Bundesnachrichtendienst Die Geheimdossiers des Reinhard Gehlen

Reinhard Gehlen Foto: dpa
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Der erste Chef des Auslandsgeheimdienstes BND, Reinhard Gehlen, führte eine „Sonderkartei“ über bundesdeutsche Politiker. Historiker versuchen die Akten zu rekonstruieren.

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Berlin - Willy Brandt sei ein „großer Arbeiter, aber erheblicher Streber“, notiert Anfang der 1960er Jahre der damalige Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Reinhard Gehlen. Brandt war damals Regierender Bürgermeister von Westberlin, er sei „den Berlinern jedoch nur durch die Alliierten aufgeschwatzt“ worden, glaubt Gehlen. Die respektlosen Notizen des BND-Chefs über den SPD-Politiker sind jetzt im Archiv des Geheimdienstes wiedergefunden worden. Sie stammen aus einer berüchtigten „Sonderkartei“ über prominente Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, die Gehlen persönlich bis zu seinem Ausscheiden aus dem Dienst 1968 führte.

Die Existenz dieser Kartei ist erstmals 1974 im Zuge der Guillaume-Affäre bekannt geworden. Nach dem Auffliegen des Stasispions Günter Guillaume, der damals persönlicher Referent von Bundeskanzler Brandt war, hatte der Bundestag einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Vor dem Gremium bestätigten führende BND-Mitarbeiter, dass Gehlen rechtswidrig eine große Zahl von Geheimdossiers über bundesdeutsche Politiker angelegt hatte. Nur der BND-Präsident selbst habe Zugriff darauf gehabt. Ein BND-General bestätigte seinerzeit, dass in dieser Privatkartei seines Chefs „ganz besonders delikate Dinge“ verzeichnet gewesen seien, die als „Führungsunterrichtung“ nur an den Präsidenten gegangen seien.

Der BND vernichtete die eigentliche „Sonderkartei“

Umfang und Inhalt der „Sonderkartei“ blieben vor 40 Jahren aber unbekannt. Die Dossiers waren von Gehlens Nachfolger, Gerhard Wessel, 1969/70 vernichtet worden. Gehlen selbst verweigerte jede Auskunft. So schossen Spekulationen ins Kraut, wonach in diesen Dossiers auch allerlei schlüpfrige und kompromittierende Details aufgeführt waren, etwa zu sexuellen Vorlieben, Korruptionsgeschichten oder politischen Geheimkontakten.

Der Schleier über Gehlens Privatkartei ist jetzt ein wenig gelüftet worden. Auf einer Tagung der Unabhängigen Historikerkommission, die die Geschichte des BND und seines Vorläufers, der „Organisation Gehlen“, von 1945 bis 1968 aufarbeiten soll, wurden nun in Berlin erste Erkenntnisse darüber öffentlich gemacht. Die Vorstellung des Sensationsfundes im BND-Archiv war Bodo Hechelhammer vorbehalten, der zwar kein Mitglied der Kommission ist, als Chefhistoriker des Geheimdienstes aber eng mit den unabhängigen Wissenschaftlern zusammenarbeitet.

Hechelhammer zufolge sei man bei der Auswertung von Archivdokumenten auf „verstreute Akten“ aus der Sonderkartei gestoßen. Auch habe man einzelne Dossierinhalte rekonstruieren können. Anhand der Übergabe- und Vernichtungsprotokolle 1969/70 konnte man zudem einen, wenn auch vermutlich nicht vollständigen Überblick des Umfangs der Kartei erhalten. Danach seien in der Gehlen-Kartei insgesamt 210 Persönlichkeiten erfasst gewesen, deren Dossiers zwischen einer und 500 Seiten stark waren. Erfasst waren Politiker aller Bundestagsparteien – die meisten von der SPD (39 Prozent), gefolgt von CDU (36), FDP (14) und CSU (9). Den dicksten Ordner hatte der CSU-Politiker Franz Josef Strauß; aber auch Adenauers rechte Hand, Kanzleramtschef Hans Globke, sowie Herbert Wehner (SPD), Wolfgang Döring (FDP) und Jakob Kaiser (CDU) waren in der Kartei vertreten. Neben Politikern enthielt die Kartei auch Informationen über „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein und die – von Adenauer kurzzeitig als Kommunistin (!) verdächtigte – Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Darüber hinaus gab es auch Ordner über den Springer Verlag und den „Spiegel“.




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