Die Momente der Enttäuschung häufen sich. Bei Roberto Massimo, Mateo Klimowicz, Ömer Beyaz. Auch bei anderen Spielern. Sie alle sind ja mit der Hoffnung in die Saisonvorbereitung gestartet, sich beim VfB Stuttgart doch noch durchzusetzen, selbst wenn klar war, dass trotz ihres fußballerischen Potenzials die Perspektiven beim Bundesligisten nicht mehr die besten sind. Und nun bekommen sie zu spüren, was das bedeutet: „Wir können nicht in einem Spiel drei Halbzeiten lang mit jeweils elf Spielern antreten“, sagt der Trainer Pellegrino Matarazzo. Also kam nahezu eine komplette Elf zum Abschluss des Trainingslagers im Test gegen den FC Brentford (2:1) nicht zum Zug – viel Talent mit wenig Aussichten auf Einsatzzeiten saß auf den Zuschauerrängen.
Mit mehr als 30 Spielern war der VfB zuletzt im Allgäu. Auch das Mannschaftsfoto wurde im Weitwinkelformat aufgenommen, die Spieler drängen sich auf dem Bild – und die Frage lautet nicht nur in Stuttgart, wer von ihnen nach dem Ende der Transferphase am 1. September noch da ist. „Es wird sich noch etwas tun, weil wir eine Reihe von jungen Spielern haben, die Einsatzzeiten benötigen, gegebenenfalls auch in der zweiten oder dritten Liga“, sagt der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle, der gleichzeitig Sportvorstand ist.
Was ist mit den englischen Clubs los?
Mit Sven Mislintat stimmt er sich eng ab, und der Sportdirektor hat die Aufgabe, den XXL-Kader zu reduzieren. „Dass es zu diesem Zeitpunkt schon Angebote gibt, habe ich ohnehin nicht erwartet“, hat Mislintat kürzlich erklärt. Es braucht Geduld. Seiner Einschätzung nach fehlt das Geld, das in den vergangenen Jahren die englischen Clubs in den Markt gepumpt haben. „Die Engländer geben zwar viel aus, aber nur in ihrem eigenen Kreislauf und kaum extern“, meint Mislintat, der sich in der Liga nicht alleine der Herausforderung stellen muss, die Anzahl der Spieler zu verringern.
Hertha BSC, der VfL Wolfsburg, Union Berlin, RB Leipzig und Borussia Dortmund sind ebenso betroffen. Es hat sich offenbar ein Transferstau gebildet, weil die Coronapandemie das Geschäft verändert hat – gerade für Spieler der mittleren und unteren Preis- und Güteklasse. Sie kommen nicht mehr so leicht unter, weil die Clubs in ganz Europa sehr auf ihre Ausgaben achten müssen. Dazu gesellt sich offenbar ein Siesta-Faktor. „Die Südländer schlafen alle noch. Du rufst den einen oder anderen Kollegen an, und der ist noch im Urlaub irgendwo am Strand und hat gar keine Lust, über Fußball zu reden“, sagt Fredi Bobic.
Der Hertha-Manager gilt als gewiefter Ein- und Verkäufer mit guten Kontakten nach Spanien, Italien und Frankreich. Aber auch Berlins neuer Trainer Sandro Schwarz hat 34 Mann im Trainingslager im englischen Burton-upon-Trent dabei. Bobic würde gerne Großverdiener wie Krzysztof Piatek, Lucas Tousart oder Deyovaisio Zeefuik abgeben. Potenzielle Interessenten warten jedoch ab. Der Preis könnte fallen.
Beim VfB sind außer Massimo (Zweitligist Fortuna Düsseldorf soll interessiert sein), Klimowicz (wird mit dem FC Elche in Spanien in Verbindung gebracht) und Beyaz (RB Salzburg hatte angeklopft) auch Clinton Mola, Philipp Klement, Maxime Awoudja und Antonis Aidonis zu haben – notfalls auf Leihbasis. Dazu kommen die Stürmer Wahid Faghir und Alou Kuol, denen man derzeit die Bundesliga nicht zutraut.
Wie groß soll der Kader künftig sein?
Da sich jedoch alle Betroffenen für künftige Arbeitgeber in eine gute Form bringen wollen, drückt die Ungewissheit Einzelner nicht auf die Gesamtstimmung im Team. Ohnehin hatte Matarazzo bereits nach der Saisonanalyse angedeutet, künftig mit weniger Spielern arbeiten zu wollen. Auf eine bestimmte Kadergröße legen sich die Stuttgarter allerdings nicht fest. In Leipzig soll der Schnitt nach Wunsch des Trainers bei 26 Spielern erfolgen – trotz Mehrfachbelastung durch Champions League und Länderspielabstellungen. „Ein gesunder Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft ist gut. Meiner Meinung nach reicht es aber vollkommen aus, auf einer Position doppelt besetzt zu sein“, sagt Domenico Tedesco, der nach der Rückkehr von Leihspielern ebenfalls mit einem Riesenkader gestartet ist.
Sportlich und prominent verstärkt hat sich im deutschen Oberhaus neben dem FC Bayern bisher nur Borussia Dortmund. Die westfälische Transferoffensive zeigt nun jedoch ihre Kehrseite. Abgänge gibt es noch keine – dabei benötigt der BVB Einnahmen, um durch Corona hervorgerufene Verluste abzufangen und weitere Verpflichtungen zu tätigen. Der VfB betont hingegen, keine Spieler aus finanziellen Gründen verkaufen zu müssen. „Wir sind handlungsfähig, wie die Verpflichtungen von Josha Vagnoman und Juan Perea bereits gezeigt haben“, sagt Wehrle. Ein Transferüberschuss ist jedoch eingeplant. Von 20 Millionen Euro war ursprünglich die Rede. Die Kandidaten, um diese Summe zu erreichen, heißen Borna Sosa, Sasa Kalajdzic und Orel Mangala. Allerdings muss dafür erst der Geldkreislauf in Schwung kommen.