Bundesliga Warum die TSG Hoffenheim mit dem Feuer spielt

Kein Hoffenheimer mehr: Offensivmann Kerem Demirbay Foto: Baumann

Die TSG Hoffenheim verkauft etliche Leistungsträger für teures Geld – dabei dient die riskante Transferphilosophie der Kraichgauer einem ausgeklügelten Plan.

Sport: Marco Seliger (sem)

Zuzenhausen - Alexander Rosen ist eigentlich ein Mann der klaren, einprägsamen Worte, gerne spricht er Tacheles – aber der Manager der TSG Hoffenheim kann’s auch kryptisch. „Ein Club unserer Prägung kann es sich kaum erlauben, ein solches Angebot auszuschlagen“, sagte Rosen also kürzlich nach dem Rekordverkauf seines Clubs: „Es gilt abzuwägen zwischen dem sportlichen Wunsch und der finanziellen Vernunft.“

 

Am Ende siegte beim Transfer von Stürmer Joelinton zu Newcastle United die Vernunft, die TSG kassierte etwas mehr als 41 Millionen Euro vom Club aus der Premier League – was aber im allgemeinen Transferbetrieb mit seinen Irrsinnsummen nicht viel mehr gewesen wäre als eine Randnotiz.

Wenn da nicht die ganzen anderen Abgänge der Hoffenheimer wären.

Immerhin, in Nationalspieler Sebastian Rudy, den die TSG offenbar vom FC Schalke ausleiht, haben die Hoffenheimer ja einen prominenten Neuzugang an der Angel – sieht man vom mutmaßlichen Rückkehrer ab, ist in diesem Sommer rund um die TSG aber eher vom Ausverkauf die Rede.

Der nun perfekte Transfer des U-21-Nationalspielers Nadiem Amiri zu Bayer Leverkusen ist der vorläufige Schlussakt der Verkaufstour – die Wechsel von Linksverteidiger Nico Schulz (zu Borussia Dortmund/etwa 25 Millionen Euro Ablöse) und von Offensivmann Kerem Demirbay (Leverkusen/etwa 32) standen ja schon länger fest. Zusammengerechnet kassierte Hoffenheim bislang etwa 100 Millionen Euro für das Trio Schulz, Demirbay und Joelinton, für Amiri kommen nochmal geschätzte zehn Millionen dazu.

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Die TSG schwimmt also im Geld und wagt den Spagat – dem Manager Rosen ist dabei klar, dass der Kader nicht zu viel Qualität verlieren darf, auch wenn sich das Konto dadurch füllt. „Wir verkaufen Spieler ja nicht wie Waren“, sagt er: „Wir schauen nicht auf unser Konto und veranstalten dann ein Fest. Dass wir uns langfristig über Transfer-Erfolge finanzieren, gehört aber zu unserer Philosophie.“

Die besagt, dass der Club finanziell schon seit einiger Zeit auf eigenen Beinen stehen will. Und nicht mehr auf jenen des Mäzens Dietmar Hopp. Demut, Zurückhaltung und Weitblick, das sind die Hoffenheimer Schlagwörter – die Zeiten, in denen die TSG mit den Millionen des Milliardärs Hopp offenbar ohne Verstand teure Profis kaufte, als es auch deshalb mal die berühmte Trainingsgruppe 2 mit abgehalfterten Ex-Stars gab, sind lange vorbei.

Süle als Vorbild

Stattdessen machte das Modell, junge Spieler auszubilden und dann gewinnbringend zu verkaufen, Schule. Bestes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: der Transfer von Eigengewächs Niklas Süle im Sommer 2017 für 20 Millionen zum FC Bayern. Den Weg ohne spektakuläre Neuverpflichtungen und finanzielles Risiko gehen die Verantwortlichen um Rosen nun konsequent weiter, gepaart mit den teuren Verkäufen. Der Manager bewertet die Dinge kühl und nüchtern. „Uns haben bereits in den letzten Jahren viele große Spieler verlassen und wir haben uns trotzdem entwickelt“, sagt Rosen.

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Und wer nun immer denkt, dass die TSG bei all dem Aderlass nicht mehr das Zeug hat, oben mitzuspielen, täuscht sich. In Ishak Belfodil (16 Tore in der vergangenen Saison) und Andrej Kramaric (17) hat die TSG zwei exzellente Offensivkräfte in ihren Reihen, die Abwehr um Benjamin Hübner, Kevin Vogt und Ermin Bicakcic ist eingespielt, zudem sind die Leihspieler Vincenzo Grifo (SC Freiburg) und Steven Zuber (VfB Stuttgart) zurückgekehrt.

Und auch wenn es ein bisschen unterging bei den vielen Verkäufen: Auch die TSG hat auf dem Transfermarkt zugeschlagen – und neben dem erfahrenen Rudy Profis geholt, die ins Beuteschema passen. Günstig und entwicklungsfähig sollen die Neuen sein, was bei den Offensivmännern Sargis Adamyan (26/Jahn Regensburg) und Ihlas Bebou (25/Hannover 96) sowie bei Linksverteidiger Konstantinos Stafylidis (25/FC Augsburg) zutrifft, die drei kosteten zusammen keine zehn Millionen Euro. Der bisherige Königstransfer der TSG wiederum kostete ein paar Wochen später knapp zehn Millionen alleine.

Skov auf Firminos Spuren?

Stürmer Robert Skov schoss den FC Kopenhagen in der abgelaufenen Saison mit 30 Toren in 34 Spielen zur Meisterschaft, nun holte ihn die TSG – weil er nicht nur qua Alter (23 Jahre) und der vergleichsweise günstigen Ablöse perfekt ins Schema passt. Skov führt auch eine Tradition in der TSG-Offensive fort: In den vergangenen Jahren spielten sich in Andrej Kramaric, Mark Uth, Kevin Volland oder Roberto Firmino regelmäßig variabel einsetzbare Hoffenheimer Angreifer auf Top-Niveau. Skov soll nun folgen.

Dank einer kräftigen Statur kann Skov als zentraler Stürmer auflaufen, auch im offensiven Mittelfeld wurde er schon eingesetzt. Und er ist eine Waffe bei Standards – Skov erzielte in der abgelaufenen Runde acht Freistoßtore. So hoffen sie bei der TSG darauf, dass Skov Tore schießt wie Joelinton und nebenbei Kerem Demirbays linken Fuß bei Standards ersetzt.

Und irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, das ist die Hoffenheimer Idealvorstellung, steht dieser Skov dann wie seine prominenten Vorgänger im Fokus bei den großen Clubs – und bringt die nächste satte Transfereinnahme.

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