mir trotzdem etwas.

Was genau?

Ich bin schon etwas gelassener geworden. Aber ein Frank Schmidt funktioniert als Mensch und Trainer am besten, wenn er sich im roten Bereich befindet. Für eine ausgewogene Work-Life-Balance bin ich nicht geboren worden. Ich bin bereit, an Grenzen zu gehen – und sie immer wieder zu verschieben.

Können Sie abschalten?

Ja, auch ein Auto kann man nicht immer mit Vollgas fahren, man muss es auch mal stehen lassen. Ich habe gelernt, einen freien Tag zu genießen, auch wenn das meine Frau vielleicht etwas anders sieht (lacht).

„Stuttgart ist ein gefühltes Heimspiel“

Wie sehr fiebern Sie den Spielen gegen den VfB entgegen?

Derby darf man, glaube ich, nicht sagen, sondern Nachbarschaftsduell. Also derzeit noch gar nicht. Wenn es dann soweit ist, ist die Vorfreude auf ein emotionales Spiel sicher groß. Und in Stuttgart spielen wir ja dann in der Arena, die nach unserem Hauptsponsor MHP benannt ist, das ist ja dann ein gefühltes Heimspiel (schmunzelt).

Ist Ihnen noch eine Frage an sich selbst eingefallen?

Ich bin zu wenig kreativ. Ich frage lieber Sie, hätten Sie gedacht, als wir uns vor zehn Jahren auf der Kirchheimer Hahnweide zum traditionellen Interview mit den württembergischen Drittligatrainer mit Massimo Morales und Jürgen Kramny trafen, dass ich zehn Jahre später mit Heidenheim in der Bundesliga spiele? (lacht)

Zur Person

Karriere
Frank Schmidt wurde am 3. Januar 1974 in Heidenheim geboren. Als Profi spielte er zwischen 1994 und 2007 unter anderem für den TSV Vestenbergsgreuth, Alemannia Aachen und den SV Waldhof Mannheim, später für den Heidenheimer SB. Nach seiner Karriere wechselte Schmidt 2007 in Heidenheim kurze Zeit als Co- und dann als Cheftrainer auf die Trainerbank. Er führte den Club von der Oberliga bis in die Bundesliga 2023. Der Aufstieg in die zweite Liga war 2014 gelungen. Sein aktueller Vertrag läuft bis zum Juni 2027.

Persönliches
Frank Schmidt ist verheiratet mit Nadine. Das Paar hat die Töchter Julia (24) und Lara (21). In seiner Freizeit fährt der Erfolgstrainer Mountainbike und spielt Tennis. Schmidt war schon Vereinsmeister beim SV Bachhagel. (jüf)

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